Die Wehen setzen ein, die Rettung kommt – doch statt sofort in den Kreißsaal zu kommen, müssen Schwangere oft erst einen Gesundheitscheck durchlaufen. Um das Coronavirus einzudämmen, gelten auch bei Geburten strenge Regeln. Die Umsetzung ist von Klinik zu Klinik unterschiedlich, viele Frauen sind verunsichert.

Foto: Getty Images/DDurrich

Als Martina M. (31) im Mai ihren positiven Schwangerschaftstest in den Händen hält, kommt bei ihr nicht nur Freude auf. Sie hat viel gehört und viel gelesen in den letzten Wochen: "Eine Bekannte musste ihr Kind ganz allein auf die Welt bringen, der Vater durfte nicht mit in den Kreißsaal." Sie habe sowieso Respekt vor der Geburt, wenn ihr Partner nicht dabei sein darf, dann mache ihr das allerdings "wirklich Panik". Auf Facebook berichten etliche Frauen davon, ihre Wehen mit einem Mund-Nasen-Schutz veratmet zu haben. Dabei sei das aus medizinischer Sicht nicht zu empfehlen, wie im Mai auch Gesundheitsminister Rudolf Anschober (Grüne) verkündete. Passiert ist es dennoch, die Verunsicherung bleibt.

Corona-Regelungen intransparent

Damit ist Martina nicht allein. Wer heute schwanger ist, fragt sich zu Recht: Wie wird meine Geburt ablaufen mitten in dieser Krise? Denn vorhersagen kann das angesichts der sich ständig ändernden Maßnahmen wohl niemand. Beate Kayer vom Österreichischen Hebammengremium weiß, wie herausfordernd die aktuelle Lage für Schwangere ist: "Die Atmosphäre im Krankenhaus ist natürlich anders als sonst. Normalerweise wird darauf geachtet, dass in der Geburtshilfe eine entspannte Atmosphäre die Frauen willkommen heißt. In der Corona-Krise tragen die Hebammen Schutzmasken, es sind besonders strenge Sicherheits- und Hygienebestimmungen einzuhalten." Allein das mache schon einige nervös. Erschwerend komme allerdings hinzu, dass das Sozialministerium lediglich Empfehlungen für Schutzmaßnahmen und Besuchsregelungen in der Geburtshilfe gibt, deren Umsetzung obliegt den Krankenhäusern selbst: "In einigen wird derzeit jede einzelne Frau bei der Ankunft einem Gesundheitstest unterzogen, während in anderen schon wieder Besuch erlaubt ist", sagt Kayer. Sie empfiehlt deswegen allen Schwangeren, bereits vorab bei ihrem Krankenhaus anzurufen, um sich über die aktuell geltenden Corona-Regelungen zu informieren. Das schaffe zumindest ein wenig Sicherheit.

Der STANDARD hat in den letzten Monaten Frauen aus unterschiedlichen Bundesländern bei ihrer Geburt begleitet: in Krankenhäusern, Privatkliniken und bei Hausgeburten. Wie es ist, mitten in einer Pandemie ein Kind auf die Welt zu bringen, schildern hier vier frischgebackene Mütter in persönlichen Protokollen.

"Ich musste mit Mund-Nasen-Schutz gebären."

Barbara Hetschler* (29) aus Laa an der Thaya, Geburtstermin: 12.4.2020

"Ich wurde eine Woche vor dem Entbindungstermin angerufen und darüber informiert, dass in meinem Krankenhaus keine Geburten stattfinden können. Das war Anfang April, mitten im Lockdown, weshalb ich ich mich in letzter Sekunde woanders anmelden musste. Das nächste in unserer Umgebung war dennoch 25 Fahrtminuten entfernt.

Als ich dann mit Wehen mitten in der Nacht im Krankenhaus ankam, wurde ich wie eine Seuchenpatientin behandelt: Das Personal, das mich empfing, hatte Masken und einen Ganzkörper-Schutzanzug an. Man muss sich vorstellen, dass ich bereits starke Wehen hatte und gar nicht daran dachte, mir einen Mund-Nasen-Schutz aufzusetzen. Man weiß ja, dass gerade die Atmung für Gebärende das Allerwichtigste ist. Dort haben sie mir aber sofort beim Eingang eine Maske aufgesetzt und mich dann eine halbe Stunde zur Anmeldung warten lassen. Meinen Lebensgefährten haben sie separat in einen anderen Besucherraum gesetzt.

In dieser Nacht war ich bereits die sechste Gebärende, und das Personal war sichtlich gestresst. Es waren nur eine Hebamme und eine Ärztin vor Ort. Sie haben mir ungefragt die Fruchtblase geöffnet, um die Geburt zu beschleunigen. Ich konnte mich nicht dagegen wehren, war selbst total verunsichert – das alles andauernd mit dieser Maske im Gesicht, mit der ich keine Luft bekam, während weder die Ärztin noch die Hebamme eine trugen.

Selbst als die Kleine dann da war, durfte ich die Maske nicht abnehmen. Das Baby lag auf mir, und zwischen uns ein Stück Stoff vor dem Mund. Das war schrecklich für mich. Im Einzelzimmer im Spital dasselbe – ich verstand es nicht: Warum sollte ich alleine im Zimmer mit meinem Baby eine Maske tragen?

Meinen Lebensgefährten haben sie nach der Geburt nach Hause geschickt, er durfte mich weder begleiten, noch konnte er mir etwas bringen. Im Stress hatte ich nicht einmal ein Gewand für das Baby oder einen Maxi-Cosi dabei, und das Personal ließ selbst nach einer langen Diskussion nicht zu, dass es mir von meinem Partner gebracht wird. Sie haben mir dann dankenswerterweise einen gebrauchten Body für mein Baby geschenkt. Ohne Söckchen, ohne Mütze haben sie mich dann mit dem Rollstuhl in den Wind rausgeschoben, das Baby habe ich mit irgendeiner Decke eingewickelt. Ich habe mich wie eine Nummer gefühlt, das Personal war überfordert und voller Panik vor dem Virus. Ich wartete ganz alleine auf meine Mutter, die mich abholte.

Eine Geburt ist eigentlich so etwas Schönes, aber es wurde mir zerstört. Ich wurde wie der letzte Dreck behandelt. Es tut mir jetzt noch weh, wenn ich daran zurückdenke."


"Das Besuchsverbot war super, endlich Ruhe."

Lisa Meinl* (32) aus St. Johann in Tirol, Geburtstermin: 20.3.2020

"Wir waren schon über den Termin, da hatte ich einen Blasensprung. Meine Hebamme sagte am Telefon: 'Das dritte Kind geht schnell, du musst mit dem Rettungswagen ins Krankenhaus fahren.' Als sie bei uns ankam, ist erst mal nur ein Sanitäter ins Haus gekommen und hat bei mir Fieber gemessen und mir einen Mund-Nasen-Schutz aufgesetzt. Danach kam der zweite mit einer Trage rein. Im Krankenwagen wurden mir sofort die Hände desinfiziert und noch einmal die Temperatur gemessen. Vor dem Krankenhaus dann noch einmal Fiebermessen, denn ich hatte auf einmal über 37 Grad und merkte, dass bei den Sanitätern und Krankenschwestern die Alarmglocken läuteten. Eine Bekannte hatte 37,5 Grad, sie wurde sofort isoliert und musste auf der Corona-Station entbinden. Komplett alleine, ihr Mann durfte nicht dabei sein. Nach der Geburt machten sie einen PCR-Test, der war negativ. Natürlich machte mich die Situation nervös. Erst nach dem vierten Mal Messen hatte ich die richtige Temperatur und durfte ins Krankenhaus.

Da ich keine Wehen hatte, wurde mein Mann nach Hause geschickt, und erst am nächsten Tag bekam ich ein Medikament, das die Geburt einleiten sollte. Beim zweiten Mal bekam ich sofort richtig heftige Wehen, aber mein Mann durfte dennoch erst kommen, als sich der Muttermund zu öffnen begann. Zwischendurch machte ich mir Sorgen, dass mein Mann die Geburt verpassen würde. Ich habe also noch einmal ganz lieb die Hebamme gefragt, ob jetzt mein Mann dennoch kommen kann, und sie hat Gott sei Dank eingewilligt.

Er war dann im Kreißsaal die ganze Zeit bei mir und durfte uns nach der Geburt auch aufs Zimmer begleiten. Erstaunlich war, dass er nicht einmal einen Mundschutz tragen musste und erst spätabends nach Hause gefahren ist.

Insgesamt war es wirklich eine schöne Geburt für mich, und ehrlicherweise habe ich das Besuchsverbot total genossen. Ich war dann noch drei Tage im Krankenhaus, denn wenn du zwei Kinder daheim hast, dann ist diese Ruhe wirklich angenehm. Im Vergleich zu den ersten beiden Kindern ist mir aufgefallen, dass es auf der Geburtenstation viel ruhiger war und alle sehr entspannt wirkten. Man konnte kein Weinen hören, und auch mein Baby war total ausgeglichen."


"Meine Tochter durfte ich acht Tage nicht sehen."

Doris Steiner* (34), aus Klagenfurt, Geburtstermin: 12.3.2020

"Wir haben uns für eine Geburt in einer Privatklinik in Wien angemeldet. Unsere Tochter war schon zehn Tage über dem Entbindungstermin, deswegen mussten wir die Geburt einleiten. Als mein Mann und ich in der Klinik ankamen, haben wir zuerst ein Datenblatt ausgefüllt und damit bestätigt, dass wir keinerlei Corona-Symptome aufweisen.

Ich hatte zu diesem Zeitpunkt schon einen großen Respekt vor Corona, doch in der Privatklinik gab es noch keinerlei Schutzmaßnahmen: Keiner hat einen Mundschutz getragen, beim Begrüßen wurden die Hände geschüttelt, und es gab Personalwechsel ohne Tests. Man wusste ja noch nicht, wie gefährlich das Virus ist und wie es sich auf Neugeborene auswirkt. Ich hatte da schon Angst, dass wir uns im Krankenhaus anstecken.

In der Klinik haben wir ein Familienzimmer genommen, deswegen durfte mein Mann immer bei mir sein – davor, während und auch nach der Geburt. Das war toll, allerdings mussten wir wegen des Besuchsverbots unsere zweijährige Tochter bei meiner Mutter daheim lassen.

Nun war es so, dass trotz der Einleitung keine Wehen kamen und nach drei Tagen ein Kaiserschnitt gemacht werden musste. Insgesamt war ich also mit meinem Mann zusammen über eine Woche in der Klinik und von unserer Tochter getrennt. Mein Mann durfte ja nicht rein und raus, was bedeutete, dass die ältere Tochter echt lang alleine bei der Oma war. Das war sie noch nie, wir konnten nicht einmal telefonieren, weil sie immer geweint hat. Mir ging es wirklich schlecht damit, man ist sowieso emotional aufgewühlt, und dann kommt so was dazu.

Von Tag zu Tag wurde es dann auch immer ernster mit den Maßnahmen in der Klinik. Ich durfte etwa plötzlich das Zimmer nicht mehr verlassen. Wenige Tage nach der Geburt kam der Lockdown."


"Das Baby kam dank Corona zu Hause zur Welt."

Anne Kamp* (36) aus Wien, Geburtstermin: 19.5.2020

"Wenn es eine positive Sache an Corona gibt, dann ist es die Geburt unserer zweiten Tochter. Eigentlich wollten wir für die Geburt wieder ins St.-Josef-Krankenhaus in Wien, dort ist auch unsere erste Tochter zur Welt gekommen, und es war eine sehr positive Erfahrung. Dann habe ich allerdings erfahren, dass die aktuelle Situation in den Krankenhäusern wirklich unentspannt ist: Die Väter durften zwar mit Mund-Nasen-Schutz mit in den Kreißsaal, aber den Kreißsaal eben nicht verlassen, und nach der Geburt war es auch verboten, Besuch zu empfangen. Da habe ich sofort ein ungutes Bauchgefühl bekommen. Ich hatte ständig das Bild im Kopf, dass mein Partner und meine Hebamme bei diesem intimen und emotionalen Erlebnis eine Maske tragen werden. Und irgendwie war ich auch nicht sicher, ob nicht auch ich mit Mundschutz mein Kind zur Welt bringen muss, so wie es bei vielen Frauen in Österreich der Fall war.

All diese Gedanken waren dann letzten Endes der Grund dafür, dass wir uns für eine Hausgeburt entschieden haben. Meine Hebamme besuchte uns vorab, um sich vorzubereiten und alles mit uns zu besprechen. Was ich nicht so gerne wollte, ist, dass meine Zweijährige bei der Geburt dabei ist und mich in den Wehen sieht. Deswegen gab mir die Hebamme den Tipp, am Morgen vor dem Geburtstermin ein Omelett mit Rizinusöl zu essen – dann, wenn meine kleine Tochter in den Kindergarten gebracht wurde. Und es funktionierte tatsächlich alles nach Plan: Mein Partner kam vom Kindergarten zurück, und die ersten Wehen setzten ein. Ich rief meine Hebamme an, und kurz nach Mittag war das Baby schon da. Die Hausgeburt war so gemütlich: mit Badewanne, Kerzen und natürlich heimeliger Atmosphäre. Es ist total entspannend, dass man nichts zusammenpacken und in ein Auto steigen muss und auch nach der Geburt einfach dableiben kann.

Ich finde, es lohnt sich gerade jetzt in dieser Krise, über eine Hausgeburt nachzudenken. Für meinen Partner und mich war es jedenfalls unbeschreiblich schön!"

* Name von der Redaktion geändert