Ist er noch ein verwildertes Haustier oder schon ein echtes Wildtier? Noch ein Bioinvasor oder schon ein natürlicher Bestandteil der australischen Fauna? Der Dingo will in keine Schublade so recht passen.
Foto: Peter Contos

Für unerwünschte Nebenwirkungen fragen Sie Ihren Evolutionsbiologen oder Ökologen. Wie Michael Letnic von der University of New South Wales, der im "Biological Journal of the Linnean Society" von einer erstaunlichen Entdeckung berichtet: In den vergangenen Jahrzehnten sind die Dingos, die berühmt-berüchtigten australischen Wildhunde, in einigen Landesregionen größer geworden. Und der Grund dafür sollen ausgerechnet jene Giftköder sein, die ausgelegt werden, um die Dingo-Bestände zu dezimieren.

Zwischen allen Stühlen

Das Verhältnis zwischen Mensch und Dingo ist gespalten. Auf der einen Seite gilt der um die 20 Kilogramm schwere Hund als eines von Australiens ikonischen Tieren und wird mitunter auch als Haustier gehalten. Auf der anderen Seite wird er seit dem 20. Jahrhundert massiv bekämpft, weil er Vieh tötet. Angriffe auf Menschen kommen ebenfalls vor, für besonderes Aufsehen sorgten zwei Fälle, in denen Kinder von Dingos verschleppt und getötet wurden.

Aber auch rein biologisch betrachtet nimmt der Dingo eine zwiespältige Rolle ein. Wie seine lateinische Bezeichnung Canis lupus dingo zeigt, handelt es sich um eine Unterart des Wolfs – oder genauer gesagt um eine des Hundes. Genetische Analysen weisen darauf hin, dass Dingos von Haushunden abstammen. Diese dürften vor etwa 4.000 Jahren nach Australien gelangt sein – lange vor den Europäern, aber noch länger nach den Erstbesiedlern Australiens, den Ahnen der Aborigines. Vermutlich waren es Seefahrer aus Südostasien, die Hunde eingeschleppt haben, welche anschließend verwilderten.

Die Fellfarbe von Dingos ist meist ein helles Rotbraun, die Skala kann aber auch bis zu Schwarz und Weiß reichen.
Foto: AP Photo/Russell McPhedran

Deshalb nimmt der Dingo heute eine seltsame Zwischenposition ein: Soll man ihn nach all der Zeit immer noch als verwildertes Haustier betrachten oder als echtes Wildtier, als schädlichen Bioinvasor wie die Füchse, Katzen und Kaninchen, die die Europäer eingeschleppt haben, oder als natürlichen Bestandteil der australischen Fauna? Die einheimischen Beuteltiere scheinen darauf ihre eigene Antwort gefunden zu haben: 2016 berichteten Forscher, dass Kleinbeuteltiere im urbanen Süden Australiens die Nähe zu Hunden meiden – diese Lehre dürften sie aus dem jahrtausendelangen Zusammenleben mit Dingos gezogen haben. Wildkatzen hingegen hatten sie in diesem Zeitraum keine "zum Üben" – und werden daher Jahr für Jahr in geradezu apokalyptischem Ausmaß von Hauskatzen abgeschlachtet.

Bekämpfung ...

Auch der Dingo dürfte die eine oder andere Spezies auf dem Gewissen haben, zumindest auf dem australischen Festland. Bekämpft wird er aber vor allem wegen der Schäden, die er in der Viehzucht anrichtet. Sagenhaft lange Grenzzäune, Abschusskampagnen und vor allem Giftköder, die vom Hubschrauber aus abgeworfen werden, sollen die Dingo-Populationen in Schach halten. Das gebräuchlichste Mittel ist Natriumfluoracetat, ein geschmackloses weißes Pulver, mit dem Fleischköder präpariert werden. In Australien wird es zumeist nach seiner Katalognummer "1080" oder mit dem landestypischen Pragmatismus auch "Doggone" genannt.

Michael Letnic ist nun der Frage nachgegangen, wie sich einige Jahrzehnte des massiven Einsatzes von Natriumfluoracetat ausgewirkt haben. Dafür verglich er Regionen wie Kalgoorlie in Südwestaustralien oder Pilbara im Nordwesten, in denen Köder ausgelegt werden, mit solchen, in denen das nicht getan wird, etwa Naturschutzgebieten oder Regionen, die im Besitz von Aborigines sind. Dabei konzentrierte sich das Team um Letnic auf Schädelmessungen, da bei Dingos die Größe des Schädels ein gutes Maß für die Gesamtgröße des Tiers ist. An die 600 Dingo-Schädel aus einem Zeitraum von 80 Jahren wurden so verglichen.

... mit unerwarteten Folgen

Das Ergebnis war ebenso eindeutig wie überraschend: Während sich bei den Dingos aus Regionen ohne Giftköder nichts getan hatte, waren ihre Artgenossen aus Gebieten mit Gifteinsatz im Schnitt größer geworden. Das klingt wie der Stoff, aus dem die Ökohorror-Filme der 1970er Jahre gemacht waren, bewegt sich aber natürlich in bescheideneren Dimensionen. Laut den Forschern haben die Dingos in den betroffenen Gebieten um sechs bis neun Prozent zugelegt. Die höhere der beiden Wachstumsraten ist übrigens die der Weibchen. Deren Schädel sind im Schnitt um 4,5 Millimeter gewachsen, die der Männchen um 3,6.

Das erscheint vielleicht nicht viel, entspricht aber hochgerechnet aufs Gesamtwachstum immerhin etwa einem Kilogramm an Körpermasse. Für ein Wirbeltier ist ein solches Wachstum im Verlauf von nur ein paar Jahrzehnten durchaus beachtlich, wie die Forscher betonen. Dass Pestizide unerwünschte Nebenwirkungen auf Insekten haben, sei vielfach beforscht. Ihre Studie würde aber zu den ersten gehören, die zeigen, wie solche Gifte auch bei großen Tieren zu einem Evolutionsfaktor werden können.

Der vermutliche (Neben-)Wirkungszusammenhang

Aber wie kann eine solche paradox erscheinende Nebenwirkung überhaupt zustande kommen? Laut Letnics Kollege Mathew Crowther von der Universität Sydney dürften hier mehrere Faktoren im Spiel sein – darunter auch die klassische natürliche Auslese. Ein größeres Tier "braucht" eine größere Menge Gift, um zu sterben. Stattliche Dingos haben deshalb eine höhere Chance, eine Giftmahlzeit zu überleben, Nachwuchs zu zeugen und ihre Erbanlagen weiterzugeben, während kleinere aus dem Fortpflanzungsrennen genommen werden. Mittel- bis langfristig muss so die Durchschnittsgröße der Spezies ansteigen.

Eine Rolle spielt aber auch die Ernährungslage. Studien haben gezeigt, wie sich Wildtierpopulationen erholen, wenn man die örtlichen Dingos dezimiert hat. Das bedeutet zugleich im Umkehrschluss, dass nun für die überlebenden Dingos mehr Nahrung zur Verfügung steht. Mangels artinterner Konkurrenz leiden sie keinen Hunger und können ihr genetisches Potenzial voll ausschöpfen.

Hybridisierung dürfte laut den Forschern hingegen keine Rolle spielen. Dingos paaren sich häufig mit Haushunden, was durchaus Erbanlagen für einen größeren Körper in den Genpool einbringen könnte. In den ausgewählten Untersuchungsregionen sei die Hybridisierungsrate aber sehr gering, so die Forscher – und ein möglicher Einfluss von Haushunden daher "höchst unwahrscheinlich". Und auch beim mitunter als Erklärung für alles herangezogenen Klimawandel winken die Forscher ab: Wird es heißer, würden Säugetiere eher kleiner als größer. Bleibt als Ursache tatsächlich das Gift.

Weiteres Wachstum?

Beim Versuch, den Dingo umzubringen, hat man ihn also stärker gemacht. Will man ihn weiter bekämpfen, gilt es das zu beachten. Und da Abschüsse und andere Methoden zu ineffizient sind, bleibt laut Letnic auch in Zukunft nur Gift als wirksames Mittel übrig. Und mit ihm die Wahl zwischen zwei Strategien: Entweder eine immer höhere Dosis desselben Gifts auslegen (was ohnehin bereits praktiziert wird). Oder ein anderes Gift nehmen. Beiden Vorgangsweisen erstellt der Forscher aber dieselbe Prognose: Eine Zeit lang werde es funktionieren. Und dann beginnt der Zyklus wieder von vorne. (jdo, 16.8.2020)