Es erscheint wie ein moralisches Lehrstück: Zahlreiche Länder, die in den ersten Wochen der Corona-Krise vom Virus wenig betroffen waren, sahen ab dem Frühsommer eine Explosion von Neuinfektionen. Ob Israel oder Serbien und nun auch Australien und Vietnam– das Muster war meist das gleiche: ein harter Lockdown, gefolgt von einer raschen Öffnung, die von Leichtsinn und Fahrlässigkeit geprägt war.

Ist Österreich, das sich nach dem anfänglichen Ischgl-Fiasko zu einem Corona-Musterschüler in Europa gemausert hat, als Nächstes dran? Kommt auch bei uns der Hochmut vor dem Fall?

Die aktuellen Meldungen weisen darauf hin: Der Corona-Cluster in St. Wolfgang ist kein Einzelfall. Seit Anfang Juni steigt die Zahl der Neuinfektionen stetig an und ist nun auf dem höchsten Stand seit Mitte April. Gemessen an der Bevölkerungszahl weist Österreich auch mehr neue Fälle als die meisten Nachbarländer auf – und fast doppelt so viele wie in Deutschland. Bei den Gesamtzahlen von Fällen und Toten ist Österreich immer noch unter den Besten Europas. Aber wenn die jetzigen Trends anhalten, kann sich das schnell ändern.

In einem für seine Verhältnisse dramatischen Stil appellierte Gesundheitsminister Rudolf Anschober am Freitag an die Menschen in Österreich, "vor allem auch an die jungen, dass es wieder mehr Risikobewusstsein, mehr Mitmachen gibt". Denn anders als am Anfang der Pandemie treten die meisten Neuinfektionen bei Jüngeren und Menschen im mittleren Alter auf. Diese erkranken zwar selten schwer, sind aber genauso ansteckend.

Unvermeidbare Cluster

Dennoch: Von einem Katastrophenszenario ist Österreich weit entfernt. Ein Großteil der neuen Fälle stammt aus Clustern, deren Entstehen unvermeidbar ist, die aber relativ leicht nachverfolgt und eingegrenzt werden können. In St. Wolfgang und anderswo dürfte das gelungen sein. Der Anstieg ist weiterhin linear und nicht, wie Anfang März, exponentiell: Die Reproduktionszahl liegt zwar seit Mitte Juni über dem Schwellenwert eins, ab dem sich das Virus weiter ausbreitet, aber mit 1,07 nur geringfügig.

Auch das Gesundheitssystem kommt mit dem derzeitigen Infektionsgeschehen gut zurecht. Die Zahl der Covid-19-Patienten in den Krankenhäusern ist mit 84 verschwindend gering, und noch weniger liegen auf den Intensivstationen. Von 13.700 Toten in den vergangenen acht Wochen sind 44 an oder mit Covid-19 verstorben, das sind gerade 0,3 Prozent. Bis zu Szenarien wie im Süden und Westen der USA, in Brasilien oder auf dem Westbalkan, wo sich das Virus tatsächlich exponentiell ausbreitet, ist es ein weiter Weg.

Dass die Infektionen mit der schrittweisen Lockerung wieder zunehmen werden, hat auch die Regierung gewusst. Auch die Urlaubssaison, in der Menschen mobiler werden, tut ihres dazu. Und nach Monaten der Disziplin ist es natürlich, dass Menschen weniger Abstand halten und sich in Situationen bringen, in denen sie sich eher anstecken können. Was manche für unerträglichen Leichtsinn halten, ist für andere eine grundsätzliche Frage der Lebensqualität.

Und es gibt auch gute Gründe für etwas Gelassenheit: Die Dunkelziffer nicht entdeckter Fälle ist dank zahlreicher Tests und guten Monitorings im Vergleich zu Februar und März heute viel geringer; die Krankenhäuser, Alters- und Pflegeheime sind viel besser mit Schutzausrüstung versorgt; und inzwischen weiß fast jeder zumindest in der Theorie, wie man die größten Risiken vermeidet. Zwar werden einige Tausend Kulturbegeisterte nach Salzburg zu den Festspielen pilgern und sich dort einer gewissen Ansteckungsgefahr aussetzen – auf das Bussi auf die Wange aber werden die meisten verzichten.

Wie viel Schaden ist zu viel?

In dieser Phase der Corona-Krise ist Leichtsinn schwer zu definieren, betont der Public-Health-Experte Martin Sprenger. "Das hängt davon ab, wie viel Schaden durch Covid-19 wir zu akzeptieren bereit sind, auch im Vergleich zu sonstigen Krankheiten", sagt er. Und dieser Schaden lasse sich nicht nur in Covid-19-Infektions- und -Todeszahlen messen, sondern auch in versäumten Behandlungen für Nicht-Corona-Patienten, in den Folgen von steigender Arbeitslosigkeit und Armut sowie in langfristigen sozialen Verwerfungen.

Ein Staat, der auf Nummer sicher gehen will, müsste den anfänglichen Lockdown unbegrenzt fortsetzen. Doch das wäre für die Wirtschaft, die Gesellschaft und die Psyche der Menschen fatal. "Wir müssen uns klar werden, was unser Ziel ist", sagt Sprenger. "Natürlich wollen wir den Schaden von Covid-19 minimieren. Aber wenn wir die Zahl der Corona-Toten auf null zu drücken versuchen, bringen wir damit andere Leute um."

Die Sommerfrische am Wolfgangsee ist getrübt.
Foto: Reuters

Dazu kommt, dass sich auch Wissenschafter über die Wirksamkeit der verschiedenen Anti-Corona-Maßnahmen – von der Maske über das Desinfizieren von Oberflächen – nicht ganz einig sind und die Erkenntnisse sich ständig wandeln. Ist es leichtsinnig, ohne Mund-Nasen-Schutz auf die Straße zu gehen, in einem gut gefüllten Restaurant sich mit Freunden zu treffen, im Ausland oder an einem heimischen See Urlaub zu machen, in ein Flugzeug oder einen Zug zu steigen, einen Gottesdienst oder gar eine Party zu besuchen?

Anders als vor einem halben Jahr gibt es heute ein klares Bild, wo und wie man sich am ehesten mit dem Coronavirus ansteckt: indem man längere Zeit mit anderen Menschen in geschlossenen Räumen verbringt und dort laut redet, lacht, singt oder schwitzt. Das betrifft vor allem mobile jüngere Personen sowie Arbeiter, die unter beengten Verhältnissen arbeiten und wohnen.

Im Freien kommt es nur selten zu Infektionen, ebenso selten durch das kurze Berühren von infizierten Oberflächen. Natürlich ist es weiterhin sinnvoll, sich häufig die Hände zu waschen, aber der ständige Einsatz von Desinfektionsmitteln dürfte in vielen Fällen überflüssig sein. Der Mund-Nasen-Schutz scheint das Infektionsrisiko tatsächlich zu reduzieren, vor allem wenn sich viele Menschen in geschlossenen Räumen drängen. Ob eine Maskenpflicht im Freien oder in einem fast leeren Bahnwaggon sinnvoll ist, darüber gehen die Meinungen hingegen auseinander.

Riskantes Plaudern im Lokal

Auch im Supermarkt ist die Ansteckungsgefahr – mit oder ohne Maske – laut derzeitigem Wissensstand nicht besonders hoch, und die so lange von der Polizei so streng überwachte Abstandspflicht auf den Straßen war wohl weniger relevant als anfangs gedacht. Dafür ist stundenlanges fröhliches Plaudern in einem Lokal mit schlechter Belüftung mit Menschen, die nicht im selben Haushalt leben, ziemlich riskant. Das Schwimmen und Sonnenbaden im Freibad mögen zwar ungefährlich sein, der Aufenthalt in der stickigen Garderobe aber nicht.

Diese Dynamik lässt vermuten, dass die wirklich schwierige Zeit erst im Herbst und Winter bevorsteht, wenn Verkühlungen um sich greifen, in der U-Bahn und am Arbeitsplatz viel geniest und gehustet wird – und wenn die Menschen wieder mehr Zeit in geschlossenen Räumen verbringen. Dann wird die Zahl der Infektionen, der schweren Erkrankungen und der Toten unweigerlich steigen. Und das wird dann auch wieder viele Alte treffen.

Sprenger schätzt, dass in einer normalen Wintersaison in Österreich rund 30.000 Menschen sterben. "Akzeptieren wir, dass ein Zehntel davon, also 3000, an Corona sterben – oder dürfen es nur 2000 sein?", fragt er. "Wenn wir mehr Risiko eingehen, dann wird es mehr Corona-Tote geben, aber wenn wir zu stark draufhauen und nur auf Covid-19 schauen, vergrößern wir anderswo den Schaden." Er warnt davor, den Scheinwerfer nur auf diese Krankheit richten und dabei viele andere Gesundheitsgefahren vernachlässigen.

Minister Anschober bei der Präsentation des Ampel-Systems.
Foto: APA

Die Frage der Ampel

Die Frage der Akzeptanz muss Anschober in den kommenden Wochen beantworten, wenn die Corona-Ampel ihren Betrieb aufnimmt. Denn davon hängt es ab, ab welcher Infektionszahl die Ampel von Grün auf Gelb, Orange oder gar auf Rot schaltet, ab wann ein Bezirk in einen Krisenmodus versetzt wird. Reicht dafür ein begrenzter Cluster an Infektionen, der die Reproduktionszahl kurzfristig hinaufschnellen lässt, oder muss es zu einer angespannten Lage in den Krankenhäusern kommen? Und was geschieht, wenn die Toleranzschwelle relativ niedrig gesetzt wird, weil man mit der Ampel ja Vorsicht signalisieren will, und im Spätherbst die Zahlen dann tatsächlich hinaufschnellen? Eine Ampel, die für weite Teile der Republik Rot zeigt, hat ihren Zweck wahrscheinlich verfehlt.

Gewisse Entscheidungen lassen sich auch ohne Ampel treffen. Das Gesundheitssystem muss möglichst lange im Normalmodus arbeiten, fordert Sprenger: "Alle Krankheiten müssen gleich gut versorgt werden."

Der Pflegebereich, wo die größten Risiken lauern, braucht die größte Unterstützung, ohne dass die Älteren auf Monate weggesperrt werden. Im Bildungsbereich muss man gewisse Risiken eingehen und vor allem Kindergärten und Volksschulen offenhalten. Aber auch in den höheren Schulen sorgen Schließungen für einen Verlust an Bildungschancen und verschärfen die Ungleichheit in der Gesellschaft massiv. Hier möglichst lange zu warten, ist nicht leichtsinnig.

Die Kulturszene wird sich anpassen müssen – mit kürzeren Vorstellungen, geringerer Auslastung und vielleicht sogar Maskenpflicht für das Publikum. Aber auf eine Wiedereröffnung von Theatern und Konzertsälen zu verzichten wäre falsch.

In der Wintersaison wird man wahrscheinlich selbst in Ischgl unbesorgt Ski fahren können. Die Après-Ski-Bars aber müssen geschlossen bleiben, ebenso wie alle Disko theken und viele Bars. Gewisse Vergnügungen vor allem für junge Menschen müssen warten, bis es eine wirksame Impfung gibt.

Was sich Sprenger und andere Experten am meisten wünschen, ist eine Versachlichung der Debatte unter Verzicht auf Alarmismus. Der Umgang mit Corona erfordert ein ständiges Abwägen – und keine Moralpredigten. (Eric Frey, 1.8.2020)