Viele Briten können heuer nicht in ihre gewohnten – billigen – Urlaubsdestinationen reisen. Spanien zum Beispiel, das normalerweise 18 Millionen britische Touristen pro Jahr anzieht, wurde wegen eines erneuten Anstiegs von Infektionen hastig von der Liste der sicheren Ländern zurückgezogen, ebenso wie Frankreich, ein weiteres beliebtes Reiseziel. Es bleibt das eigene Land und der Urlaub ebendort, die "Staycation".

Nicht zuletzt wurden die Briten auch von ihrem Premierminister Boris Johnson ermutigt, den Urlaub im eigenen Land zu genießen. Die Folge: mit Müll übersäte Strände, wilde Camper, die fragile Lebensräume zerstören, Warnungen vor einer zunehmend überlasteten Küstenwache, unerschwingliche Unterkünfte.

Brighton am 8. August 2020: Massen einheimischer Touristen suchen den Küstenort heim.
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Noch bevor es mit dem Hochsommer richtig losging, gab es bereits die ersten Anzeichen von Problemen, wie CNN berichtet: Als am letzten Juniwochenende eine Hitzewelle das Vereinigte Königreich traf, reisten schätzungsweise eine halbe Million Menschen nach Dorset, eine Küstenregion im Süden Englands, und hinterließen 33 Tonnen Abfall, darunter menschliche Exkremente und verschmutzte Windeln. Rekordverdächtige 558 Parkstrafen wurden von der Gemeinde verhängt. Die Rettungsdienste hatten alle Hände voll zu tun.

"Ewiges Problem"

Weiter östlich, in Brighton, sah die Lage nicht viel besser aus. Die Küstenstadt ist nur rund eine Stunde von der Zwölf-Millionen-Metropole London entfernt und wurde regelrecht überrannt. Um der Müllberge – ein "ewiges Problem" – Herr zu werden, ergriffen einige Bewohner die Initiative und reinigten die Stadt und den Strand kurzerhand selbst. Am 27. Juni waren es elf Tonnen Abfall allein auf einer Strecke von rund einer halben Meile (rund 800 Meter) zwischen den beiden Pfeilern der Uferpromenade.

Camping ist angesagt, aber nicht überall gern gesehen. Vor allem dann, wenn die Camper ihren Müll zurücklassen.
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Schließlich wurde sogar offiziell davor gewarnt, nach Brighton zu reisen, denn die Züge dorthin waren so voll, dass es unmöglich war, die Abstandsregeln einzuhalten. Zudem wurden die Strafen für unsachgemäße Müllentsorgung hinaufgesetzt. 150 britische Pfund (rund 165 Euro) sind zu berappen, wenn man erwischt wird – was bei der Menge an Besuchern, der nur eine Handvoll Kontrolleure gegenübersteht, sowieso kaum der Fall sein wird, wie man befürchtet.

Kaum stieg die Nachfrage nach Aufenthalten im Inland, stieg auch die Zahl von Betrugsfällen: Gefälschte Angebote für Wohnmobile etwa, die über gefakte Paypal-Konten gemietet werden konnten, nahmen zu. Häufiger waren aber Beschwerden zu hören über kräftig steigende Preise für die wenigen, noch nicht ausgebuchten Ferienunterkünfte. Von Last-Minute-Reisen wird abgeraten.

Unberührte Flecken

Besonders hoch im Kurs steht Camping. Die Zeltpreise sind gestiegen und auch die Zahl der Wildcamper. Die sind vor allem in Naturschutzgebieten ein Ärgernis, wo sie Müll hinterlassen, gar Bäume fürs Lagerfeuer fällen, Lärm machen und sich und andere im schlimmsten Fall auch in Gefahr begeben, weil sie trotz Sturmwarnungen ihre Zelte in der freien Natur aufschlagen oder durch Lagerfeuer Waldbrände auslösen. Nicht nur deswegen sind die Urlauber an manchen Orten nicht gern gesehen. Gerade in Cornwall, wo man Corona gut im Griff hat, fürchtet man sich vor einer Zunahme an Infektionen durch die Massen einheimischer Touristen. Ein durchaus zweischneidiges Schwert: Zum einen freut man sich, dass überhaupt Urlauber kommen, auf der anderen Seite hat man Angst.

In Cornwall sollte sich der eine oder andere einsame Strand finden lassen – immerhin gibt es insgesamt 400 davon.
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Deshalb versucht man die Ströme auf weniger bekannte und besuchte Flecken Cornwalls umzuleiten, denn von den 400 Stränden dort sind nur ungefähr zehn echte "Berühmtheiten". Also solle man doch bitte einen der 390 anderen besuchen, sagen Tourismusverantwortliche, auch wenn diese vielleicht nicht direkt an der Straße liegen – man würde letztendlich mit einem wunderbaren Strand und garantierter sozialer Distanz belohnt.

Ab aufs Rad

Schon springen Anbieter auf diesen Zug auf und promoten statt irgendwelcher fernen Ziele nun die "Exotik" der Heimat – Abenteuerferien mit Wandern in den schottischen Highlands oder per Kajak auf unbewohnte Inseln inklusive Camping. So soll es dem Lockdown-geschädigten, reisewilligen Briten gelingen, dem Alltag zu entfliehen.

Oder man schwingt sich aufs Rad und fährt ins Grüne. Denn so wie in Österreich verkaufen sich auf der britischen Insel seit dem Lockdown Fahrräder besonders gut. Wer keine Lust hat, im Stau zu stehen, schwingt sich auf den Sattel, nimmt leichtes Gepäck mit und radelt von der Stadt aufs umliegende Land. "Bike-Packing" nennt sich dieser Trend, der vor allem bei jungen und fitten Briten immer beliebter wird, um der Langeweile in der eigenen Wohnung zu entkommen. (red, 18.8.2020)