Peter Tappler ist Innenraumanalytiker und Gerichtsgutachter für Schadstoffe in Innenräumen. Er ist auch Mitglied des Arbeitskreises Innenraumluft im Bundesministerium für Klimaschutz.
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Wenn sich Menschen mit dem Coronavirus infizieren, geht es immer auch darum, die Infektionsquelle herauszufinden. Also die Frage zu klären, bei wem sie sich angesteckt haben könnten. Immer wieder gibt es auch Infizierte, bei denen diese Frage nicht geklärt werden kann. Spätestens in diesem Moment steht die These, dass sich das Virus über Aerosole, kleinste Partikelchen in der Luft, verbreiten.

Der Innenraumanalytiker Peter Tappler beschäftigt sich seit vielen Jahren mit dieser Thematik. Er leitet seit vielen Jahren den Arbeitskreis Innenraumluft im Bundesministerium für Klimaschutz, arbeitet als Gerichtssachverständiger für Schadstoffe in Innenräumen und hat sich als Techniker in den letzten Monaten sehr ausführlich mit der Thematik auseinandergesetzt.

STANDARD: Welche Rolle spielen Aerosole in der Corona-Pandemie?

Tappler: Das Coronavirus überträgt sich durch Tröpfcheninfektion, direkt von Mensch zu Mensch. Das ist sicher die Hauptinfektionsquelle, darüber herrscht große Einigkeit unter den Experten. Dann, wenn es bei den Infektionsquellen Unklarheiten gibt und es keine andere Erklärung gibt, werden die Aerosole genannt. Die neueste Harvard-Studie bestätigt, dass Tröpfchen das Hauptrisiko spielen.

STANDARD: Zu Recht?

Tappler: Es gab Situationen, in denen die Aerosole sicherlich eine Rolle gespielt haben. Etwa in den Schlachtbetrieben bei Tönnies. Da war es kühl, die Leute arbeiten auf engem Raum, die Arbeit ist körperlich anstrengend, und zudem gab es dort nur Ventilatoren, die die Luft verwirbelt haben. In dieser sehr spezifischen Situation dürften Aerosole eine Rolle bei der Infektion gespielt haben, dazu gibt es auch eine Untersuchung, die zeigt, dass sich die Fleischereimitarbeiter im Umkreis von acht Metern rund um den Erstinfizierten angesteckt haben. Auch bei den Clustern in Salzburg und am Wolfgangsee befanden sich viele Leute auf engem Raum – dies ist meist die Basis für die sogenannten "Superspreading-Ereignisse".

Immer wieder Fenster auf – so verlieren Coronaviren, die an Aerosolen hängen, ihre Ansteckungskraft.
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STANDARD: Welche Rolle spielt die Raumlüftung?

Tappler: Eine sehr entscheidende. Wenn man es einfach ausdrücken will: Alles, was die Luft in Räumen im Kreis bläst, ist problematisch. Konkret sind es die Ventilatoren, aber auch diese sehr einfachen sogenannten Split-Klimageräte, die viele zu Hause haben. Die Luft wird gekühlt, aber es kommt keine frische Luft dazu. Wenn sich in so einem Umfeld eine Person befände, die infiziert ist, also kaum Symptome zeigt, könnte das eine Ansteckung begünstigen. Vielleicht ist das auch eine Erklärung für die hohen Infektionszahlen in Israel. Die Menschen stecken sich vermutlich in den Wohnungen an. Denn draußen in der Hitze würden die Aerosole sofort verdunsten oder sich verdünnen.

STANDARD: Wie sieht es mit Klimaanlagen allgemein aus?

Tappler: Gut gewartete und betriebene, moderne Klima- und Lüftungsanlagen sollten das Risiko einer Virusübertragung nicht erhöhen. Im Gegenteil, sie dürften sogar schützen. Denn sie saugen praktisch virenfreie Außenluft an, kühlen sie gegebenenfalls und leiten sie dann auch wieder nach draußen. Dadurch können sich Aerosole nicht anreichern. Bei so gut wie allen Klimaanlagen ist das der Fall, ältere Systeme haben allerdings manchmal noch einen Umluftanteil. Wenn das so ist, dann sollte man sicherstellen, dass er abgeschaltet ist.

STANDARD: Lassen Sich Klimageräte, auch die zu Hause, aufrüsten?

Tappler: Im Nachhinein nicht, und es würde auch keinen Sinn machen, denn die Anzahl von Personen zu Hause ist begrenzt und überschaubar. Wichtig ist aber trotzdem, immer wieder zu lüften, um frische Luft reinzulassen.

STANDARD: Und was ist mit Filtern?

Tappler: Sehr dichte Filter, sogenannte High Efficiency Particulate Air Filter, werden bei bestimmten Lüftungsgeräten im Spitalsumfeld eingesetzt, also dort, wo die Viruslast theoretisch sehr hoch sein könnte. Überall anders halte ich es für übertrieben.

STANDARD: Aber die Studienlage ist doch insgesamt auch unübersichtlich?

Tappler: Ich verfolge es sehr genau. Zwei kürzlich durchgeführte Studien in einem Krankenhaus, die auf Luftproben in unmittelbarer Nähe von Covid-19-Patienten mit einer signifikanten Viruslast in ihren Atemsekreten basierten, berichteten, dass Sars-CoV-2 in den Luftproben nicht nachgewiesen wurde, wahrscheinlich aufgrund eines gut gewarteten und effizienten Lüftungssystems. Eine andere Studie, die auf einem Langstreckenflug durchgeführt wurde, ergab ebenfalls keine Hinweise auf eine Übertragung des Virus auf Passagiere in der Nähe von Personen mit Covid-19, was auch auf eine effiziente Belüftung und Filterung der Kabinenluft zurückzuführen ist.

STANDARD: Also ist ein Flugzeug ein sichererer Ort als eine Nachtbar?

Tappler: Ganz sicher, wobei es auch dort zu Infektionen kommen kann, ganz ausschließen kann man dies nie. Der Vorteil des Flugzeugs gegenüber der Nachtbar liegt in der stark gerichteten, definierten Luftströmung. Wenn eine infizierte Person Viren abgibt, werden diese zum Großteil über das Lüftungssystem wieder abtransportiert. Wir entwickeln gerade eine Virus-App, mit der sich das Infektionsrisiko in unterschiedlichen Innenräumen auf einfache Weise bewerten lässt. Wichtigste Faktoren sind dabei die Raumgröße und der Luftwechsel. (Karin Pollack, 3.8.2020)