Noch wächst die Weltbevölkerung um etwa 82 Millionen im Jahr – doch ihr Rückgang irgendwann im Lauf des Jahrhunderts ist unumgänglich, sagen Demografen.
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Es war eine Epidemie, die im 17. Jahrhundert den Grundstein für die Entwicklung der Demografie legte. Die großen Pestwellen, die seit dem verheerendsten Ausbruch im 14. Jahrhundert über Europa gefegt waren, hatten dazu geführt, dass die Obrigkeiten Sterbefälle öffentlich machten. Was heute tägliche Statistiken von Gesundheitsämtern über die aktuellen Corona-Infizierten sind, waren im London des 17. Jahrhunderts die wöchentlich in den Straßen ausgehängten "Bills of Mortality". Darin listete die Stadtverwaltung die Sterbefälle nach den jeweiligen Pfarrbezirken sowie nach Todesursache und Geschlecht auf.

Die von der königlichen Regierung angeordneten Tabellen, die mehr als hundert andere Todesursachen abbildeten, sollten als Warnsystem dienen für das Auftreten und die Verbreitung von Krankheiten – allen voran der Pest. Sie waren auch Anhaltspunkt für die Londoner, wann es angebracht war, ein bestimmtes Gebiet zu meiden, und wann "Lockerungsmaßnahmen" vertretbar waren.

Eine Londoner "Bill of Mortality" aus dem Jahr 1665.
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Bahnbrechende Studien

John Graunt, ein Kurzwarenhändler, der vor fast genau 400 Jahren, am 24. April 1620, geboren wurde, war der Erste, der diese Daten systematisch sammelte und analysierte. Seine 1662 entstandene Schrift "Natural and Political Observations, Mentioned in a Following Index and Made Upon the Bills of Mortality" gilt als bahnbrechend sowohl für die Bevölkerungswissenschaft als auch für die Epidemiologie.

Der Geschäftsmann Graunt ging überaus wissenschaftlich vor, verglich die Sterblichkeit bei verschiedenen Krankheiten, errechnete die Verteilung nach Geschlecht und Alter, gab für jedes Alter Überlebenswahrscheinlichkeiten an – und bedachte stets auch die Aussagefähigkeit der meist nicht unbedingt fehlerfreien Daten. Es ging ihm bei seinen Auswertungen nicht nur um die Folgen der Pestepidemie, sondern um die allgemeine Entwicklung der Bevölkerung, und in welchen Wechselwirkungen diese mit sozialen Faktoren, Gesundheit und Migrationsströmen steht. Themen, die heute aktueller sind denn je.

So dramatisch die Folgen des neuartigen Coronavirus Sars-CoV-2 derzeit sind – in der langfristigen Entwicklung der Weltbevölkerung wird die Pandemie wohl nur marginale Spuren hinterlassen, zumindest im Vergleich zu historischen Epidemien (siehe Grafik rechts). Ungeachtet der Krise wächst die Menschheit unaufhörlich weiter: Laut den Bevölkerungsdaten der Vereinten Nationen leben derzeit knapp 7,8 Milliarden Menschen auf der Erde. Täglich werden es rund 225.000 Erdbewohner mehr.

Überblick über die Geschichte der Pandemien (zum Vergrößern bitte klicken).

Corona-Effekte

"Es wird aber fraglos kurzfristige Effekte auf die Bevölkerungsentwicklung geben", sagt Tomas Sobotka vom Institut für Demografie der Österreichischen Akademie der Wissenschaften. "In besonders stark betroffenen Ländern könnte die Übersterblichkeit am Ende des Jahres bei zehn bis 20 Prozent liegen. Das bedeutet einen Verlust von ein bis drei Jahren in Bezug auf die Lebenserwartung. Normalerweise ändert sich die Lebenserwartung nur um Monate."

Sobotka und sein Team sind gerade dabei, die Daten von zehn europäischen Ländern in Bezug auf Covid-19-Infektionen, Sterblichkeitsraten und Geschlechts- und Altersunterschiede zu untersuchen. Wie viele Menschen infolge des Virus gestorben sind, ohne dass das als offizielle Todesursache registriert wurde, und wie viele an den Folgen des Lockdowns, also etwa infolge unzureichender Behandlung anderer Krankheiten, lässt sich nur schwer eruieren. Auch sind Daten zu Übersterblichkeit oft unzureichend und nur verzögert verfügbar.

Männer im Nachteil

Schon klar ist hingegen, dass der Rückgang in der Lebenserwartung für Männer deutlich spürbarer sein wird als für Frauen: "Ein 75-jähriger Mann mit einer Covid-19-Infektion kann mit etwa der gleichen Wahrscheinlichkeit dar an sterben wie eine Frau im Alter von 85 Jahren. In Spanien liegt in beiden Gruppen die Fatalitätsrate bei etwas über 17 Prozent", gibt Sobotka ein Beispiel. Die Gründe dafür dürften dieselben sein, war um die Lebenserwartung bei Männern generell niedriger ist als bei Frauen. Letztere leben etwa tendenziell gesünder und entwickeln seltener Herz-Kreislauf-Krankheiten und Diabetes, die auch das Sterberisiko bei Corona-Patienten erhöhen.

Der wirtschaftliche Abschwung infolge der Corona-Krise könnte in den nächsten drei bis fünf Jahren auch die Geburtenraten senken, meint Sobotka. "Ökonomische Unsicherheit führt oft dazu, das Kinderkriegen zu verschieben bzw. kinderlos zu bleiben", sagt der Demograf. "Wie stark der Knick in der Bevölkerungsentwicklung sein wird, hängt auch davon ab, inwieweit es Investitionen in familienfreundliche Politik geben wird und ob die internationale Migration in den nächsten Jahren zum Stillstand kommt."

Wachstumsschmerzen

Das Coronavirus hat die Debatten um Migration, Bevölkerungsschwund und -explosion in den Hintergrund gedrängt, die bisher den Diskurs um demografische Entwicklungen bestimmten. Denn wie viele Menschen sich auf der Erde beziehungsweise in verschiedenen Erdteilen befinden, wohin sie gehen und vor allem wie viele Kinder sie bekommen, hat stets Zukunftsängste getriggert. Spätestens seit Thomas Malthus (1766–1834) dystopischem "Bevölkerungsgesetz" wurde die ansteigende Population des frühindustriellen Zeitalters zum Symbol für Armut, Hunger, Seuchen und frühen Tod.

Um 1800 befand sich Großbritannien – wie auch weite Teile Europas – am Ende der ersten Phase der sogenannten demografischen Transformation. Seit Anbeginn der Menschheit hatten hohe Geburten- wie Sterberaten die Bevölkerung nur langsam wachsen lassen. Im Zuge der industriellen Revolution mit Fortschritten in Medizin, Hygiene und Agrartechnik stieg die Lebenserwartung stetig an – Phase zwei mit weiterhin hohen Geburtenraten, aber sinkenden Sterberaten und daher rasantem Bevölkerungswachstum war im Gange.

Erst in Phase drei, die in Europa und Nordamerika Anfang des 20. Jahrhunderts einsetzte, begannen auch die Geburtenraten – vor allem aufgrund von Urbanisierung und besserer Bildung – zu sinken, um sich in Phase vier auf dem Niveau der Sterberaten einzupendeln.

Wachsen und schrumpfen

Der Rest der Welt verharrte weiterhin zu großen Teilen in Phase eins und zwei, die globale Bevölkerung wuchs weiter, mit einem Maximum von zwei Prozent pro Jahr in den 1960er-Jahren. Zu dieser Zeit prägten alarmistische Studien wie "Population Bomb" (1968) von Paul Ehrlich und der einflussreiche Club-of-Rome-Bericht "The Limits to Growth" (1972) das bis heute weitverbreitete Bild einer drohenden "Bevölkerungsexplosion", dem der klimawandelgebeutelte Planet mit seinen begrenzten Ressourcen nicht standhalten könne.

Seither wird mit oft rassistischen Argumentationen gegen die vermeintliche Überbevölkerung der vorwiegend armen Länder des Globalen Südens gewettert. Dass sich trotz wachsender Bevölkerungen die Lebensstandards in immer weiteren Teilen der Welt verbessert haben und jeder Mensch ausreichend ernährt werden könnte, würde man die Ressourcen besser verteilen, fällt da meist unter den Tisch.

Auf der anderen Seite ringt die entwickelte Welt mit sinkenden Geburtenraten und alternden Gesellschaften – 27 Länder schrumpfen bereits jetzt, 2050 werden es 55 sein. Zwar wächst die Weltbevölkerung derzeit noch um etwa 82 Millionen Menschen pro Jahr – vor allem durch nach wie vor starke Zuwächse in afrikanischen Ländern südlich der Sahara, wo sich die Bevölkerung bis 2050 verdoppeln wird. Doch das globale Wachstum bremst sich immer weiter ein.

In der aktuellsten UN-Bevölkerungsprojektion von 2019 rechnen die Wissenschafter damit, dass am Ende des Jahrhunderts knapp elf Milliarden Menschen auf der Erde leben werden. Damit wäre der Peak der Menschheitsgeschichte erreicht, ab dann sei eine stetige Verkleinerung der Weltbevölkerung unumgänglich. Dafür sprechen die prognostizierten Geburtenraten: Bekam eine Frau um 1950 im weltweiten Durchschnitt fünf Kinder, waren es 2019 nur mehr 2,5. Bis 2100 soll die Zahl laut UN auf 1,9 fallen – und damit auf unter etwa zwei Kinder pro Frau, was bedeutet, dass die Bevölkerungszahl abnimmt.

Peak der Weltbevölkerung

Die UN-Modelle würden aber einen entscheidenden Faktor für die Entwicklung der Weltbevölkerung nicht berücksichtigen, sagt der renommierte Demograf Wolfgang Lutz, der in Wien das Wittgenstein Centre for Demography and Global Human Capital leitet: den immensen Einfluss von Bildung, vor allem von Frauen, auf die Entscheidung, ob, wann und wie viele Kinder jemand bekommen will. In die Bevölkerungsszenarien, die Lutz und seine Kollegen ausrechnen (siehe die interaktive Grafik oben), sind Prognosen für verschiedene Bildungslevels und ihre Auswirkungen auf Geburten- und Sterberaten integriert.

Demnach könnte sich die steigende Kurve der Weltbevölkerung deutlich früher ab flachen und bereits in den 2070er-Jahren ein Maximum von knapp unter zehn Milliarden Menschen erreichen. Im Gegensatz zu den UN-Prognosen gehen die Forscher um Lutz davon aus, dass Chinas Geburtenrate nicht ansteigen, sondern dem Muster des bildungshungrigen Südkorea folgen wird – das jetzt schon eine extrem niedrige Geburtenrate von unter einem Kind pro Frau hat. Außerdem wird damit gerechnet, dass in Afrika Investitionen in Bildung die Geburtenraten schneller sinken lassen.

Zurück zu den 1960ern

Wann auch immer der genaue Zeitpunkt sein wird – sobald der Rückgang der Weltbevölkerung beginnt, wird er nie enden, sagen der Sozialwissenschafter Darrell Bricker und der Journalist John Ibbitson in ihrem aktuellen Sachbuch "Empty Planet". Doch was bedeutet das? "Wenn am Ende des Jahrhunderts weltweit rund 1,5 Kinder pro Frau zur Welt kommen und dies dann konstant bleibt, zusammen mit einer Zunahme der Lebenserwartung auf 100 Jahre, dann gäbe es im Jahr 2200 etwa drei Milliarden Menschen – genauso viel wie 1960", sagt Lutz. "Das ist eine Größe, von der Ökologen träumen. Wenn diese Menschen besser gebildet und produktiver sind, dann werden sie auch den Klimawandel, die Alterung und andere Her ausforderungen besser meistern."

Denn sicher ist: Die Menschheit wird immer betagter. 2050 wird der UN-Prognose zufolge eine von sechs Personen über 65 Jahre alt sein (heute ist es eine von elf). Die Lebenserwartung wird global von 72,6 auf 77,1 Jahre steigen. Wie gesund und selbstständig die Älteren sein werden, hängt stark von den Lebensbedingungen in den einzelnen Ländern ab, wie eine aktuelle Studie des IIASA World Population Program bescheinigt. Wege zu finden, sich darauf finanziell vorzubereiten, müsste oberste nationale und globale Priorität werden, sagen die Forscher.

"Europa und Japan sind mit den höchsten Lebenserwartungen, den geringsten Kinderzahlen und dem höchsten Durchschnittsalter die demografische Avantgarde der Welt", sagt der Bevölkerungsexperte Rainer Münz. "Jetzt gilt es etwas daraus zu machen – und eine Silver Economy zu entwickeln." (Karin Krichmayr, 3.7.2020)