Ein Bild aus besseren Zeiten: Großschlachter Clemens Tönnies (li.) und Nordrhein-Westfalens Regierungschef Armin Laschet (CDU) amüsieren sich in Köln. Musiker Leslie Mandoki (re.) hat auch Spaß.

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Es wird natürlich nie eine Bestätigung dafür geben, aber man kann sich folgendes Szenario schon gut vorstellen. In Brilon, einer Kleinstadt in Nordrhein-Westfalen, verhalten sich Nachrichtenkonsum und Laune von Friedrich Merz gerade direkt proportional. Je mehr er in den Medien sieht, wie sehr sich Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Armin Laschet (CDU) abstrampelt, desto besser wird die Stimmung des ehemaligen CDU-Fraktionschefs.

Die beiden haben ja eines gemeinsam: Sie wollen im Dezember auf dem Parteitag in Stuttgart zum neuen Vorsitzenden der CDU gewählt werden. Zunächst schien es ein offenes Rennen zu werden, mit leichtem Vorteil für Merz. Doch dann kam Corona, drängte Merz wie auch den dritten Bewerber, Ex-Umweltminister Norbert Röttgen, in den Hintergrund und brachte Laschet dank seines Ministerpräsidentenamtes ins Scheinwerferlicht.

"Der lockere Laschet"

Unermüdlich war er im Einsatz, erklärte täglich, wie der Pandemie beizukommen sei, und stellte sich – als die Infektionszahlen zurückgingen – an die Spitze derer, die Lockerungen befürworten. "Der lockere Laschet" wurde er dafür genannt. Er positionierte sich damit gegen Bundeskanzlerin Angela Merkel, die stets zur Vorsicht mahnte und dies immer noch tut. Während Laschet "eine offene Debatte" über die Zeit nach Corona einforderte und erklärte, man brauche "die Hoffnung und den Ausblick", dass es bald wieder besser werde, klagte Merkel über "Öffnungsdiskussionsorgien".

Laschet, so schien es, wollte derjenige sein, der den Menschen wieder ihre Freiheit gibt. Doch dann kam der Tönnies-Skandal. Mehr als 1500 Beschäftigte haben sich beim Großschlachter angesteckt, zwei Landkreise in Nordrhein-Westfalen (Gütersloh, Warendorf) mussten erneut in den Lockdown, die Tönnies-Belegschaft ist in Quarantäne.

Natürlich ist Laschet nicht direkt für die Zustände bei Tönnies verantwortlich. Aber nun erscheint sein Drängen auf Lockerungen in einem anderen, eher ungünstigen Licht für ihn – zumal jetzt auch bekannt wurde, wo die massenhaften Corona-Infektionen ihren Ursprung haben könnten. "Es hat mehrere Infizierte gegeben, die einen direkten Bezug zu dem Unternehmen Tönnies haben und die einen Gottesdienst am 17. Mai besucht haben", teilte der Landkreis Gütersloh mit.

Lockerer und Lockdowner

Laschet hatte zuvor darauf gedrängt, Gottesdienste wieder zuzulassen. "Wenn man Läden öffnet, darf man auch in Kirchen beten", so der Ministerpräsident am 19. April. Später, als er gefragt wurde, was der Ausbruch bei Tönnies über die Lockerungen aussage, antwortete er: "Das sagt darüber überhaupt nichts aus, weil Rumänen und Bulgaren da eingereist sind und da das Virus herkommt. Das wird überall passieren."

"Vom Lockerer zum Lockdowner", spottet die grüne Opposition in Nordrhein-Westfalen, wo Laschets CDU mit der FDP regiert. SPD-Fraktionschef Thomas Kutschaty wirft Laschet Führungsschwäche vor und sagt, Rheda-Wiedenbrück, der Sitz von Tönnies, sei "heute der größte Virus-Hotspot in ganz Europa", schlimmer noch als Heinsberg, wo heftig beim Karneval geschunkelt wurde, und Ischgl. Die Landesregierung habe zu lange gezögert, durch entschlossene Maßnahmen "zu verhindern, dass eine zweite Infektionswelle über Deutschland und Europa kippt". Und das alles, so Kutschaty im Landtag direkt zu Laschet, "weil Sie mit dem Kopf durch die Wand und als schillernder Sieger vom Platz gehen wollen".

Tönnies-Spenden an die CDU

Mittlerweile ist Laschet auf Distanz zu Clemens Tönnies, mit dem er sich früher gern hat fotografieren lassen. "Es wird derzeit sehr genau geprüft, ob und gegen welche Regeln das Unternehmen verstoßen hat und wo es in Haftung genommen werden kann", sagt Laschet. Doch man weiß auch, dass Tönnies in den vergangenen 18 Jahren fast 160.000 Euro an die CDU gespendet hat. Und eine Reisewarnung für Nordrhein-Westfalen von Österreich wie ein Beherbergungsverbot in Niedersachsen für Touristen aus den Kreisen Gütersloh und Warendorf tragen auch nicht zur Hebung der Stimmung bei.

Schon wird in Berlin wie in Düsseldorf gemunkelt, Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) könnte sich von Laschet absetzen und beim Parteitag doch auf eigene Rechnung antreten. Ursprünglich haben sich Laschet und Spahn als Duo für die Nachfolge der glücklosen Annegret Kramp-Karrenbauer beworben: Laschet will Parteivorsitzender werden, Spahn sein Vize. Auf die Frage, ob diese Teamlösung mit dem in die Defensive geratenen Laschet noch Bestand habe, antwortet Spahn: "Das ist so." Die Gründe dafür "sind noch genauso gültig". (Birgit Baumann aus Berlin, 27.6.2020)