Ein Land, eine Stadt bereits am Abgrund wird von einer Katastrophe apokalyptischen Ausmaßes getroffen: Die Bilder aus Beirut zeigen ein weitgehend zerstörtes Stadtviertel, verzweifelte Menschen, die von den Krankenhäusern – einige sind ebenfalls schwer beschädigt – teilweise abgewiesen werden müssen. Denn das Gesundheitssystem ist durch Covid-19 schon über die Grenzen hinaus belastet. Die Toten müssen direkt in die Leichenhäuser gebracht werden, es gibt tausende Verletzte.

Es trifft ein Land, dessen Gesellschaft – mit Ausnahme der Reichen und Schönen, wie es sie im Libanon immer gegeben hat – eigentlich seit Jahren nahe am Zusammenbruch ist. Die Wirtschafts- und Finanzkrise hat die Menschen ihrer Ersparnisse beraubt, viele wissen nicht, woher sie das Essen für den nächsten Tag bekommen. Seit Ende Jänner hat der Libanon eine neue Regierung, aber die Hoffnung, dass sie einen Durchbruch schafft, währte nur kurz. Die Gespräche mit dem Internationalen Währungsfonds, wie man aus dieser Krise wieder hinauskommt, stocken immer wieder.

Brennende Schiffe im Hafen von Beirut.
Foto: AFP

Versagen der Behörden?

Und nun dieser Schlag: Der Hafen in Beirut mit seinen Warenlagern, darunter Weizen, ein wirtschaftliches Drehkreuz des Landes, eine wichtige Einkommensquelle, ein Verteilungszentrum, ist weitgehend zerstört. Am Tag danach geben libanesische Offizielle die Antwort, dass tatsächlich Unfähigkeit und Schlendrian zur Explosion des Ammoniumnitrat-Lagers geführt hätten.

Seit die Chemikalie, die sowohl als Düngemittel, aber auch im Bombenbau eingesetzt werden kann, 2014 konfisziert wurde, wurden 2750 Tonnen im Hafen gelagert. Sechs Jahre lang hat sich niemand darum gekümmert. Ja, man hält das für möglich, es gibt keinen Bereich der öffentlichen Verwaltung, der nicht von der Lähmung durch das völlig erstarrte politische System angesteckt ist.

Am Hafen von Beirut lagert auch noch allerhand anderes explosives Zeug, auch die Hisbollah hat Gebäude dort. Dass die Libanesen und Libanesinnen ohnehin schon immer inmitten von Zeitbomben sitzen, die die Waffenlager der Hisbollah bedeuten, die von selbst in die Luft fliegen oder angegriffen werden können, wird in Zukunft wohl vermehrt thematisiert werden. Wobei die Proteste der Zivilgesellschaft, die vorigen Herbst ausbrachen und sich auch gegen die Hisbollah und ihre konfessionelle schiitische Politik richteten, die das Land in Geiselhaft hält, zu nichts geführt haben.

Die Explosionen hinterließen einen gewaltigen Krater.
Foto: AP/Hussein

Erster Gedanke: ein Anschlag

Das alles erklärt auch, warum am Dienstag so viele Menschen im Libanon, aber auch im Ausland im ersten Moment an einen Anschlag dachten: Angriffe auf Waffendepots und Anlagen schiitischer Iran-freundlicher Milizen, wie sie die Hisbollah eine ist – die allerdings auch als Partei in der libanesischen Regierung sitzt –, begannen bereits im Sommer 2019, im Irak und später in Syrien, wo Israel die Hisbollah und den Iran regelmäßig angreift. Im Iran wiederum gibt es seit Wochen eine ganze Serie von mysteriösen Explosionen und "Unfällen", in Kraftwerken, Häfen und anderen Industrieanlagen, auch in der Urananreicherungsanlage in Natanz.

Zwischen Israel und der Hisbollah hat sich zuletzt der aggressive Grundton weiter gesteigert: In Damaskus wurde ein Hisbollah-Kämpfer bei einem israelischen Angriff getötet, bei den israelisch besetzten Shebaa-Farmen an der israelisch-libanesischen Grenze kam es wieder einmal zu einem Zwischenfall. Die Hisbollah beansprucht die Shebaa-Farmen für den Libanon, Uno-Juristen bezeichnen sie als syrisches Territorium. Eine neue Kriegsgefahr wurde beschworen. Der amerikanische Flugzeugträger USS Nimitz ist im Mittelmeer.

Es sind heuer 20 Jahre, dass Israel aus dem Südlibanon abzog – und 14 Jahre seit dem Krieg von 2006. Aber niemand könnte sagen, worauf ein neuer Krieg hinauslaufen sollte, es gibt sozusagen keinen strategischen Horizont dafür.

Israel hat jede Verwicklung in die Explosionen in Beirut dementiert und Hilfe angeboten, wie auch die USA, wo Präsident Donald Trump aber "eine Art Bombe" vermutete. Vielleicht haben ihm seine Generäle nur erklärt, was man mit Ammoniumnitrat machen kann. Was in Beirut passiert ist, ist viel zu "groß", um in die Zermürbungs- und Sabotageangriffsserie gegen iranische Interesse der letzten Monate zu passen. Niemand kann Interesse an einer totalen Destabilisierung des Landes haben, das einer der Schauplätze des großen hegemonialen Konflikts in der Region ist, zwischen dem Iran und Saudi-Arabien. Und das hunderttausende syrische Flüchtlinge beherbergt.

Der wirtschaftlich wichtige Hafen ist weitgehend zerstört.
Foto: AP/Malla

Erinnerung an 1983 und 2005

Auch die Hisbollah wurde verdächtigt. Die Verwüstung erinnert an historische Attentate: nicht nur an die verheerenden Angriffe auf die US-Botschaft und ein paar Monate später auf die US-Marines im Jahr 1983, sondern auch an 2005. Damals wurden der mehrfache Ex-Premier Rafiq Hariri und weitere 22 Menschen mit einer 1000-Kilo-Bombe ermordet – ein Ereignis, das die Geschichte des Landes seither geprägt hat.

Das Uno-Sondertribunal, das 2009 in Leidschendam bei Den Haag eingerichtet wurde, um die Verantwortlichkeit zu klären, steht kurz vor einem Spruch: Angeklagt sind in absentia vier Hisbollah-Mitglieder.

Das Bürogebäude von Ex-Premier Saad Hariri, eines Sohns von Rafiq Hariri, wurde bei der Explosion am Dienstag ebenfalls schwer beschädigt. Aber es ist nur eines von vielen: Daraus ablesen, dass er getroffen werden sollte, kann man nicht. Es wird lange dauern, bis sich die Rauchschwaden lichten und man – vielleicht – mehr über die Hintergründe wissen wird. (Gudrun Harrer, 5.8.2020)