Jugendliche dürfen wieder ihre Freunde und Freundinnen treffen, ihre Freiheit genießen. Für viele waren die letzten Monate hart.

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Liebeskummer, Streit mit Freunden, Fragen rund ums Taschengeld: Jedes Mal, wenn ein Kind oder ein Jugendlicher zu einem dieser Themen bei Rat auf Draht anruft, atmen die Beraterinnen und Berater ein wenig auf. "Weil es zeigt, dass der Druck zumindest ein wenig nachgelassen hat – und klassische Teenager-Probleme wieder eine Rolle spielen", sagt Birgit Satke, Leiterin des Notrufs für Kinder und Jugendliche.

Im April sah die Situation noch gänzlich anders aus. "Die Zahl der Anrufe zu Themen wie Angst, Suizid oder psychische Gewalt in der Familie war erschreckend hoch", sagt Satke. Sie hat die Anfragen bei Rat auf Draht im April nach Themenbereich aufgeschlüsselt und analysiert. Die Ergebnisse zeigen, wie sehr Kinder und Jugendliche mit der Situation zu kämpfen hatten.

Erschreckende Zahlen

Beim Thema Selbstverletzung verzeichnete Rat auf Draht im April eine Steigerung von 54 Prozent. Anfragen rund um das Thema Angst schnellten um 220 Prozent in die Höhe. Die Zahl der Anruferinnen und Anrufer, die Suizidgedanken äußerten, stieg von drei auf fünf pro Tag.

Die Grafik zeigt die Anfragen bei Rat auf Draht vom April 2020 im Detail.
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Mehr Zeit für Familien

Laut einer von SOS-Kinderdorf beauftragten Studie waren bereits vor Corona 88 Prozent der Familien in Österreich unter Druck. "Wenn man sich das vor Augen führt, liegt es auf der Hand, dass die Situation für viele noch schwieriger geworden ist. Und der Bedarf an Unterstützung wird weiter steigen", sagt Christian Moser, Geschäftsführer von SOS-Kinderdorf.

Kinder, Jugendliche und ihre Familien zu entlasten müsse nun oberste Priorität haben: "Hier gilt es, die Regierung in die Verantwortung zu nehmen und Maßnahmen für Familien, die ja zum Teil bereits im Regierungsprogramm festgeschrieben wurden, zügig umzusetzen und unter den gegebenen Umständen auch vorzuziehen."

Die Einführung einer Betreuungskarenz etwa wäre gerade jetzt, da viele Familien vor der Schwierigkeit stehen, neun Wochen Sommerferien zu überbrücken, eine dringend notwendige Maßnahme. "Wir schlagen schon lange eine vierwöchige Betreuungskarenz für Eltern schulpflichtiger Kinder vor. So könnten Eltern mit Zustimmung des Arbeitgebers bis zu vier Wochen pro Jahr ihre Kinder zu Hause betreuen und analog zur Pflege- oder Bildungskarenz ein Karenzgeld beziehen. Das wäre eine große Entlastung für die angespannte Familienorganisation", so Moser.

Armut bekämpfen

Zudem seien dringend Maßnahmen zur Armutsbekämpfung notwendig: "Diese Krise hat Ungleichheiten weiter verschärft. Kinder aus armutsgefährdeten Familien sind zusätzlich unter Druck geraten. 2019 waren in Österreich über 300.000 Kinder und Jugendliche armutsgefährdet. Es ist zu befürchten, dass diese Zahl 2020 weiter steigt."

Auch Unterstützungssysteme wie Schule und Kinder- und Jugendhilfe müssen gestärkt werden, um Problemlagen rechtzeitig entgegenwirken zu können. "Und es braucht dringend mehr Investitionen in Präventivmaßnahmen wie etwa den Ausbau der Frühen Hilfen oder Elternbildungsangebote im Rahmen eines neuen Eltern-Kind-Passes", so Moser. (Martina Stemmer, 30.6.2020)