Der deutsche Finanzminister OIaf Scholz soll schon 2019 über einen Verdacht gegenüber Wirecard informiert worden sein.

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Wirecard ist in Problemen.

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Berlin/Aschheim – Im Bilanzskandal beim Zahlungsdienstleister Wirecard ist nach wie vor unklar, wo sich Ex-Vorstand Jan Marsalek aufhält. Er hat den gegen ihn erhobenen Vorwürfen im Zusammenhang mit dem Bilanzskandal laut einem Zeitungsbericht jedenfalls nicht widersprochen. "Ich dementiere die Vorwürfe auch nicht", zitierte das "Handelsblatt" am Donnerstag aus einer privaten Kommunikation Marsaleks mit einem Vertrauten über den Messengerdienst Telegram.

Der gebürtige Österreicher schrieb demnach am 21. Juni: "Einer muss Schuld haben, und ich bin die naheliegende Wahl." Auf die Frage, ob Ex-Wirecard-Vorstandschef Markus Braun, ebenfalls ein Österreicher, vom Absturz des 2018 in den Dax aufgestiegenen Unternehmens überrascht gewesen sei, textet Marsalek demnach: "Es wäre schlimm, wenn er das nicht gewesen wäre." Und weiter: "Es geht zunächst mal darum, die Firma, Mitarbeiter und Kunden zu schützen. Ein vereinfachter Narrativ hilft da." Er betonte: "Also einer muss schuld sein – und ich qualifiziere mich ganz ausgezeichnet dafür." Allerdings sei er gerade schwer zu erreichen, schrieb Marsalek.

Manager mit Geständnis

Ein anderer zentraler Beschuldigter hat derweil nach Angaben seines Anwalts ein Geständnis abgelegt. Der wegen Betrugsverdachts inhaftierte Ex-Chef der Wirecard-Tochter Cardsystems Middle East räumte demnach gegenüber der Staatsanwaltschaft München eine Tatbeteiligung ein. "Mein Mandant hat sich freiwillig dem Verfahren gestellt und steht – im Gegensatz zu anderen – zu seiner individuellen Verantwortung", sagte dessen Strafverteidiger Nicolas Frühsorger am Donnerstag der Nachrichtenagentur Reuters. Die Staatsanwaltschaft äußerte sich nicht dazu.

Der Mann hatte sich Anfang der vergangenen Woche den Strafverfolgern gestellt, wie die Staatsanwaltschaft am Tag seiner Verhaftung bestätigt hatte. Er war dafür aus Dubai in den Vereinigten Arabischen Emiraten angereist, wo die Cardsystems Middle East eine zentrale Rolle im Asiengeschäft von Wirecard spielte. Dort vermuten die Ermittler einen Schwerpunkt der mutmaßlichen Manipulationen von Geschäftszahlen in Milliardenhöhe.

Scholz wusste von Untersuchungen

Der deutsche Finanzminister Olaf Scholz (SPD) weiß offenbar bereits seit eineinhalb Jahren von einem Verdacht gegen den Konzern. Das geht aus einem Sachstandsbericht des deutschen Finanzministeriums an die Vorsitzende des parlamentarischen Finanzausschusses vom Donnerstag hervor, der der dpa vorliegt. Zuvor hatte die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" darüber berichtet.

In dem Bericht heißt es, dass Scholz am 19. Februar 2019 darüber unterrichtet worden sei, dass die deutsche Finanzmarktaufsicht Bafin den Fall Wirecard "wegen des Verdachts des Verstoßes gegen das Verbot der Marktmanipulation" untersucht. Zudem geht daraus hervor, dass die Bafin die zu dem Konzern gehörende Wirecard Bank am 15. Juli 2019 unter Geldwäscheintensivaufsicht gestellt hat.

Ex-Wirecard-CEO Braun lieh sich 35 Millionen von Banktochter

Derzeit prüft die Bafin auch Vorgänge rund um ein Darlehen über 35 Millionen Euro, das Ex-Vorstandschef Braun im Jänner von der Wirecard Bank erhalten hat, berichtet die "Financial Times" Der Wirecard-Aufsichtsrat soll erst nach Auszahlung des Betrags an Braun über den Vorgang informiert worden sein. Die Bafin hat erst Ende Juni von dem Vorgang erfahren.

Quellen der "Financial Times" berichten von "Schreiduellen" zwischen Braun und dem Wirecard-Aufsichtsratvorsitzenden Thomas Eichelmann. Braun habe sich dann überzeugen lassen, das Darlehen Mitte März zurückzuzahlen. Gegenüber der Zeitung bestreitet Braun über seinen Anwalt, dass er dazu habe gedrängt werden müssen. Die Rückzahlung sei wie vereinbart erfolgt.

Verflechtungen zwischen Wirecard und Wirecard Bank

Das Darlehen war vom Vorstand und Aufsichtsrat der Wirecard Bank genehmigt worden. Personen, die in diesen Organen sitzen, hatten aber auch Leitungspositionen bei Wirecard selbst inne. So unterstand Alexander von Knoop als CFO der Wirecard AG Markus Braun. In der Wirecard Bank war er aber bis April im Vorstand – und hat dort das Darlehen an Braun bewilligt.

Das Darlehen an Braun stand außerhalb des Kerngeschäfts der Wirecard Bank. Sie vergibt ansonsten kleinere Summen für Kreditkartenzahlungen. Ihre gesamten Darlehen betrugen Ende 2019 laut "Financial Times" 297,6 Millionen Euro. Ein Darlehen in Höhe von 35 Millionen Euro an eine Einzelperson war für die Bank deshalb risikoreich. Zudem soll das Darlehen nicht gesichert gewesen sein. Braun war am 19. Juni als Firmenchef zurückgetreten.

Bafin in der Kritik

Die Bafin steht nach dem milliardenschweren Bilanzskandal massiv in der Kritik. Wirecard hatte am 25. Juni Insolvenz angemeldet. Am Mittwoch hat auch die EU-Wertpapieraufsicht Esma erklärt, mögliche Versäumnisse der deutschen Finanzaufsicht zu prüfen. Es gebe Zweifel, ob die Bafin wirksam und umfassend gearbeitet hat, sagte Bundesrechnungshof-Präsident Kay Scheller dem "Spiegel". "Jahrelang wurden Hinweise gegeben, unter anderem durch journalistische Recherchen, und es stellt sich die Frage, ob die Bafin da ausreichend hingeschaut hat."

Kooperation: Inhaftierter Manager von Tochter-Firma

Am Freitag wurde bekannt, dass nun einer der wichtigsten Beschuldigten mit der Staatsanwaltschaft kooperieren möchte. Das bestätigte der Anwalt des in Untersuchungshaft sitzenden Ex-Chefs der Wirecard-Tochtergesellschaft Cardsystems Middle East. "Mein Mandant hat sich freiwillig dem Verfahren gestellt und steht – im Gegensatz zu anderen – zu seiner individuellen Verantwortung." Der Strafverteidiger betonte, dass er nicht von einem Geständnis gesprochen habe.

Die Münchner Staatsanwaltschaft wiederum erklärte, dass sie die Vernehmung weder bestätigen noch Angaben dazu machen könne. Ebenfalls kooperieren will der frühere Vorstandschef Markus Braun, der frühere Vertriebsvorstand Jan Marsalek dagegen ist abgetaucht. Beide sind Österreicher.

Die Cardsystems Middle East spielte eine zentrale Rolle bei den mutmaßlichen Scheingeschäften, mit denen bei Wirecard die Bilanzen um 1,9 Milliarden Euro aufgebläht wurden. Wie aus der Bilanz der Konzernmuttergesellschaft Wirecard AG für das Jahr 2018 hervorgeht, meldete dieses Unternehmen den Großteil der verbuchten Gewinne. (agr, APA, 17.7.2020)