Mjam-Zusteller klagen über harte Arbeit und maue Bezahlung.

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Dass sie im urbanen Raum "systemrelevant" sind, haben die Fahrradzusteller der Online-Essensbestellplattform Mjam unmittelbar nach den von der Regierung verhängten Ausgangsbeschränkungen nach dem Ausbruch der Corona-Pandemie bewiesen. Sie stellten weiterhin Essen zu und hielten so auch Restaurants und Wirtshäuser am Laufen. Mittlerweile ist dieser Einsatz längst wieder vergessen, zumindest tragen viele der Zusteller dieses Gefühl mit sich herum. Sie bekommen nämlich wieder weniger Trinkgeld. War es bis vor wenigen Wochen noch möglich, 20 Euro pro Tag zusätzlich zu verdienen, so sind es nun "im besten Fall nurmehr zehn Euro", sagt K. zum STANDARD.

3,24 Euro pro Zustellung

Der Mann, der seinen Namen nicht in der Zeitung lesen will, radelt seit einigen Monaten für Mjam. Pro Zustellung verdient er 3,24 Euro, dazu kommt ein Kilometergeld von 67 Cent für die Strecke vom Restaurant zum Kunden. Die Krux: Der Job ist ohne gutes Trinkgeld nicht besonders attraktiv, da sich mehr als drei Zustellungen pro Stunde nur selten ausgehen und die Fahrer oft (unbezahlt) darauf warten müssen, bis das Essen fertig zubereitet ist.

Für K. hat diese Trinkgeld-"Knausrigkeit" zwei Gründe. Einerseits sind Kunden sparsamer geworden, und andererseits setzt der Lieferdienst Corona-bedingt auf "kontaktlose Zustellung", dadurch sehen einander Fahrer und Besteller kaum mehr, da das Essen einfach vor der Eingangstür abgelegt wird. Die Kommunikation läuft daher oft über die Gegensprechanlage oder durch verschlossene Türen ab. Offensichtlich vergessen Kunden so leichter auf das Trinkgeld. Um dem entgegenzuwirken, hat Mjam das "Onlinetrinkgeld" eingeführt, das gleich bei einer Onlinebestellung mitbezahlt werden kann. Aber diese Funktion sei auf der Mjam-Homepage leicht zu übersehen, erklärt K.

Fehlende Transparenz

Die Fahrer wurmt auch, dass Mjam ihnen nicht klar mitteilt, wie viel Onlinetrinkgeld sie wann und von wem bekommen haben. Diese fehlende Transparenz sorgt auch für Verunsicherung, ob das Geld korrekt weitergegeben wird. Dieses Problem hat sich mittlerweile herumgesprochen. "Derzeit arbeiten wir daran, das gesammelte Trinkgeld auch in der Fahrer-App sichtbar zu machen, damit jeder Fahrer sein Trinkgeldsaldo jederzeit einsehen kann", sagt Mjam-Chef Artur Schreiber zum STANDARD.

K. will sich jedenfalls nicht damit zufriedengeben. Er und einige Dutzend andere Fahrer haben sich zusammengeschlossen, um gemeinsam ihre Arbeitsbedingungen zu verbessern. Neben der Forderung nach Transparenz sollen alle Fahrer (die es wollen) in den Kollektivvertrag aufgenommen werden, der ihnen unter anderem Urlaubs- und Weihnachtsgeld und bezahlten Urlaub bringen würde. Auch würden sie nicht mehr pro Bestellung bezahlt werden, sondern einen fixen Stundenlohn bekommen.

Die Ziegelarbeiter unserer Tage

Unterstützung bekommen sie von der Arbeitsmarktexpertin und Autorin Veronika Bohrn Mena. Für sie "wird es höchste Zeit, dass die Fahrer, die für Mjam bis zu 50 Stunden pro Woche unterwegs sind und sich abstrampeln, um mit daraus resultierendem Hungerlohn über die Runden zu kommen, ordentlich angestellt und entlohnt werden". Sie fordert "menschenwürdige Arbeitsbedingungen auch in der Gig-Economy". Das "Schuften für einen mickrigen Stücklohn statt für die geleistete Arbeitszeit" erinnere "an die Arbeitsbedingungen der Ziegelarbeiter vor hundert Jahren".

Das sieht Mjam-Chef Schreiber anders. "Bei den Fahrern sind rund zehn Prozent echte Dienstnehmer und rund 90 Prozent freie Dienstnehmer", sagt er. "Wir suchen auch nach echten Dienstnehmern, es bewerben sich aber nur ganz wenige Leute dafür." Als Gründe nennt er die freie Zeiteinteilung und die Möglichkeit, mehr zu verdienen.

Bewertung

Für Unmut sorgt auch das "Batch-System", das Mjam für seine Fahrer eingeführt hat. Dieses Bewertungssystem soll Fahrern zu "guten Schichten" verhelfen. Begehrt ist etwa die Mittagsschicht. Diese bekommt leichter, wer eine gute Bewertung vorweisen kann – für pünktliche Lieferung oder Wochenendarbeit. Dass Fahrer, die "in Leistungsklassen eingeteilt, diszipliniert, belohnt und bestraft und lukrative Routen als Druckmittel eingesetzt werden, macht den Einsatz der freien Dienstverträge nicht nur zu einer Absurdität, sondern auch zu einer Frechheit", findet Bohrn Mena. (Markus Sulzbacher, 20.7.2020)