Joe Biden und seine Frau Jill Biden nach der Nominierung.

Foto: AP/Democratic National Convention

Milwaukee (Wisconsin) – Die US-Demokraten haben Joe Biden offiziell als ihren Kandidaten im Rennen um das Weiße Haus nominiert. Der ehemalige US-Vizepräsident erhielt am Dienstagabend (Ortszeit) bei dem weitgehend virtuell veranstalteten Parteitag wie erwartet die dafür notwendige Zahl an Delegiertenstimmen. Er tritt damit bei der Wahl am 3. November gegen US-Präsident Donald Trump an.

Joe Biden wurde beim Parteitag der US-Demokraten offiziell zum Kandidaten für die Wahl im November gekürt.
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"Es bedeutet die Welt für mich und meine Familie", sagte Biden nach der Nominierung im Beisein seiner Frau Jill und seiner Enkel, gerahmt von Luftballons in den Nationalfarben. Zu sehen waren sie in einer High School in Wilmington (Delaware), in der Jill Biden früher Englisch unterrichtet hat.

Höhepunkt des Abends war die Rede von Bidens Ehefrau Jill. Sie versprach, ihr Mann werde bei einem Wahlsieg Führungsstärke und Mitgefühl ins Weiße Haus bringen. Die 69-Jährige sprach über die Schicksalsschläge im Leben ihres Mannes, der durch einen Autounfall seine erste Frau und eine Tochter und durch Krankheit einen Sohn verloren hat.

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"Wie bringt man eine gebrochene Familie wieder zusammen? Genauso, wie man eine Nation zusammenbringt: mit Liebe und Verständnis und kleinen Gesten der Güte, mit Mut, mit unerschütterlichem Glauben", sagte die frühere Second Lady. Vier Tage nach der Beerdigung seines 2015 an einem Hirntumor verstorbenen Sohns Beau habe Biden – damals Vizepräsident unter Barack Obama – "sich rasiert, seinen Anzug angezogen" und sei zurück zur Arbeit gegangen. "Manchmal konnte ich mir nicht erklären, wie er es machte – wie er einen Fuß vor den anderen setzte", sagte Jill Biden. "Aber ich habe immer verstanden, warum er es machte." Es sei ihm stets um das Wohl der US-Bürger gegangen.

"The honor of my life"

Auf Twitter schrieb Biden, "es ist die Ehre meines Lebens", die Nominierung als Präsidentschaftskandidat der Demokraten anzunehmen. Formell geschieht das erst zum Abschluss des Parteitags am Donnerstag (Ortszeit), wenn Biden in Wilmington seine Nominierungsrede hält. Amtsinhaber Trump soll kommende Woche bei dem Parteitag der Republikaner zum Kandidaten gekürt werden.

Die Nominierung beim Parteitag war eine Formalie: Biden hatte sich im Vorwahlrennen der Demokraten gegen die anderen Präsidentschaftsbewerber durchgesetzt. Als letzter Rivale warf Senator Bernie Sanders im April das Handtuch. Die Linken-Ikone stellte sich bei dem Parteitag dennoch zur Wahl.

Digitales Programm statt Mega-Event

Die Corona-Pandemie hat die Planungen der Demokraten für den Parteitag auf den Kopf gestellt. Ursprünglich war das Treffen in einer großen Halle in Milwaukee (Wisconsin) geplant – in Anwesenheit von zehntausenden Gästen. Der viertägige traditionelle Mega-Event wurde auf täglich zwei Stunden Programm reduziert, das bei vielen Fernsehsendern und online übertragen wird. Nach Eva Longoria Bastón zum Auftakt führte am zweiten Abend mit Tracee Ellis Ross wieder eine Schauspielerin durchs Programm. Nur wenige Vertreter der Demokraten befinden sich am ursprünglichen Veranstaltungsort.

Während der Abstimmung zur Nominierung verkünden Vertreter der Staaten und Gebiete der USA typischerweise die Verteilung der Delegiertenstimmen – und nutzen den Auftritt für politische Forderungen oder Preisungen ihrer Heimat. Dieses Jahr lief das Prozedere in komprimierter Form ab – Videos aus den einzelnen Teilen des Landes erinnerten an die Punktevergabe beim Eurovision Song Contest. Die Redebeiträge von Politikern, Aktivisten oder Arbeitern drehten sich um Bidens Pläne für die Wirtschaft und Erfahrungen während der Corona-Pandemie – Kritik an Trump gab es auch.

Biden verspricht, das Land als Präsident zu einen. Er will aus der Corona-Pandemie führen und die Wirtschaft wieder aufbauen, die durch die Krise erheblichen Schaden genommen hat. Zudem verspricht er, sich für mehr Gerechtigkeit einzusetzen und gegen systematischen Rassismus einzutreten.

Kamala Harris wird am Mittwoch nominiert

Der 77-Jährige war acht Jahre lang Vizepräsident unter Barack Obama. In die Wahl ziehen will er mit der kalifornischen Senatorin Kamala Harris, die im Fall eines Sieges die erste schwarze Vizepräsidentin der USA wäre. Harris soll am Mittwoch (Ortszeit) nominiert werden und anschließend ihre Nominierungsrede halten.

Biden liegt in landesweiten Umfragen vor Präsident Trump. Die Erhebungen haben allerdings wegen des komplizierten Wahlsystems nur begrenzte Aussagekraft. Biden ist bisher gut mit einem zurückhaltenden Wahlkampf gefahren, mit dem er der Pandemie Rechnung getragen hat. Die Demokraten unterstreichen damit ihre Botschaft, einen verantwortungsvollen Kandidaten ins Rennen ums Weiße Haus zu schicken. Wegen Trumps treuer Basis sind sie auf eine breite Koalition an Unterstützern angewiesen, von enttäuschten Trump-Wählern bis hin zu den Parteilinken. Die Hoffnung ist, dass der moderate Biden diese hinter sich vereinen kann.

Trump versucht Biden hingegen als "Marionette der radikalen linken Bewegung" zu stilisieren. Bei einem Auftritt am Dienstag in Arizona warnte Trump vor unkontrollierter Einwanderung im Fall seiner Wahlniederlage. "Sie wollen die Mauer niederreißen, sie wollen keine Grenzen haben", sagte er in der Grenzstadt Yuma. Die Demokraten sind gegen die Mauer an der Grenze zu Mexiko, sie sind aber nicht für die Öffnung aller Grenzen. Trump wiederholte seine Worte vom Vortag, dass es bei der Wahl im November um das "Überleben unserer Nation" gehe.

Glückwünsche an Biden, Kritik an Trump

Der ehemalige Präsident Obama hat Biden zur Nominierung als Präsidentschaftskandidat der US-Demokraten beglückwünscht. "Gratuliere, Joe. Ich bin stolz auf dich", schrieb der 59-Jährige am Dienstagabend (Ortszeit) auf Twitter.

Und auch zwei weitere frühere US-Präsidenten stehen klar hinter Biden – Jimmy Carter und Bill Clinton. "Joe hat die Erfahrung, die Charakterstärke und die Anständigkeit, uns zusammenzuführen und Amerikas Großartigkeit wiederherzustellen", sagte Carter in einer am Dienstagabend ausgestrahlten Audiobotschaft anlässlich des Parteitags. "Wir verdienen jemanden mit Integrität und Urteilsvermögen, jemanden, der ehrlich und fair ist, jemanden, der dem verpflichtet ist, was das Beste für die Amerikaner ist."

Bill Clinton übte scharfe Kritik an Trump. "In Zeiten wie diesen sollte das Oval Office eine Kommandozentrale sein. Stattdessen ist es ein Unruheherd", sagte Clinton in einer Videoansprache. "Es herrscht nur Chaos. Nur eine Sache ändert sich nie: Seine (Trumps) Entschlossenheit, Verantwortung abzustreiten und die Schuld abzuwälzen."

Wer einen Präsidenten wolle, der "seinen Job darin definiert, jeden Tag stundenlang Fernsehen zu schauen und Leute in den sozialen Medien fertigzumachen", der müsse für Trump stimmen. Biden dagegen habe eine Mission, sagte Clinton. "Verantwortung übernehmen, nicht Schuld abwälzen; sich konzentrieren, nicht ablenken; vereinen, nicht spalten." Biden sei bodenständig und erledige seine Arbeit. Carter war von 1977 bis 1981 US-Präsident, Clinton von 1993 bis 2001. (APA, red, 19.8.2020)