Die Initiatoren von "We want to meet each other" sehen in den Ausnahmen der strengen Corona-Regeln ein politisches Statement der Regierung von Benjamin Netanjahu.

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Drei Monate ist es her, dass ihr ganzes Umfeld im Lockdown verschwand, aber Hila Nahmani hatte an jenem Tag andere Sorgen. Sie lag in den Wehen. Die TV-Produzentin aus Israel, die mit ihrem Mann in Belgien lebt, brachte im Spital ihr zweites Kind zur Welt. Die Welt sagte aber nicht Hallo, sondern: Ab in die Quarantäne. Dort wartete ihre Mutter auf sie, die kurz vor dem Geburtstermin aus Israel angereist war. Sie wollte die Tochter in den Wochen nach der Geburt unterstützen und auf das ältere Kind aufzupassen, wenn der Papa in der Arbeit ist.

Aus den geplanten vier Wochen wurden drei Tage, Oma ergatterte einen der letzten Plätze im Flieger zurück nach Tel Aviv. Opa hat das Enkelkind bis heute nicht gesehen. Dabei hat Nahmani in den vergangenen zwei Monaten fast täglich mit Ministerien, Botschaften, Abgeordneten telefoniert, um eine Erlaubnis zu bekommen, mit Mann und den Kindern zu den Großeltern fahren zu dürfen: "Ich habe alles versucht", sagt sie zum STANDARD.

Die Antwort war stets dieselbe: Ja, sie dürfe als israelische Staatsbürgerin jederzeit einreisen. Ihr Baby und ihr Mann hingegen seien Fremde, da sei leider nichts zu machen.

Nahmani ist sauer. Ihr Mann, ein Belgier, ist in Israel offiziell als ihr Ehemann registriert. "Aber man behandelt ihn wie jeden x-beliebigen Touristen."

Mehr als 600 getrennte Familienmitglieder

So wie Nahmani geht es den meisten der über 600 Mitglieder der Initiative "We want to meet each other". Es sind Familien und Paare, von denen ein Teil in Israel lebt und seit Monaten von den Angehörigen getrennt ist. Anders als andere Staaten, die bei den Einreisebeschränkungen unterscheiden, ob es sich um Touristen oder um Angehörige handelt, fährt Israel ein strenges Regime. Und das, obwohl Israel ein Land ist, in dem die allermeisten Familien einen Bezug zum Ausland haben – und die Zahl der binationalen Paare steigt.

Plia Kettner, eine der Gründerinnen der Plattform, hat ihren in Schweden lebenden Lebensgefährten seit drei Monaten nicht gesehen. "Was uns wirklich frustriert, ist, dass wir keine Ahnung haben, wie lange es noch dauert", sagt sie im STANDARD-Gespräch. Über die Facebook-Gruppe der Plattform hat sie Betroffene aus der ganzen Welt kennengelernt. Sie erzählt von einem Israeli, dessen Ex-Frau mit den beiden Kindern in Italien lebt. Der Plan, dass die Kinder die Sommerferien mit dem Papa in Israel verbringen, wurde durch die Einreisesperre durchkreuzt.

Ausnahmen als politisches Statement

Israel erlaubt die Einreise nur für ganz bestimmte Gruppen – etwa für religiöse Studenten und für Angehörige, die an einer Hochzeit in Israel teilnehmen wollen. Nahmani sieht in den Ausnahmebestimmungen ein politisches Statement, zumal es in Israel keine standesamtliche Heirat gibt. "Die Botschaft ist: Religiöse Juden dürfen rein. Gemischt-religiöse Paare sollen bleiben, wo sie sind." Das Virus sei nur ein vorgeschobenes Argument, glaubt Nahmani. "Sind die Frommen weniger ansteckend als wir?"

Unter den Betroffenen ist auch die Österreicherin Hannah Luegmeyer. Die 34-jährige Grafikerin, die um ein Partnervisum in Israel angesucht hat, hätte eigentlich im April einreisen wollen, um sich hier dauerhaft niederzulassen. Seit drei Monaten ist sie in regem Kontakt mit den Behörden, erbringt Nachweise, dass sie im Wohnsitz ihres israelischen Partners die vorgeschriebenen Isolationskriterien erfüllt und sich vor der Einreise einem Test unterziehen würde. Trotzdem lässt man sie nicht einreisen.

Sonderbehandlung für Reiche

Der Ärger der Betroffenen wird durch Medienberichte befeuert, die von Sonderbehandlungen für reiche Promis zeugen. Der israelisch-zypriotische Milliardär Teddy Sagi war aus Zypern nach Tel Aviv gereist, um hier einer Party beizuwohnen, wie der TV-Sender Channel 12 berichtete. Auf die Frage, warum er sich nicht an die 14-tägige Quarantänepflicht gehalten habe, erklärte Sagi, er habe von einem leitenden Beamten im Gesundheitsministerium eine Sondergenehmigung erhalten. Nachdem der Vorfall öffentlich geworden war, entschuldigte sich der Beamte für sein Fehlverhalten.

Hoffnungen auf eine baldige Lockerung der Reisesperren werden durch die jüngst stark ansteigenden Infektionszahlen in Israel und im Westjordanland allerdings nicht beflügelt. Die Regierung einigte sich am Montag auf eine Aufstockung der Beatmungsgeräte, um dem befürchteten Anstieg der Patienten in kritischem Zustand gerecht zu werden. Die Strafen für Verstöße gegen die Maskenpflicht wurden von 200 auf 500 Schekel (von rund 50 auf 130 Euro) erhöht. (Maria Sterkl aus Tel Aviv, 23.6.2020)