Schweine eignen sich hervorragend für die Vermehrung und Neusortierung von Influenzaviren. Das könnte uns Menschen in Zukunft zum Verhängnis werden.

Foto: REUTERS/Enrique Marcarian

Sogenannte Zoonosen, also Infektionen, die von Tieren auf Menschen überspringen können, haben im Zuge der Corona-Pandemie in der Forschungswelt einen Bedeutungsschub erfahren. Immerhin gilt als gesichert, dass das neue Coronavirus ursprünglich von Fledermäusen stammt und seinen Weg vermutlich über einen weiteren tierischen Wirt zum Menschen fand. Einem aktuellen Bericht zufolge treten tierische Krankheitserreger, die dem Menschen gefährlich werden können, in den vergangenen Jahrzehnten immer häufiger in Erscheinung. Schuld daran ist nicht zuletzt der Mensch selbst.

Unter diesem Aspekt kommt der Massentierhaltung insbesondere in den Industrieländern eine besondere Relevanz zu: Wie hoch ist das Risiko, dass aus der landwirtschaftlichen Intensivhaltung für den Menschen gefährliche Erreger hervorgehen?

Eine beunruhigende Antwort auf diese Frage haben nun Forscher unter der Federführung des Friedrich-Loeffler-Institut (FLI) und das Universitätsklinikum Freiburg im Hinblick auf die europäische Schweineindustrie gefunden: Schweinehaltungen bilden offenbar bedeutende Reservoire für eine zunehmende Anzahl diverser für Menschen infektiöser Influenzaviren, die durchaus präpandemisches Potenzial besitzen. Für die im Fachjournal "Cell Host & Microbe" präsentierte Studie wurden mehr als 18.000 Einzelproben aus annähernd 2.500 schweinehaltenden Betrieben mit Atemwegserkrankungen bei Schweinen in Europa untersucht.

Zunehmend neue Virusvarianten

Schweine eignen sich hervorragend für die Vermehrung und Neusortierung von Influenzaviren die vom Mensch, Schwein oder Vogel stammen. Der Erreger der letzten menschlichen Grippepandemie Influenza A(H1N1)/2009 fand bereits 2009 Eingang in die Schweinepopulationen Europas und hat nach den Erkenntnissen der Studie eine herausragende Bedeutung für das stark anwachsende Repertoire neuartiger Virusvarianten im Schwein.

Untersucht wurden Schweinehaltungen in Deutschland sowie weiteren 16 europäischen Ländern. In mehr als der Hälfte der untersuchten Betriebe wurden ganzjährig Influenzavirusinfektionen gefunden. Während vier Influenzaviruslinien mit unterschiedlicher geographischer Verteilung in den Schweinepopulationen Europas dominieren, entstehen daraus zunehmend neue Virusvarianten.

Virusvarianten mit zoonotischem Potential

Ein Fokus der Untersuchung waren mögliche zoonotische Eigenschaften dieser Viren, also deren mögliches Übertragungspotential auf den Menschen: Die detaillierte Analyse der Ähnlichkeiten zu humanen Viren und die Übertragungseigenschaften in Frettchen, einem Tiermodell für humane Influenza, zeigten, dass einige Varianten tatsächlich über zoonotisches Potential verfügen.

Weitere Viren erwiesen sich als resistent gegen einen wichtigen Bestandteil der humanen Virenabwehr: "Einige der Schweine-Influenza-Viren haben bereits eine wichtige Barriere für die Übertragung auf den Menschen überwunden. Das erhöht das Risiko deutlich", sagt Martin Schwemmle vom Universitätsklinikum Freiburg.

Maßnahmen für das Tier- und Menschenwohl

Aktuelle Kenntnisse zur Infektionslage, verbesserte Bekämpfungsstrategien sowie die Optimierung von Impfstoffen für Schweine gegen Influenzaviren können wesentlich zu einem gesteigerten Tierwohl beitragen und wirtschaftliche Einbußen in der Schweineproduktion vermindern, raten die Wissenschafter.

Gleichzeitig würde ein Rückgang der Influenzaviren in Schweinebeständen eine Verringerung des Expositionsrisikos von Menschen gegenüber potentiell zoonotischen Influenzaviren aus diesem Reservoir bewirken. "Der vielbeschworene `One Health-Gedanke´ ließe sich gerade hier erfolgversprechend in praktische Projekte zum gegenseitigen Nutzen von Mensch und Tier umsetzen", sagt Timm Harder vom Friedrich-Loeffler-Institut. (red, 12.8.2020)