Was als harmloser, breiter Forstweg benannt ist, verwandelt sich nach und nach in einen immer schmäleren Pfad. Der Wald verändert sich, und das Gestrüpp wird dichter, bald steigen wir über die ersten umgefallenen Bäume, und die letzten sichtbaren Reste des Wegs sind verschwunden. In wenigen Jahren hat sich die Natur in eine ziemlich unwegsame grüne Hölle verwandelt, in der es an diesem heißen Sommertag angenehm kühl ist.

Der kleine Trupp stapft immer tiefer hinein in den Laubwald hinter dem Nationalparkhaus Thayatal, begleitet von einem Trio fachkundiger Experten. Denn ohne diese wäre eine solche Begehung der Kernzone des Nationalparks Thayatals abseits der markierten Wege erstens nicht gestattet und zweitens auch nicht ratsam. Vor allem helfen Nationalparkdirektor Christian Übl und sein Team den botanischen Greenhorns dabei, in der verwirrenden Wildnis zu lesen und das grüne Chaos ringsum ein bisschen besser zu verstehen.

Grün im Grün: Nationalparkdirektor Christian Übl (Mitte), flankiert vom Botaniker und Biodiversitätsforscher Thomas Wrbka (links) und Nationalparkförster Arno Triebelnig – ein kundiges Begleittrio für die botanischen Greenhorns.
Foto: Sarah Wendl

Natur Natur sein lassen

"Die Kernidee des Nationalparks besteht darin, die Natur Natur sein zu lassen", sagt Übl. "Hier ist zu sehen, was passiert, wenn der Mensch nicht mehr eingreift." Obwohl es erst rund 20 Jahre her ist, dass diese Renaturierung begann, sind die ersten Zwischenergebnisse für das Auge des Laien schon ziemlich beeindruckend: Es liegt bereits jede Menge Totholz herum, bewachsen von Pilzen wie dem Ästigen Stachelbart, der als Indikator für einen naturbelassenen Wald gilt.

Dieser weist etliche Besonderheiten auf, vor allem aber eine extreme Diversität: "Fast die Hälfte aller Gefäßpflanzen Österreichs leben auf diesen etwas mehr als 13 Quadratkilometern des Nationalparks", sagt Wrbka. "Das liegt vor allem daran, dass wir uns an der Grenze zwischen dem raueren Hochflächenklima im Waldviertel und dem kontinental beeinflussten pannonischen Klima im Weinviertel befinden." Dazu komme ein geologisch abwechslungsreicher Untergrund aus Graniten, Gneisen sowie Marmor und Kalksilikaten, die etwa für viele Orchideenarten wichtig sind.

Jahrhundertelang Kulturlandschaft

Blick vom Nationalpark auf Hardegg, die kleinste Stadt Österreichs mit rund 120 Häusern und etwa 80 Einwohnern – damals wie heute ein beliebtes Ziel von Sommerfrischlern.
Foto: Christian Übl

Dabei waren die Wälder entlang der dahinmäandrierenden Thaya an der heutigen Grenze zu Tschechien lange alles andere als naturbelassen. Die Baumbestände wurden in dieser Region, die auf der österreichischen Seite teils zum Waldviertel, teils zum Weinviertel gehört, seit dem Mittelalter intensiv genutzt, wie Thomas Wrbka erklärt, Botaniker und Biodiversitätsforscher an der Universität Wien, der seit vielen Jahren die Flora des Nationalparks untersucht.

Dass die Gegend eigentlich jahrhundertelang Kulturlandschaft war, davon zeugen alte Burgen wie die Burgruine Kaja oder die Burg Hardegg, die auf das 12. Jahrhundert zurückgehen. Und noch im Zweiten Weltkrieg wurden Bäume des Thayatals zur Biospritproduktion für Panzer abgeholzt. Doch parallel zum Eisernen Vorhang entstand in den Jahrzehnten danach auch ein grünes Band entlang der Systemgrenzen, die Europa bis 1989 teilten.

Die Burgruine Kaja, beschienen von der untergehenden Sonne. Die sehenswerten Räume in der 800 Jahre alten Feste sind heute unter anderem Wohnorte von Fledermäusen.
Foto: Klaus Taschwer

Auf dieser "Vorleistung" konnte auch der Nationalpark Thayatal aufbauen und mehr noch sein größerer und älterer Bruder jenseits der Grenze. In der heutigen Tschechischen Republik begann man früher mit der Umwandlung in den heutigen Národní park Podyjí, was auf Deutsch ebenfalls "Nationalpark Thayatal" heißt.

Wälder ganz ohne Fichten

"In Tschechien ging man bei der Umwandlung der Wälder allerdings etwas anders vor als in Österreich", so Christian Übl. Während man dort nach forstwirtschaftlichen Plänen agierte und aktiv einen Wald schuf, dessen Baumzusammensetzung möglichst dem Klima und der Landschaft angepasst ist, beschränkte man sich auf der österreichischen Seite vor allem darauf, die Fichten zu entfernen. Die nahmen rund ein Drittel der Waldfläche ein und wurden forstwirtschaftlich genutzt, erklärt der Nationalparkförster Arno Triebelnig, der dritte Fachmann im Bunde.

Grün in allen Schattierungen bis zum Horizont: In den Wäldern entlang der Thaya suchen Forscher nach Bäumen, die dem Klimawandel trotzen können.
Foto: Nationalpark Thayathal / Grühbaum

Jene Stellen, wo bis zur Jahrtausendwende Fichten wuchsen, wären aufgrund des Klimawandels und der Trockenheit heute zum Teil Kahlflächen, vermutet Triebelnig. Heute hingegen geht man an diesen Stellen durch die grüne Wildnis junger und saftiger Laubwälder, während in anderen Teilen des Nationalparks Bäume alt werden und umfallen dürfen, um so zu Nistplätzen und zum Rückzugsort für seltene Tierarten zu werden – vom Hirschkäfer bis zum Mittelspecht.

100 besondere Eichen

Nach ein paar Hundert Metern quer durch die Waldwildnis halten die drei Experten an einer luftig mit Eichen durchsetzten Wiese, die steil zur Thaya hin abfällt und einen grandiosen Ausblick auf die bewaldeten Hübel der Umgebung bietet. An diesem der Sonne ausgesetzten Südhang ist es gleich viel wärmer und trockener – und genau das ist auch der Grund, warum hier haltgemacht wird. Die eine oder andere Traubeneiche, die hier steht, ist nämlich Teil eines wissenschaftlichen Projekts namens "Terz", das einen wichtigen Beitrag zur Zukunft der Wälder nicht nur in Österreich leisten könnte.

Eine der Traubeneichen, die für das Projekt "Terz" ausgewählt wurden.
Foto: Sarah Wendl

"Terz" ist ein Akronym für Thayatal, Eiche, Ressource und Zukunft, und wie das zusammengeht, ist leicht erklärt: Experten des Bundesforschungszentrums für Wald (BFW) und des Instituts für Holztechnologie der Universität für Bodenkultur (Boku) haben herausgefunden, dass die Traubeneiche besonders gut an heiße und trockene Umweltbedingungen angepasst ist. Nun ermitteln die Forscher aus 400 ausgewählten Bäumen aufgrund von Bohrkernanalysen jene 100 Exemplare, die besonders gut mit der Trockenheit zurechtkommen.

Die Eicheln jener 100 Eichen, die besonders resilient sind, sollen im heurigen Herbst gesammelt, in Pflanzgärten gezogen und für die Forstwirtschaft nutzbar gemacht werden. In drei bis vier Jahren sollen die klimawandelgeeichten Jungbäume dann bereit sein für den Einsatz auf forstwirtschaftlich genutzten Flächen – als "klimafitter Eichenbestand", so Christian Übl, der zwar Verständnis für die Klagen der Forstwirtschaft über existenzbedrohende Trockenheit und Borkenkäfer hat.

Zugleich betont er aber auch, dass nicht allein der Klimawandel und die Schädlinge für die Krise verantwortlich sind, sondern auch die Fichte, die oft genug in ungeeigneten Lagen zum Einsatz kommt – so wie früher auch im Thayatal. Aus dem Nationalpark ist sie mittlerweile so gut wie vollständig verschwunden. (Klaus Taschwer, 10.7.2020)