Anthony Fauci über das US-Gesundheitssystem in Corona-Zeiten: "Es ist ein Scheitern, lassen Sie es uns zugeben."
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Die Regierung der Vereinigten Staaten von Amerika, so mahnt Anthony Fauci, müsse dringend die Lektion der Corona-Krise lernen und sich schon jetzt, etwa durch kluge Investitionen im Gesundheitsbereich, für die nächste Pandemie wappnen. Zum Beispiel müsse das Land unbedingt mehr Ärzte ausbilden, damit diese "das Flugzeug nicht erst bauen, wenn sie darin fliegen". Sehr solide sei das alles zu planen, denn eine solche Epidemie sei ja nichts, was irgendwann einfach verschwinde und sich nie wiederhole.

Das war, Anfang der Woche bei einem Onlineforum der Universität Stanford, der Anthony Fauci, den die Amerikaner spätestens seit Mitte März kennen. Ein Veteran der Virologie, der in schnörkellosen Sätzen, mit rauchiger Stimme, die Lage einschätzt. Geübt im Umgang mit den Medien, beherrscht er die Kunst, komplizierte Sachverhalte verständlich zu erklären.

Der 79-Jährige stammt aus New York, wo es üblich ist, die Dinge beim Namen zu nennen – sehr direkt, bisweilen auch ruppig –, statt sich hinter den üblichen Floskeln amerikanischer Höflichkeit zu verstecken. Fauci nimmt sich kein Blatt vor den Mund, auch dann nicht, wenn das Kontroversen mit dem Weißen Haus nach sich ziehen kann.

Trockener Realismus

"Es ist ein Scheitern, lassen Sie es uns zugeben", sagte er vor vier Monaten bei einem Auftritt im Kongress, als klar war, dass ein chronisch ineffizientes Gesundheitssystem einen enorm langen Anlauf braucht, bevor es Menschen mit Symptomen auf das Virus testen kann. So gut schlage sich Amerika ja gerade nicht, dozierte er neulich in seiner gewohnt trockenen Art, während Trump die Realität trotz der stark gestiegenen Zahl bestätigter Fälle nicht nur schönfärbt, sondern auch alle Verantwortung von sich weist. "Wenn man es mit anderen Ländern vergleicht, glaube ich nicht, dass man sagen kann, dass wir es großartig machen", bemerkte er, subtil anspielend auf Trumps "Make America Great Again".

In der Corona-Taskforce des Weißen Hauses war Fauci die personifizierte Glaubwürdigkeit, das Kontrastprogramm zu einem Präsidenten, der behauptete, im April würde das Virus mit höheren Temperaturen wie durch ein Wunder verschwinden, und der bis Ostern zur Normalität zurückkehren wollte. Fauci warnte vor vermeintlichen Wundermitteln, etwa dem Malariamittel Hydroxychloroquin, und riet von überhasteten Lockerungen ab, während der Präsident von vollen Kirchenbänken am Ostersonntag träumte.

Eine Zeitlang stand er fast täglich neben Trump auf einem Podium, um die Medien zu informieren. Nicht nur die täglichen Pressekonferenzen sind Geschichte: Nach Angaben des Epidemiologen sind nun auch schon mehr als fünf Wochen vergangen, seit er Trump zum letzten Mal persönlich getroffen hat.

Umfragekaiser Fauci

An Faucis Popularität ändert das nichts. Als Meinungsforscher im Auftrag der "New York Times" neulich die Frage stellten, wem die Leute eher vertrauen, Fauci oder Trump, fiel das Ergebnis eindeutig aus: 67 Prozent gaben an, sie fühlten sich durch den Experten deutlich genauer informiert, während nur 26 Prozent dem Staatschef bescheinigten, ein akkurates Bild zu vermitteln.

Diese amerikanische Familie vertraut nicht auf Gott, wie es ein US-Motto ist, sondern dem Virologen Anthony Fauci.
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Es dauerte nicht lange, bis die Retourkutsche folgte. In seinem Lieblingssender Fox News nannte Trump den Mann, in dem er längst einen Rivalen sieht, einen "netten Kerl", der dennoch viele Fehler gemacht habe. Prompt listete der Pressestab der Regierungszentrale Beispiele auf, die belegen sollten, wie Fauci sich geirrt hatte. So riet der Wissenschafter anfangs davon ab, einen Mund-Nasen-Schutz zu tragen. Solange sich Menschen nicht krank fühlten, sagte er, sei das unnötig. Die Masken sollte man, solange das Angebot knapp sei, besser dem medizinischen Personal überlassen.

Noch Ende Februar vertrat er die Ansicht, dass sich niemand in seinem Alltagsleben einschränken müsse. "Das Risiko ist gering", beruhigte er. Im selben Fernsehinterview warnte er allerdings, dass sich die Lage jederzeit ändern könne und man auch in den USA mit einem gefährlichen Ausbruch der Seuche rechnen müsse.

Kein Zauderer

Tatsächlich hat Fauci seither nie lange gezögert, wenn es darum ging, Irrtümer einzugestehen und Lerneffekte zu beschreiben, während Trump so gut wie nie einen Fehler zugab.

Seit 1984 leitet der Apothekersohn aus Brooklyn, New York, das Nationale Institut für Allergien und Infektionskrankheiten. Er hat Ronald Reagan, der in Aids die "Rache der Natur an Schwulen" sah, davon überzeugt, die Gefahr ernst zu nehmen. Als Reagans Stellvertreter George Bush 1988 bei einer Debatte der Präsidentschaftskandidaten gefragt wurde, wer sein Held sei, nannte er Fauci und fügte hinzu, dass die Moderatoren den Namen wahrscheinlich noch nie gehört hätten. Später erwarb sich der Immunologe Verdienste im Kampf gegen die Schweinepest, gegen Ebola und Zika. (Frank Herrmann, 15.7.2020)