Formate für Plattformen wie Youtube oder Tiktok sucht man vergebens. Der ORF nutzt nicht alle Möglichkeiten, die es trotz bestehender gesetzlicher Einschränkungen gibt, um auf digitalen Plattformen seine Inhalte zu bewerben.

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Es war einmal ein ORF, der agierte im digitalen Bereich als Vorreiter. Noch heute zehrt das Digitalangebot des ORF von der früh etablierten Marktführerschaft von ORF.at, Österreichs reichweitenstärkstem Nachrichtenangebot im Netz. Doch inzwischen hat sich die digitale Welt weitergedreht, und der ORF ist vom Vorreiter zum Nachzügler geworden. Formate für digitale Plattformen wie Youtube oder Tiktok fehlen, Einbindung des Publikums ist eine umständliche Ausnahme, und vor allem mit jungen Zielgruppen tut sich der ORF immer schwerer.

Hauptgrund für diese Entwicklung sind gesetzliche Einschränkungen. So darf der ORF keine eigenen Youtube-Kanäle betreiben und muss immer noch viele Inhalte – gerade auch im Bereich Information – nach wenigen Tagen oder Wochen löschen. Angesichts von Desinformation und Verschwörungstheorien, die von Algorithmen in sozialen Netzwerken immer wieder von neuem nach oben gespült werden, wirkt der Zwang zur Depublikation öffentlich-rechtlicher Nachrichteninhalte besonders aus der Zeit gefallen. Jedenfalls aber sollten Österreichs Politiker zu Fake-News schweigen, solange sie den ORF zur Löschung von Informationsinhalten zwingen.

Schwäche bei den Jungen

Die Schwäche bei jungen Zielgruppen wiederum ist ohne Bewegungsfreiheit auf digitalen Plattformen wie Youtube nicht bewältigbar. Mehr noch, die fehlenden Investitionen in digitale Angebote von heute begründen die Legitimationsdefizite eines gebührenfinanzierten ORF von morgen. Wer den ORF nicht bald von seinen gesetzlichen Fesseln im Netz befreit, kann kein Interesse an einem nachhaltigen öffentlich-rechtlichen Angebot haben.

In Deutschland hat die Rundfunkpolitik das bereits vor einiger Zeit erkannt. Seit 2016 dürfen sich ARD und ZDF mit ihrem gemeinsamen Jugendangebot Funk ganz gezielt an junge Zielgruppen wenden. Dazu braucht es keinen Sender. Stattdessen begibt sich Funk mit seinen Angeboten dorthin, wo die Zielgruppe ist: Youtube, Instagram, Tiktok. Im Ergebnis steht ein Multi-Channel-Netzwerk mit über 70 Formaten und vielen experimentellen und innovativen Angeboten von Unterhaltung bis Information.

Der Erfolg gibt Funk recht. Drei Jahre nach dem Start des Jugendangebots erreicht es einen Bekanntheitsgrad von 73 Prozent in der Funk-Zielgruppe der 14- bis 29-Jährigen. Bereits 2018 erzielte Funk auf Youtube eine Milliarde Views, und im Zuge der Corona-Krise erreichte Mai Thi Ngyuen-Kim mit ihrem Wissenschaftskanal Mai Lab Zuschauerzahlen in Millionenhöhe. Es zeigt sich also, dass Angebote mit öffentlich-rechtlichem Anspruch auch auf digitalen Plattformen ihr Publikum finden – sofern man sie zulässt.

Aber auch im Rahmen der begrenzten gesetzlichen Möglichkeiten könnte der ORF mehr tun, um in neuen digitalen Plattformöffentlichkeiten präsent zu sein. Und auch hier lohnt ein Blick nach Deutschland. Nach ersten Testläufen im Herbst letzten Jahres hat die ZDF-Dokureihe "Terra X" kürzlich über 50 Erklärvideos unter freien, Wikipedia-kompatiblen Lizenzen ins Netz gestellt. Im Ergebnis lassen sich die Videos nicht nur einfach und ohne Rechteklärung im Schulunterricht einsetzen, sondern landen auch in den jeweils einschlägigen Wikipedia-Artikeln.

Neue Zielgruppen

Zur Erinnerung: Wikipedia ist die einzige nichtprofitorientierte unter den 50 meistbesuchten Webseiten im Netz und gerade auch beim jüngeren Publikum beliebt. Die Selbstverpflichtung der Wikipedia, einen möglichst "neutralen Standpunkt" einnehmen zu wollen, passt ebenfalls sehr gut zum öffentlich-rechtlichen Auftrag.

Warum lässt sich der ORF also die Chance entgehen, mit offen lizenzierten Videos via Wikipedia neue Zielgruppen zu erreichen? Zugriff auf ORF-Inhalte haben bislang nur Mitglieder und Kunden der Austria Presse Agentur über deren Austria Videoplattform. Gemeinnützige Projekte wie Wikipedia, freie Radios oder Blogs bleiben außen vor. Hier könnte der ORF auch ohne neues Gesetz neue Zielgruppen erreichen und wertvolle Beiträge zum Ökosystem des freien Wissens im Netz leisten.

Voraussetzung dafür ist die Identifikation jener Inhalte, die sich einfach freigeben lassen, und die angemessene Vergütung der betroffenen Urheber. Damit könnte der Österreichische Rundfunk heute beginnen – und hätte damit auch genug zu tun, bis die Politik dem ORF endlich mehr digitale Bewegungsfreiheit einräumt. (Leonhard Dobusch, 30.6.2020)