Genau 8611 Meter über dem Meeresspiegel schnallte sich Andrzej Bargiel seine Skier an. Kurz nachdem er den K2 erklommen hatte, den zweithöchsten und wohl gefährlichsten Berg der Erde, stürzte sich der polnische Bergsteiger in ein noch waghalsigeres Unterfangen. Es ging wieder bergab, als erster Mensch auf zwei Brettern, zwischen Felsen und Schluchten.

Runter auf den Brettern.
Foto: Reutes/Social Media

"In dem Moment, als ich auf meine Skier stieg, da realisierte ich, dass mir der schwierigste Teil noch bevorsteht", sagte Bargiel in der Dokumentation "K2: The Impossible Descent" von Red Bull, die anlässlich des zweijährigen Jubiläums vor Kurzem erschienen ist.

Der K2 gilt als große Herausforderung: Im Schnitt kehren von vier Bergsteigern nur drei lebendig zurück. Umso beeindruckender – und verrückter – war Bargiels Mission. Dabei werden Erinnerungen an Hans Kammerlander wach: Der Extremskifahrer fuhr 1996 vom Gipfel des Mount Everest auf Skiern ab.

Fokus statt Genuss

Nach seinem mehr als 60-stündigen Aufstieg ohne zusätzlichen Sauerstoff erreichte der 32-jährige Bargiel den Gipfel. "Ich war so fokussiert, dass ich es gar nicht genießen konnte", sagte er dem SID: "Es gab keinen Grund, schon zu feiern." Für viele andere Bergsteiger zwar schon, aber er hatte "ein ganz anderes Ziel".

Bewegtbild.
Red Bull Snow

Die schwierigste "Piste" der Welt zu überleben. Die ersten Schwünge führten vorbei an scheinbar schockierten Kletterern, die sich noch über die letzten Meter zum Gipfel plagten. Es folgte eine achtstündige Abfahrt, bei Temperaturen von bis zu minus 30 Grad Celsius, insgesamt 3600 Meter bis zum Basislager.

"Es gab einige heikle Momente. Ich hatte Angst, dass ich eine Lawine auslöse, die vielleicht die anderen Kletterer begraben könnte", erzählt Bargiel. Zusätzlich erschwerte ihm eine Nebelwand in der Todeszone über 8000 Meter das Leben. Ohne Sicht sei das "eine ziemliche Erfahrung" gewesen.

Kein Fehltritt

Bargiel musste abwarten, den richtigen Moment wählen und durfte sich keinen Fehltritt leisten. "Eine falsche Bewegung, und ich falle mehrere hundert Meter in die Tiefe", sagte er. Erst im Basislager auf 5000 Metern spürte er eine "extreme" Erleichterung, nachdem der erste Versuch ein Jahr zuvor noch abgebrochen werden musste.

Vor dem Aufstieg hatten Bargiel und sein Bruder Bartek noch einen Einsatz als Lebensretter. Mithilfe einer Drohne wurde der von seinen Kollegen bereits für tot erklärte schottische Kletterer Rick Allen gefunden und in Sicherheit gelotst.

Mutig und wohl auch ein bisschen verrückt: Andrzej Bargiel.
Foto: AP/Sokolowski

Und jetzt? Ruft der Mount Everest mit seinen 8848 Metern. "Es ist definitiv möglich", mit Skiern den höchsten Berg der Welt herunterzufahren, sagt Bargiel, "für mich ist die Herausforderung, das ohne zusätzlichen Sauerstoff zu machen – weil es sehr hoch ist."

Schwierige Planung

Derzeit sei die Situation wegen der Coronakrise aber "sehr schwierig", weil man kaum etwas planen könne. Es hänge viel davon ab, ob Flugreisen wieder erlaubt werden. Bereits im vergangenen Jahr unternahm Bargiel einen Versuch am Dach der Welt, doch die Bedingungen wären zu gefährlich gewesen.

Das Leben biete laut Bargiel aber trotzdem noch größere Herausforderungen. "Meine Mutter hat elf Kinder auf die Welt gebracht", sagte er mit einem Lächeln, diese Challenge könne mit der Abfahrt vom K2 mit Skiern nicht verglichen werden. (sid, red, 1.8.2020)