Auch am Freitag wurde noch nach Opfern gesucht. Die Chance, noch Überlebende zu finden, ist allerdings mittlerweile gering.

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Bei Zusammenstößen mit der Polizei sind mehrere Demonstranten verletzt worden.

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Beirut – Die Ursache für die Explosionskatastrophe in Beirut ist dem libanesischen Präsidenten Michel Aoun zufolge noch unklar. Auch ein Raketenangriff oder ein Bombenanschlag werde demnach nicht ausgeschlossen, teilte das Präsidialamt am Freitag mit. Es werde untersucht, ob es sich um Fahrlässigkeit wegen der Lagerung hochexplosiven Materials, einen Unfall oder einen Eingriff von außen handle.

Es gebe auch die Möglichkeit, dass die Explosion durch eine Rakete oder eine Bombe oder eine andere Tat ausgelöst worden sei, zitierte das Amt Aoun und bestätigte damit dessen Äußerungen gegenüber lokalen Medien. Bei der Suche nach der Ursache lag der Fokus bisher auf 2.750 Tonnen hochexplosiven Ammoniumnitrats, die der Regierung zufolge sechs Jahre lang ungesichert im Hafen gelagert worden sind. Andere Stellen haben bisher noch nicht über Hinweise auf einen Anschlag berichtet.

Untersuchung auf drei Ebenen

Aoun sagte, die Untersuchung werde auf drei Ebenen geführt. Erstens, wo das explosive Material hergekommen und wie es gelagert worden sei, zweitens, ob die Explosion durch Fahrlässigkeit oder einen Unfall verursacht worden sei – und drittens die Möglichkeit, dass es einen externe Eingriff gegeben habe. In Sicherheitskreisen war zuletzt von Untätigkeit und Fahrlässigkeit bei der Lagerung des explosiven Materials die Rede. In diesem Zusammenhang waren am Donnerstag auch mehrere Hafenmitarbeiter festgenommen worden, darunter Sicherheitskreisen zufolge auch der Hafenchef. Die Zahl der Todesopfer stieg inzwischen auf 154. Rund 5.000 Menschen waren verletzt worden.

Suche nach weiteren Opfern

Rettungshelfer und Soldaten suchten auch am Freitag noch weiter nach Opfern. Kräne und Bulldozer versuchten Freitagfrüh, große Trümmerteile zu räumen. Das libanesische Rote Kreuz geht davon aus, dass noch immer rund 100 Menschen vermisst werden. Dabei soll es sich vor allem um Hafenarbeiter handeln.

Die humanitäre Lage nach der Explosion ist sehr angespannt. Angesichts einer drohenden Lebensmittelknappheit plant das Welternährungsprogramm eine Notversorgung für den Libanon. Geliefert werden sollten Weizenmehl und Getreide für Bäckereien und Mühlen, wie die UN-Organisation am Freitag erklärte. Zudem sollten tausende Familien mit Lebensmittelpaketen versorgt und dem Land logistische Unterstützung angeboten werden.

Auch andere UN-Hilfsorganisationen schlugen Alarm und warnten vor schweren Folgen für die Bevölkerung. Das ohnehin geschwächte Gesundheitssystem sei zusätzlichen Belastungen ausgesetzt, erklärte die Weltgesundheitsorganisation (WHO). Internationale Hilfe läuft an. Die EU hat ihre Teilnahme an der von Frankreich organisierten internationalen Geberkonferenz zugesagt. EU-Ratspräsident Charles Michel und der Kommissar für humanitäre Hilfe, Janez Lenarcic, würden an der Videokonferenz am Sonntag teilnehmen, teilte ein Kommissionssprecher am Freitag mit. Michel will zuvor am Samstag nach Beirut reisen, um sich ein Bild von der Lage zu machen.

80.000 Kinder obdachlos

Nach UN-Angaben sind auch rund 80.000 Kinder obdachlos geworden. Die heftige Detonation habe deren Zuhause zerstört, sagte die Sprecherin des UN-Kinderhilfswerks Unicef, Marixie Mercado, am Freitag in Genf. Viele Haushalte hätten nur noch begrenzt Wasser und Strom. Außerdem gebe es Berichte, dass mehr als 120 Schulen beschädigt worden seien. Beiruts Gouverneur hatte erklärt, durch die Explosion könnten in Libanons Hauptstadt bis zu 250.000 Menschen obdachlos geworden sein.

"Wir geben alles, weil wir hoffen, noch Überlebende zu finden, die festsitzen", sagte einer der Rettungshelfer, der nach eigenen Angaben 48 Stunden im Einsatz ist. Bisher seien jedoch nur Leichenteile gefunden worden. Viele Länder haben Rettungsteams nach Beirut geschickt.

Verletzte nach Protesten gegen Regierung

An der Absperrung zum Hafen versammelten sich am Freitag auch wütende Einwohner, darunter Angehörige von Vermissten. Sie riefen: "Diese Regierung hat versagt." "Die Explosion war am Dienstag, und sie arbeiten noch immer langsam", sagte einer der Demonstranten. "Wenn noch Lebende unter den Trümmern festgesessen haben, dann sind sie jetzt tot."

Die Wut vieler Libanesen auf die Regierung und die politische Elite ist groß. In der Nacht auf Freitag kam es vereinzelt zu Protesten. Mehrere Menschen wurden bei Zusammenstößen mit Sicherheitskräften verletzt, wie die staatliche Nachrichtenagentur NNA berichtete. Dutzende hätten versucht, die Absperrung zum Parlamentsgebäude zu durchbrechen.

Schon vor der Katastrophe hatte es immer wieder Demonstrationen gegen die Regierung gegeben, der viele Bürger auch Korruption vorwerfen. Der Libanon steckt in der schwersten Wirtschaftskrise seit Jahrzehnten. Die Krise war in den vergangenen Monaten durch die Corona-Pandemie verschärft worden.

Im Libanon war es bereits seit Oktober zu Massenprotesten gekommen, die auch zum Rücktritt von Ministerpräsident Saad Hariri führten. Sie richteten sich gegen die Führung des Landes, der die Demonstranten Korruption und Verschwendung von Staatsgeld vorwerfen. Das kleine Mittelmeerland ist hochverschuldet und steckt in seiner schwersten Wirtschaftskrise seit Jahrzehnten. Die Proteste hatten das öffentliche Leben in der Hauptstadt teilweise lahmgelegt. (APA, 7.8.2020)