"White Innocents" sollten sich im Zuhören üben, so Akademie-Professorin Anette Baldauf im Gastkommentar.

Wolfgang Müller-Funks mäandernder Essay zur konstatierten politischen Misere der Identitätspolitik (siehe "#IdentityMatters", DER STANDARD, ALBUM, 8. 8. 2020) ist ein beeindruckendes Beispiel dafür, was die Anthropologin Gloria Wekker bereits vor Jahren überzeugend "White Innocence", also weiße Unschuld, genannt hat.

Müller-Funk zieht dabei durch die Landschaft historischer Aktivismen, von der US-Bürgerrechtsbewegung hier und der Frauenbewegung dort bis hin zur aktuellen Black-Lives-Matter-Bewegung, und sichtet aus der Perspektive des Lehnstuhlphilosophen die destruktiven Effekte identitätspolitischer Einmischung. Dem Ruf nach dem Ende von Rassismus konstatiert er dabei Naivität; in der Verweigerung der Versöhnung (zum Beispiel nach der Vergewaltigung in Kleists Novelle) sieht er eine Waffe, die die liebgewonnene Identität schützt.

Die Black-Lives-Matter-Bewegung thematisiert nicht nur in den USA, sondern auch in Europa Rassismus und Gewalt. Diese junge Londoner Demonstrantin findet: Wir sind kein Trend.
Foto: Reuters / Toby Melville

Kritik und Transformation

Was all die Beispiele verbindet, ist der aggressive Gegenschlag in der Konfrontation mit Kritik und der Forderung nach Transformation. Das Problem der Identitätspolitik liegt liberalen, weißen Männern (und auch Frauen) wie Müller-Funk zufolge in dem antizipierten Redeverbot – ganz im Sinne von "Wo kommen wir denn da hin, wenn wir nicht mehr sagen können, was wir denken". Bezeichnend für all diese Positionen ist, dass das "wir", das hier postuliert wird, selbst nicht als eine Identitätskonstruktion wahrgenommen wird, sondern, im Gegenteil, für das Menschliche schlechthin steht.

Das Menschliche, das haben uns Theoretiker wie der Dekolonialisierungsvordenker Frantz Fanon, der Soziologe W. E. B. Du Bois oder, aktueller, die Schriftstellerin und Wissenschafterin Saidiya Hartman gelehrt, ist alles andere als eine universell zugängliche Kategorie. In der kolonialen Begegnung und dem folgenden Terror der Versklavung war es genau dieses Menschliche, das Millionen von Afrikanern und Afrikanerinnen abgesprochen wurde. Das sogenannte Menschliche bezieht deshalb seinen Anspruch eben aus der Abgrenzung von dem, was als nichtmenschlich definiert wird – dem Fleisch der anderen, der gehandelten Ware, den mittels Vergewaltigung Reproduzierten.

Andere Beispiele

Müller-Funk reiht sich damit ein bei jenen Professoren-Dinosauriern, die noch von einer anscheinend unmarkierten Position aus für alle sprechen und nur rein zufällig dabei ausschließlich andere weiße Männer zitieren. Weiße Unschuld, so stellt Wekker mit Blick auf die Niederlande fest, das sich – ähnlich wie Österreich – gerne eine unschuldige Geschichte schreibt, reproduziert sich im Kontext eines zentralen Paradoxons: die leidenschaftliche Verleugnung von rassistischer Diskriminierung und kolonialer Gewalt, gepaart mit aggressivem Rassismus und Xenophobie. Es ist also bezeichnend, dass Müller-Funk sein Augenmerk auf die Momente antizipierter Zensur legt – zum Beispiel auf den Dana-Schutz-Vorfall bei der Whitney Biennale 2017 oder die Zurückweisung der Yale-Dozentin Erika Christakis 2019 –, aber nur bedingt den strukturellen Kontext miteinbezieht.

Es ist die Entscheidung des Autors, diese Fälle zu beleuchten und nicht, zum Beispiel, die auch in Österreich grassierende Polizeigewalt gegen Schwarze, die strukturelle Gewalt, die auch hier in den Magistratsämtern um sich greift, oder den von Rassismen gespickten Alltag, wie die Diskussionen um den Namen eines Biers aus Vorarlberg, das Recht, einen Schokoladenkuchen beim rassistischen Namen zu nennen, oder die leidige Frage "Woher kommst du" angesichts einer nicht-weißen Hautfarbe, ganz zu schweigen von dem "Darf ich deine Haare angreifen?" in der Straßenbahn.

Doing Homework

Das Problem, so scheint es, ist, dass weiße Menschen aktuell aufgefordert werden, weniger zu sprechen und mehr zuzuhören. Doing Homework, nennen das postkoloniale Theoretiker*innen wie zum Beispiel Rauna Kuokkanen und fordern gerade liberale Akademiker*innen auf, aktives Zuhören und gezielte Zurücknahme auch als eine Form des politischen Handelns wahrzunehmen.

Identity matters, da stimme ich Müller-Funk gerne zu, das inkludiert aber auch seine gerne universalisierte und damit unsichtbar gemachte Positionierung. Nur so kann ich mir seine Definition von Identität als Ergebnis der Sehnsucht, exklusiv und anders zu sein, erklären. Wenn wir – die "White Innocents" – uns im Zuhören üben, so lernen wir vielleicht endlich, welche anderen Komponenten Identität ausmachen. (Anette Baldauf, 18.8.2020)