Bob Dylan bewegt sich 2020 souverän durch die Geschichte der Popkultur.

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Time takes a cigarette: Nach sechs Jahrzehnten im Bühneneinsatz gilt Bob Dylan als jener Mann, der die Musik des 20. Jahrhunderts entscheidend beeinflusste, indem er den Song zur literarischen Kunstform veredelte. Nach Anfängen als Schüler von Volkssänger Woody Guthrie und als Student der legendären Liedsammlung von Smithsonian Folkways schloss der Mann aus Minnesota William Shakespeare mit Little Richard kurz. Pop wurde mit ihm erwachsen.

Der heute 79-Jährige bewahrte mit der lockeren Verwendung historischer Musiken und Zitate alte Volksmusiken wie überhaupt das "große amerikanische Songbook" vor dem Vergessen. Als eine der Stimmen der US-Bürgerrechtsbewegung ist sein Ruf ebenso unbestritten, wie Bob Dylan auch immer wieder als Chronist jener amerikanischen Missstände in Erscheinung trat, die den Themenkomplex Rassismus und strukturelle Gewalt behandeln.

1964 erschien etwa sein Song The Lonesome Death of Hattie Carroll, ein Stück über den Mord eines weißen Farmers an seiner afroamerikanischen Haushälterin. Vor 44 Jahren sang Dylan dann auch in Hurricane über Polizeigewalt und den unschuldig wegen Mordes einsitzenden Boxer Rubin Carter: "If you’re black, you might as well not show up on the street / ’Less you want to draw the heat."

Historischer Abriss ...

Hat sich nach all den Jahren in Dylans und unserer Welt etwas verändert? Im März 2020 ist als Vorbote des neuen Albums Rough and Rowdy Ways Bob Dylans elegische Geschichtsreise durch die Zeiten erschienen, vollgestopft mit Bildern und Erinnerungsfetzen, die bis ins Heute unsere Kultur bestimmen. Das 17-minütige Stück Murder Most Foul, das musikalisch lose als Orchesterprobe angelegt um den von Dylan oft als endgültigen Sündenfall der USA bezeichneten Mord an Präsident John F. Kennedy kreist, entwirft einen historisch ausufernden Abriss der Populärkultur. Shakespeare wird ebenso erwähnt wie die Mondscheinsonate, Little Richard, Elvis und die Beatles werden beschworen. Woodstock und Altamont kommen vor. Große Jazznamen wie Oscar Peterson oder legendäre Radio-DJ Wolfman Jack werden erwähnt; schließlich auch die Eagles und Another One Bites the Dust von Queen sowie der Horrorklassiker Freitag der 13..

Denny Zartman

Die laut Dylan in einem Trancezustand geschriebene Assoziationskette erweist sich vor allem auch als eine wehmütige wie bittere Abrechnung mit den alten Träumen von einem besseren Leben in einer besseren Welt.

"Blackface singer, whiteface clown, better not show your faces after the sun goes down. Up in the red light district, they’ve got cop on the beat, living in a nightmare on Elm Street." Und: "We’re gonna kill you with hatred, without any respect. We’ll mock you and shock you and we’ll put it in your face ...", ist da zu hören. Geschichte als Brandsatz für aktuelle Zustände.

In einem seltenen Interview mit der New York Times meint Dylan, der sich sonst mit tagesaktuellen Meldungen konsequent zurückhält, nun über den Mord an George Floyd, der die Black-Lives-Matter-Bewegung befeuert: "It sickened me no end to see George tortured to death like that." Auch die restlichen Songs dieses späten Opus magnum namens Rough and Rowdy Ways sind als jene Rückschau angelegt, die immer auch das Heute im Augenwinkel behält.

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Alt ist Bob Dylan schon seit 30 Jahren. Schon 1997 beschäftigte er sich auf dem Album Time Out of Mind mit einer Welt, die speziell älteren Menschen als zunehmend verrückt erscheint. Der nahende Tod und der allgemeine Niedergang werden grimmig ins Visier genommen: "It's not dark yet, but it's getting there."

Heute hört man in Crossing the Rubicon zu einem rumpelnd aus der Zeit gefallenen und an allen Ecken und Enden krachenden Chicagoblues im Stile von Muddy Waters oder John Lee Hooker die mit der Bibel wachelnden Zeilen: "Three miles north of purgatory, one step from the grave beyond. I prayed to the cross, I kissed the girls and I crossed the Rubicon."

... geschrieben in Trance

In einer Welt, die für jeden von uns ganz persönlich untergehen wird, vor allem wenn man 79 Lenze zählt, ist natürlich auch das Lachen erlaubt. Dylan wäre nicht der alte Trickster, wenn er nicht im grummelnden Stück I Contain Multitudes ein wenig mit den verschiedenen Autoren-Ichs spielen würde, die man ihm gern nachsagt: "I’m just like Anne Frank, like Indiana Jones and them British bad boys, The Rolling Stones. I go right to the edge, I go right to the end. I go right where all things lost are made good again."

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Acht Jahre nach seinem letzten Album mit Eigenmaterial befindet sich Bob Dylan auf Rough and Rowdy Ways gesanglich so gut wie lange nicht krächzend mit anspielungsreichen und schön gemütlichen Liedern für die Elterngeneration auf der Höhe seiner Kunst. Referenzhölle, Baby!

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Neben Bluesstampfern wie Goodbye Jimmy Reed oder False Prophet wackelt Dylans Begleitband sogar in Klassikbereiche, mitunter scheinbar auch gestärkt von zwei, drei Fluchtachterln. Die tatterige Johannistrieb-Ballade I’ve Made Up My Mind to Give Myself to You basiert auf der Barcarole aus Jacques Offenbachs Hoffmanns Erzählungen. Ganz ernst scheint er das nicht zu nehmen. Nicht mehr. Glückliches Alter! (Christian Schachinger, 19.6.2020)