Wer vom Flughafen aus mit dem Bus nach Marmaris kommt, sieht die Stadt zunächst aus der Höhe, bevor die Straße sich in Serpentinen zum Meer herunterschraubt. Der Blick ist immer wieder atemberaubend. An einer großen, fast geschlossenen Bucht reicht der Wald nahezu bis ans Ufer. Entlang der Bucht liegen die großen Hotels, die exklusivsten teilweise direkt im Wald. Es ist ein Urlaubsort, wie man ihn sich erträumt. Jetzt, Ende Juni, wären die Hotels normalerweise bereits gut gefüllt, und die Stadt würde pulsieren. Die Restaurants, Clubs, Bars und Diskotheken von Marmaris sind legendär.

Sehr viel Strand, sehr wenige Menschen: Derzeit sind es fast ausschließlich inländische Gäste, die den Konyaalti Beach in Antalya aufsuchen.
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Doch die Stadt ist leer. Die knapp 90.000 Einwohner, zu denen im Sommer normalerweise gut 450.000 Urlauber kommen, sind weitgehend unter sich. Es wirkt nicht nur gespenstisch, es ist ein wirtschaftliches Debakel für eine Stadt, die 90 Prozent ihrer Einnahmen durch den Tourismus generiert. Einige Rentner sitzen in selbst mitgebrachten Stühlen am leeren Strand, in den Cafés sind so wenige Gäste, dass die Abstandsregeln wie von selbst eingehalten werden. Von den mehr als 20 großen Fünf-Sterne-Hotels, die an der Bucht von Marmaris in den letzten 30 Jahren gebaut worden sind, ist lediglich eines geöffnet. Das Marti, "Die Möwe", liegt landschaftlich gut angepasst im Wald versteckt. Es hat seit einer Woche geöffnet, von den insgesamt 285 Zimmern sind lediglich 60 belegt.

Es sind ausschließlich inländische Gäste, die meisten kommen aus Istanbul. Ali Öz ist mit seiner Familie vor zwei Tagen von dort angekommen. "Ich habe mir das Hotel im Internet ausgesucht", erzählt er, "es ist ein ruhiger und sicherer Platz." Er lobt die Vorsichtsmaßnahmen, die getroffen wurden, die guten Hygienemaßnahmen, die mit fünf Meter Abstand aufgestellten Liegen am Strand. "Wir fühlen uns sicher hier", bestätigt seine Frau. Für die wenigen Gäste lässt das Hotel 200 Angestellte arbeiten. Die meisten davon sind Saisonkräfte, die glücklich sind, dass sie jetzt etwas verdienen. Hunderttausende andere, die normalerweise ebenfalls als Saisonarbeiter im Tourismussektor ihr Jahreseinkommen verdienen, sitzen in diesem Jahr zu Hause und bekommen von niemandem einen Ausgleich gezahlt.

Gut vorbereitet

Am Samstag haben der türkische Außenminister Mevlüt Çavuşoğlu und der Tourismusminister Mehmet Nuri Ersoy deutsche und andere europäische Korrespondenten extra in die Tourismushochburg Antalya eingeladen, damit sie sich vor Ort überzeugen sollten, wie gut die Türkei auf Urlauber vorbereitet sei.

Çavuşoğlu meinte, er sei enttäuscht, dass die deutsche Bundesregierung die Türkei als Corona-Risikogebiet eingestuft habe. Es gebe dafür keinen wissenschaftlichen Grund. Für die Tourismusgebiete geben ihm die Zahlen recht. In der Provinz Antalya gab es seit dem 11. März lediglich 500 infizierte Personen, in der Provinz Mugla, zu der Marmaris gehört, weniger als 300. Die täglichen Neuerkrankungen liegen bei drei bis fünf Fällen.

Hoffen auf ausländische Gäste

Während Çavuşoğlu sich diplomatisch gab und betonte, man sei weiter mit der Bundesregierung im Gespräch, wurde Tourismusminister Ersoy einen Tag später deutlicher. "Wenn es keine wissenschaftlichen Gründe für die Reisewarnung gibt, müssen ja wohl politische und wirtschaftliche Überlegungen dahinterstecken", sagte er. "Die europäischen Länder haben wohl beschlossen, dass das Geld der Urlauber in Europa bleiben soll", glaubt er. Die zweite Corona-Welle ist für die Türkei eine ökonomische", sagte Ersoy, der selbst eine Hotelkette betreibt.

Außenminister Çavuşoğlu hat aber die Hoffnung noch nicht aufgegeben. "Wir glauben immer noch an eine Neubewertung der Türkei – vielleicht ab Juli." (Jürgen Gottschlich aus Istanbul, 27.6.2020)