Abendlicher Badespaß in Jaffa.

Foto: AP / Oded Bality

Es ist ein heißer Augusttag, und Selina hat Glück, denn von ihrem Zuhause sind es nur 60 Kilometer ans Meer. Trotzdem ist die Neunjährige heute zum ersten Mal am Strand, zum ersten Mal spürt sie Salzwasser auf ihrer Haut. Knöcheltief steht sie im Wasser, strahlt übers ganze Gesicht, klammert sich mit beiden Händen an den Rettungsring auf ihrer Hüfte, macht einen mutigen Satz nach vorn und einen ängstlichen Schritt zurück.

"Ich habe noch mehr Angst als sie", sagt Nasrin, ihre Mutter, die in ein paar Metern Distanz am Strand von Jaffa steht und ihre Augen nicht von den drei Kindern lässt. Zwar können diese schwimmen, "aber die Wellen sind eben etwas anderes als ein Fluss oder ein Schwimmbad".

Seit zwei Wochen sind die Strände in mehreren israelischen Städten voll mit Palästinensern aus dem Westjordanland. Viele von ihnen waren noch nie oder zuletzt vor Jahrzehnten hier, obwohl ihre Familie einst hier lebte. Von den palästinensischen Gebieten nach Israel zu kommen ist nicht immer leicht – und für manche unmöglich. Seit zwei Wochen ist alles anders.

Im Grenzzaun, der das Westjordanland von Israel trennt, klaffen große Löcher. Jeden Tag marschieren hunderte Palästinenser durch, um ans Meer zu fahren. Es ist nicht so, als würden die Videokameras, die Bewegungsmelder und die rundherum postierten israelischen Soldaten davon nichts mitbekommen. Sie lassen es zu. Laut Medienberichten drehen sie spätabends, wenn die Ausflügler zurückkehren, sogar die Scheinwerfer ihrer Jeeps auf, damit die Zaunlücke besser sichtbar wird.

Niemand weiß, wie lang

Von Reisefreiheit kann trotzdem keine Rede sein. Niemand weiß, wie und ob die Lücke, die heute offen steht, auch morgen noch da ist, und ob jene, die sie durchqueren, auch morgen unbehelligt bleiben. Als einer der Durchlässe nahe der Stadt Tulkarem nach Meinung des israelischen Militärs zu stark frequentiert wurde, schlossen die Soldaten das Loch. Laut Medienberichten richteten sie auch Tränengas auf Personen, die sich ihr näherten. An anderen Stellen hingegen blieb die Passage weiter offen.

Kaum einer glaubt, dass es ein akuter Drang nach Mildtätigkeit ist, der Israels Armee veranlasst, die Grenzposten auf systematisches Wegschauen einzuschwören. Eher stecken handfeste Eigeninteressen dahinter. Da die Palästinenserbehörde einen Lockdown übers Westjordanland verhängt hat und mit Israel nicht mehr kooperiert, setzt Israel eigene Schritte.

Israels Bau- und Landwirtschaft hängt von Niedriglohnkräften aus den Palästinensergebieten und dem Ausland ab. Wegen der coronabedingten Reisebeschränkungen bleiben viele der ausländischen Kräfte aus, umso dringender werden Palästinenser benötigt. Mit den Meer-Ausflüglern schlüpfen auch viele junge Männer durch den Zaun, die hier Beschäftigung suchen.

Gutes Geschäft

Noch mehr als ökonomische habe die Öffnung politische Gründe, glaubt Schlomo Brom vom Institut für Nationale Sicherheitsstudien in Tel Aviv und einst hochrangiger Militär. "Israel will zeigen, dass es auch ohne Palästinenserbehörde auskommt", sagt Brom. Es sei eine Reaktion auf den Abbruch aller Kooperationen Ramallahs mit den israelischen Behörden und ein Akt der Machtdemonstration, der letztlich zu einer weiteren Schwächung der Palästinenserbehörde führen soll.

Indes wittern geschäftsfreudige Leute auf beiden Seiten des Grenzzauns ein gutes Geschäft. "Wir haben 800 Schekel für die Busfahrt bezahlt", sagt Nasrin, die mit der siebenköpfigen Familie angereist ist – umgerechnet sind das 200 Euro für eine Strecke der Distanz von Wien nach Mistelbach.

Am Strand von Jaffa herrscht in diesen Augusttagen kein größeres Gedränge als in anderen Jahren. Nur dass es heuer nicht Touristen aus Amerika und Europa sind, die vor der traumhaften Kulisse der Altstadt ein wenig Erholung suchen, sondern Palästinenser, deren Großeltern zum Teil hier zu Hause waren.

Palästinensische Realität

Dass sie den Ort ihrer Vorfahren nun erstmals besuchen können, ist für sie etwas Besonderes. Die israelisch-arabische Parlamentarierin Aida Touma-Sliman hingegen sieht darin keinen Grund zum Jubeln – sondern eher ein Abbild dessen, wie die palästinensische Realität aussehen sollte. In einem auf Hebräisch verfassten Kommentar auf Twitter schreibt die Abgeordnete der Vereinigten Arabischen Liste: "Alle Palästinenser verdienen einen dauerhaften Zugang zum Meer. Punkt." (Maria Sterkl aus Jaffa, 15.8.2020)