Warum kommt Trump mit all den täglichen Ungeheuerlichkeiten durch?

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In den USA wird derzeit ernst diskutiert, wie Donald Trump die Wahl am 3. November stehlen will. Nicht ob, sondern wie.

Dass er es will, ist unbestritten. Seine bewusste Zerstörung der US-Post, mit der er die Briefwahl unmöglich machen will, die er gleichzeitig als völlig normales demokratisches Instrument unter Betrugsverdacht stellt, ist nur ein Indiz.

Es kursieren auch andere Szenarien, u. a. der Einsatz der Nationalgarde, um Leute in bestimmten Distrikten am Wählen zu hindern ("Unruhen") oder eine zeitgerechte Auszählung zu verhindern usw. Unter normalen Umständen müsste allein seine Attacke auf die Post und sein Heruntermachen der Briefwahl genügen, um ihn wegen undemokratischen Verhaltens und Amtsmissbrauchs wegzufegen.

Aber warum kommt er bisher damit durch? Warum kommt er mit all den anderen täglichen Ungeheuerlichkeiten durch – von rassistischen, sexistischen, dreckigen Angriffen auf die Vizepräsidentschaftskandidatin Kamala Harris über seine hirnverbrannte Corona-Politik bis zu der unendlichen Abfolge von Lügen und dem ans Hochverräterische grenzende Buckeln vor Putin usw.

Brian Klaas hat in der Washington Post schon im Mai diese Frage gestellt und so beantwortet:

1) Das bisher Undenkbare ist Routine geworden. Der kranke Müll, der durchs Internet geistert, wird großteils ernst genommen beziehungsweise kann von vielen nicht richtig eingeordnet werden.

2) Trump wurde von einer starken Minderheit gewählt, für die die Welt in die falsche Richtung geht. Im Fall der USA: Die weiße Vorherrschaft scheint gefährdet.

3) Wer sich einmal so fundamental geirrt hat, wie die Wähler von Trump, der kann den Irrtum jetzt nicht zugeben.

Grosso modo gilt das auch für die anderen "Trumps": für autoritäre Nationalpopulisten, die im Gegensatz mangels starker demokratischer Institutionen die Grenze zum Diktator bereits überschritten haben, wie Orbán oder Erdoğan. Doch auch die wurden gewählt, Erdoğan sogar knapp. Sie sind jetzt durch ihre Inkompetenz und Korruption in Schwierigkeiten, aber die große Zahl ihrer Anhänger lässt ihnen immer noch alles durchgehen. Auf einer niedrigeren Ebene könnte man auch fragen: Warum lassen die Anhänger des H.-C. Strache, die Strache noch hat, diesem Mann noch alles durchgehen?

Es gibt einen vierten Grund, warum das so ist, und der hat mit einer gewissen Schwäche der Demokraten, der Liberalen, der oppositionellen Kräfte gegen die Trumps dieser Welt zu tun: Wir haben uns schon an so viel gewöhnt.

Man kommt ja nicht nach mit dem Widerlegen des blanken, unverfälschten Shits, den etwa ein Trump von sich gibt. Ein Stichwort: Sein früherer rechtsextremer Guru Steve Bannon sagte ja, "Flood the zone with shit" – verbreite in den sozialen Medien einen verleumderischen, hirnverbrannten Blödsinn, und gewisse Leute, nicht zu wenige, werden es glauben.

Die Anhänger der liberalen Demokratie ermüden manchmal. Aber die liberale Demokratie ist jetzt wirklich in Gefahr, und es muss dringend etwas getan werden. Trump darf nicht mehr damit durchkommen, das Wahlrecht auszuhöhlen. Und verschiedene europäische Brüder im Geiste nicht mit der Aushöhlung der Meinungsfreiheit. (Hans Rauscher, 18.8.2020)