Süleyman, der Prächtige, wie ihn 2011 eine türkische Soap sah. Dass der Sultan im Film Wein, Weib und Gesang liebt, rief Proteste hervor.

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Ein Tweet eines ehemaligen Generalsekretärs der Arabischen Liga bringt die neue arabische Gefühlslage auf den Punkt: "Die Türkei", so schreibt Amr Moussa, "ist derzeit die größte Gefahr für die arabische Welt." Als ägyptischer Außenminister galt er als Hardliner gegenüber Israel, später warnte er vor den Expansionsgelüsten des Iran: Aber jetzt sitzen die Türken nicht nur in Syrien, wo in Idlib mit der türkischen Lira bezahlt wird, sondern auch, von Kairo gesehen, nebenan, in Libyen, und versuchen, die Nummer eins im Mittelmeerraum zu spielen.

Der ägyptische Präsident Abdelfattah al-Sisi sprach am Wochenende von einer "roten Grenze", die überschritten werde, wenn die Stadt Sirte oder der Luftwaffenstützpunkt Jufra von den Truppen der – international anerkannten – libyschen Regierung von Fayez al-Serraj erobert wird. Serraj ist zu dieser Offensive nur imstande, weil er militärisch von der Türkei unterstützt wird, das ist der Punkt. General Khalifa Haftar, auf den Ägypten, die Vereinigten Arabischen Emirate, Saudi-Arabien, aber auch Russland und Frankreich setzten, hat den Kampf um Tripolis verloren. Nun gilt es zu verhindern, dass "die Türken" – auch wenn es libysche Milizen und syrische Söldner sind – weitermarschieren.

Drohung mit Militäreinsatz

Ziad Akl vom Al-Ahram Center for Political and Strategic Studies (ACPSS) in Kairo formuliert es in der Financial Times so: "Ägypten will nicht, dass ein einziger Türke die Linie nach Ostlibyen überschreitet." Sisi drohte explizit mit einem ägyptischen Militäreinsatz, um das zu verhindern.

Auch aus Frankreich kam harte Kritik an der türkischen Libyen-Politik, worauf Ankara Paris vorwarf, Libyen spalten und seine "koloniale Ordnung" wiederherstellen zu wollen. Aber genau das ist auch der arabische Vorwurf an die Türkei unter Präsident Tayyip Erdoğan: neoosmanistische Ambitionen in der arabischen Welt bis hin zur physischen Kontrolle arabischen Landes. Es geht dabei aber auch um die Deutung islamischer Geschichte. Denn die Araber sind mit der Tatsache konfrontiert, dass das, was sie heute "osmanischen Kolonialismus" nennen, stets auch eine Dimension der islamischen Expansion hatte.

Tat statt Invasion

Jüngst trat das ägyptische Dar al-Ifta – das ist die Institution, die Fatwas, religiöse Gutachten, erstellt – ins Fettnäpfchen: Die ägyptischen Theologen nannten die türkische Eroberung des christlichen Konstantinopel im Jahr 1453 eine osmanische Invasion – musste dann aber doch zurückrudern und klarstellen, dass das eine "große islamische" Tat war.

Führend beim Versuch der Neuinterpretation der osmanischen Epoche, die vor hundert Jahren mit dem Ersten Weltkrieg zu Ende ging, als das Osmanische Reich zerfiel, ist Saudi-Arabien. Dort wird systematisch versucht, den türkischen medialen und kulturellen Einfluss zurückzudrängen, etwa indem man die beliebten türkischen Soap-Operas durch arabische Produktionen ersetzt. In Lehrbüchern ist die osmanische historische Beherrschung großer Teile der Arabischen Halbinsel bereits als "Besatzung" qualifiziert.

Auch in Wien wohlbekannt

Die Araber haben dabei ein Feindbild gefunden, bei dessen Name auch österreichische Ohren klingeln: Sultan Süleyman, den Prächtigen, in der islamischen Welt als "der Gesetzgeber" (al-Qanuni) bekannt, der 1529 Wien belagerte. Die Meldung, dass in der saudi-arabischen Hauptstadt Riad die Schilder der nach ihm benannten Straße abmontiert wurden, rief großen türkischen Ärger hervor. Auf Social Media setzten Schlachten von Süleyman-Verehrern und -Bashern ein.

Wobei sich die Saudis schwertun werden, das osmanische Erbe völlig auszuradieren: "Turki", Türke, ist in der Königsfamilie ein häufiger Vorname. Das saudisch-türkische Verhältnis ist spätestens seit der Ermordung von Jamal Khashoggi in Istanbul im Jahr 2018 durch saudische Agenten im Keller: Laut saudischem Narrativ war Khashoggi – übrigens ein Name türkischen Ursprungs, von kaşıkçi, der Löffelmacher – ein Muslimbruder-Sympathisant, also jener Richtung des politischen Islam zugehörig, der auch Erdoğan zugezählt wird und die von Saudi-Arabien, den Emiraten und Ägypten bekämpft wird.

Figuren aus der Geschichte

Hat Süleyman in Riad seine Straße verloren, soll im Gegenzug in Zukunft ein langer Boulevard in Tajoura, in der libyschen Hauptstadt Tripolis, nach ihm heißen: Hat er doch 1551 von dort die Spanier vertrieben – wie jetzt Erdoğan den von Ägypten und anderen unterstützten General Haftar.

Den Einsatz der Geschichte haben nicht die Araber erfunden: Erdoğan lässt zu offiziellen Anlässen gerne Figuren aus der türkischen Geschichte aufmarschieren. Und wahlkämpfend adressierte er 2014 in Wien das türkische Publikum als "Nachkommen von Süleyman, dem Prächtigen". (Gudrun Harrer, 26.6.2020)