Zum Ausbruch der weltweiten Corona-Krise flüchteten weltweit Investoren in die Weltleitwährung: den US-Dollar. In weiterer Folge büßte der Greenback jedoch ebenso rasch wieder an Attraktivität ein. Andere Währungen wie der Euro erzielten gegenüber dem Dollar zuletzt Mehrjahreshochs, Gold mit mehr als 2000 Dollar für eine Feinunze sogar einen neuen Rekordwert. Davon ist die Digitalwährung Bitcoin zwar noch ein gutes Stück entfernt, aber auch sie konnte sich seit dem Tief von Mitte März mehr als verdoppeln. Warum verliert der Dollar in so kurzer Zeit so massiv an Wert?

Nicht nur Gold ist gegenüber dem US-Dollar auf dem aufsteigenden Ast. Auch viele andere Währungen und Alternativen wie Bitcoin legen gegenüber dem Greenback stark zu.
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Ein wichtiger Faktor ist die schwindende Zinsdifferenz: Bis zur Corona-Krise wurden in den USA positive Zinssätze und Renditen erzielt – ein Vorteil gegenüber dem Euro und den sowieso zinslosen Anlagen Gold und Bitcoin. Dieser ist nun fast dahin, da die Fed in der Corona-Krise schlagartig den Leitzins auf die Spanne von null bis 0,25 Prozent senkte und ein gigantisches Anleihenkaufprogramm startete. "Das stellt alles in den Schatten", sagt Raiffeisen-Chefanalyst Peter Brezinschek über dessen Volumen. "Damit werden bis Jahresende 10,3 Prozent des US-BIP an Vermögenswerten aufgekauft."

Langsame Normalisierung

Zudem haben Vertreter der US-Notenbank Fed Brezinschek zufolge durchblicken lassen, dass es diesmal keine schnelle Normalisierung, also Straffung, der Geldpolitik geben werde. Zudem werde die Fed ihr Inflationsziel von zwei Prozent dahingehend ändern, dass sie künftig ein vorübergehendes Überschießen der Teuerung zulassen werde, ohne mit Zinserhöhungen gegenzusteuern. Wird es womöglich auch in den USA zu Negativzinsen kommen, wie sie die EZB für Bankeinlagen verlangt? Brezinschek winkt ab: "Nein, das glaube ich nicht."

Gerhard Winzer, Chefvolkswirt des Fondsanbieters Erste Asset Management, erwartet zwar auch keine US-Negativzinsen, sieht aber in dem schwindenden Zinsvorteil ebenfalls einen Grund für die aktuelle Schwäche des Dollars – wenngleich nicht den einzigen. Auch die unterschiedliche Nachrichtenlage in den USA und Europa spreche gegen den Greenback. Während in der EU die vorläufige Einigung auf den europäischen Aufbauplan – für den Volkswirt "tatsächlich ein Game-Changer" – gegeben habe, sei in den USA bisher keine Einigung auf zusätzliche Arbeitslosenunterstützung zustande gekommen.

Sollte diese ausbleiben, erwartet Winzer "einen starken Dämpfer für die wirtschaftliche Erholung der USA". Zudem rechnet er mit weiterhin negativem Newsflow aus den USA. Bis zu den Präsidentschaftswahlen in November werde verbal scharf geschossen, auch im schwelenden Konflikt mit China. Wenngleich Winzer dies für Wahlkampfrhetorik hält, stelle es für den Dollar einen Belastungsfaktor dar.

Bitcoin im Aufwind

Das merkt man nicht nur am schwindenden Wert des Dollars gegenüber dem Euro, sondern auch gegenüber vielen anderen herkömmlichen Währungen – oder alternativen wie Gold oder neuerdings auch Bitcoin. Die Kryptowährung wird auch bei institutionellen Investoren beliebter, da sie – wie Winzer betont – kaum mit anderen Anlagen korreliert und sich dadurch gut zur Risikostreuung eignet.

Der Volkswirt erwartet wie Raiffeisen-Analyst Brezinschek eine Fortsetzung der Dollarschwäche – zumal der Markt stark momentumgetrieben sei. "Wenn es einmal einen Trend beim Dollar gibt, dann setzt sich dieser Trend fort", erklärt Winzer. Er betont jedoch, dass es sich nicht um eine kopflose Flucht aus dem Dollar handelt, vielmehr sei die US-Währung zuvor hoch bewertet gewesen. Die Kaufkraftparität zum Euro liege bei etwa 1,30 Dollar. Winzer glaubt aber nicht, dass diese Marke erreicht wird. Wie Brezinschek sieht er für die nächsten Monate noch Spielraum bis etwa 1,25 Dollar für einen Euro. (Alexander Hahn, 19.8.2020)