Was ist gerecht? Und für wen?
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In den letzten Wochen entspann sich in der "Wiener Zeitung" und auf Twitter ein Disput unter Ökonominnen und Ökonomen, ob Wirtschaftsforschung wertfrei sein kann und soll. Auf Harald Oberhofers "Werte, Wahrheit, Wirtschaftsforschung" antwortete Jakob Kapeller mit "Wahrheiten über Wertfreiheit". Im Ökonomieblog liefern Harald Oberhofer und Gerhard Schwarz nun den nächsten Beitrag zu dieser Debatte.

"Was ist Wahrheit?", fragte Pontius Pilatus Jesus und wandte sich ab, ohne auf eine Antwort zu warten. Nietzsche nannte dies den "vornehme[n] Hohn eines Römers, vor dem ein unverschämter Missbrauch mit dem Wort 'Wahrheit' getrieben wird". Beide scheinen ihre Zweifel daran gehabt zu haben, dass sich im Metaphysischen, der Religion und der Ideologie die Wahrheit verberge.

Die Wahrheit, das sind zutreffende Aussagen über die Wirklichkeit, die prinzipiell von jedem überprüft und gegebenenfalls falsifiziert werden können: Jeder Mensch kann sich in der Baumkrone verstecken und die Existenz der Schwerkraft testen, indem er einen Apfel auf den Kopf Isaac Newtons fallen lässt. Die systematische Suche nach der Wahrheit nennen wir Wissenschaft, ihre Leitdifferenz ist wahr/unwahr.

Ob man die Schwerkraft als gut oder böse beurteilt, ob etwas mehr oder weniger Schwerkraft wünschenswert wäre, das sind dagegen ideologische Fragen, weil sie sich an Idealen orientieren. Sie sind einer Analyse entlang der Kategorien wahr/unwahr nicht zugänglich. Ein reales Anschauungsbeispiel dafür ist das in der Politik weit verbreitete Streben nach Gerechtigkeit.

Gerecht für wen?

Nach Jahrtausenden intensiven Nachdenkens weiß immer noch niemand, was Gerechtigkeit eigentlich sein soll. Dennoch sind alle dafür. In der Praxis verfolgen die verschiedenen politischen Akteure natürlich jeweils maßgeschneiderte Gerechtigkeitskonzepte, die ihren persönlichen Zielen dienen: Der Millionenerbe findet eine Erbschaftssteuer ungerecht, und die Gewerkschafterin betrachtet die Verteilung der Vermögen als unfair.

Harald Oberhofer ist Professor für Volkswirtschaft an der WU Wien und stellvertretender Vorstand des Instituts für Internationale Wirtschaft. Seine Forschungsschwerpunkte liegen in den Bereichen wirtschaftliche Integration und Außenhandelsökonomie.
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Gerhard Schwarz ist Wirtschaftsforscher in Wien und Mitinitiator der Plattform Registerforschung. Seine Arbeitsschwerpunkte liegen im Bereich ökonomischer Unternehmensbefragungen und der Schaffung von Zugängen der Wissenschaft zu Register- und Statistikdaten.
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Die Frage nach der Wahrheit von Gerechtigkeitskonzepten ist sinnlos. Es handelt sich um konkurrierende Weltanschauungen, deren Leitdifferenz erwünscht/unerwünscht lautet. Ihre Werte sind menschliche Erfindungen. "Wer sagt, daß sie gelten, ohne daß ein Mensch sie geltend macht, will betrügen", befand Carl Schmitt in später Einsicht.

Aus solchen Gerechtigkeitsvorstellungen Vorgaben für menschliches Verhalten abzuleiten ist unwissenschaftlich: "Die menschliche Vernunft kann verstehen und beschreiben, sie kann nicht vorschreiben. Normen für menschliches Verhalten in der Vernunft zu finden ist die gleiche Illusion wie die, solche Normen aus der Natur zu gewinnen", schrieb Hans Kelsen.

Die wissenschaftliche Beurteilung von Wertvorstellungen

Selbstverständlich basieren auch die Wissenschaft und ihr Streben nach Wahrheit auf Werturteilen. Unter anderem der Überzeugung, dass das Erkennen der Realität wichtig ist, um individuell und gesellschaftlich die richtigen Entscheidungen zur Erreichung persönlicher und politischer Ziele zu ermöglichen, die letztlich willkürlich und ideologisch sind. Die Wissenschaft gibt den Menschen aber auch die Mittel an die Hand, um ihre Wertvorstellungen zu hinterfragen und zu revidieren.

Die Beurteilung von politischen Wertvorstellungen und ideologischen Zielen ist dagegen nicht Teil der Wissenschaft. Nur wenn sie sich diese verkneift, kann sie ein der Wahrheit verpflichteter Ratgeber der Gesellschaft sein. Ob man diesen Rat annehmen möchte, muss jede und jeder für sich entscheiden. Aber schließlich wusste schon Jesus: "Die Wahrheit wird euch frei machen." (Harald Oberhofer, Gerhard Schwarz, 18.8.2020)