Offizieller Schulstart für allgemeine Schulen ist in Israel am 1. September.

Foto: AP Photo/Oded Balilty

Ultraorthodoxe in einem Park in Tel Aviv. Ihre Schulen sollen bereits am Freitag öffnen – Ronni Gamzu befürchtet einen Anstieg der Infektionszahlen.

Foto: AP Photo/Oded Balilty

Er hat den Auftrag, Israels Abwehrkampf gegen das Coronavirus zu leiten: Ronni Gamzu. Von einer geschlossenen Truppe kann aber keine Rede sein: "Jede Woche muss ich darum kämpfen, von der Regierung grünes Licht zu bekommen", klagt der Chef des Tel Aviver Ichilov-Spitals und nunmehr oberste Corona-Manager Israels.

In diesen Tagen sei es besonders kritisch, erzählt Gamzu in einem Medienbriefing. Demnächst geht nämlich der Schulbetrieb wieder los. Allgemeine Schulen öffnen am 1. September, die ultraorthodoxen Schulen aber bereits diesen Freitag. Gamzu tut alles, um Letzteres noch abzuwenden – er spricht sich dafür aus, dass nur bis zu Zwölfjährige in der Klasse sitzen, der Rest solle zu Hause oder gestaffelt lernen. Die ultraorthodoxen Vertreter, die auch in der Regierung sitzen, sind aber dagegen.

Sollte sich Gamzu nicht durchsetzen, droht den ohnehin alarmierend hohen Infektionszahlen in Israel ein weiterer Schwung an Neuansteckungen. Ultraorthodoxe Familien leben zumeist auf gedrängtem Raum mit vielen Kindern – wenn ein Kind das Virus nach Hause bringt, ist bald die ganze Familie infiziert. "Das bereitet mir schlaflose Nächte", sagt Gamzu.

Einreise aus Wien erleichtert

Zu Beginn der zweiten Corona-Welle Ende Mai stand Israel bei rund 16.000 Fällen. Bis heute hat sich die Zahl versechsfacht. Allein am Dienstag kamen fast 1.400 neue Fälle dazu. Rund zehn Prozent der durchgeführten Tests stellen sich als positiv heraus. Das ist ganz am Rande auch für Österreich relevant: Israel hat die Bestimmungen für die Einreise aus Österreich gelockert, zumindest für israelische Staatsbürger und Personen mit Aufenthaltserlaubnis. Sie müssen nach Einreise nicht mehr in Quarantäne. Das könnte den Reiseverkehr zwischen Wien und Tel Aviv beflügeln – und auch in Österreich zu neuen Ansteckungen führen.

Gamzu hat sich zum Ziel gesetzt, die Reproduktionszahl des Virus in den kommenden vier Wochen von 1 auf 0,8 zu senken. Sollte das nicht gelingen, droht ein Lockdown. Das Horrorszenario vieler Israelis: ein Lockdown just zur Zeit der hohen Feiertage in der zweiten Septemberhälfte, wenn Familien von weit her anreisen, um gemeinsam zu feiern, und alles in die Synagogen strömt, um die Anlässe zu begehen.

Kleines gegen größeres Übel

Gamzus Überzeugungstaktik scheint derzeit darauf angelegt zu sein, die Ultraorthodoxen zum kleineren Übel der partiellen Schulschließung zu überreden, indem er ihnen das größere Übel – den Feiertags-Lockdown – vor Augen hält. Ob er Erfolg hat, wird sich am Donnerstag weisen, wenn die Regierung Gamzus Vorschlag diskutiert.

Israels Spitalsmanager hatten zuletzt angegeben, dass die Kapazitätsgrenze der Corona-Abteilungen irgendwo zwischen 500 und 1.000 schweren Erkrankungsfällen liege. Am Dienstag, noch vor der landesweiten Öffnung der Schulen, stand Israel bei 410 schweren Fällen. (Maria Sterkl aus Tel Aviv, 19.8.2020)