Das Wechselspiel zwischen Zuckerkrankheit und Coronavirus ist komplex.

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Als die Covid-19-Pandemie über Österreich hereinbrach, wusste noch niemand genau, wer tatsächlich zur Risikogruppe zählt. Doch schnell war klar: Menschen mit Diabetes müssen vorsichtig sein. Und schließlich war auch der erste Mensch, der in Österreich an den Folgen einer Covid-19-Infektion verstarb, ein Patient mit Diabetes Typ zwei in fortgeschrittenem Alter. Er hatte neben seiner Zuckerkrankheit auch eine Herzinsuffizienz und Bluthochdruck.

Mitte April gab einen sehr prominenten Patienten: Da wurde bekannt, dass sich Oscar-Preisträger Tom Hanks infiziert hatte. Er ist Diabetiker, überstand die Erkrankung. Doch dann mehrten sich die Berichte von Menschen mit Diabetes. Die 24-jährige Typ-eins-Patientin Anja dokumentierte ihren Covid-19-Verlauf in Foren im Internet. Es gab immer mehr Todesfälle. Ein 84-jähriger sportlicher Österreicher ohne Vorerkrankungen verstarb plötzlich.

Das Wechselspiel zwischen Zuckerkrankheit und Coronavirus ist komplex. Einerseits gehören ältere Patienten mit Folgeerkrankungen zur Hochrisikogruppe, andererseits kann die Infektion sogar dann zu erhöhten Zuckerwerten führen, wenn die Patienten noch gar nicht als Diabetiker diagnostiziert sind. Diese so unterschiedlichen Verlaufsformen haben den Ehrgeiz angestachelt: Man will verstehen, warum eine Infektion mit Sars-CoV-2 Auswirkungen auf Diabetes haben kann.

Auf der Intensivstation

Aktuelle Zahlen aus Österreich hat Harald Sourij von der Klinische Abteilung für Endokrinologie und Diabetologie an der Med-Uni Graz erhoben. Dort gibt es ein österreichweites Covid-19-Diabetes-Register, in dem 247 Fallbeispiele evident sind, 238 mussten ins Krankenhaus, vor allem bei Diabetes Typ zwei, also jener Form der Erkrankung, die nicht genetisch ist. "In dieser Gruppe mit einem Durchschnittsalter von 70 Jahre gab es viele Aufnahmen auf der Intensivstation", berichtet Sourij, ein Viertel sei auch leider verstorben.

Denn nicht nur die Zuckerkrankheit an sich, sondern auch ihre Begleiterkrankungen wie etwa Adipositas, Herzschwäche, Schlaganfälle oder Lebererkrankungen erhöhen die Sterblichkeit. Dass das so ist, liegt am Enzym ACE 2 (Angiotensin Coverting Enzyme), an dem das Sars-CoV-2-Virus andockt. Je höher der Blutzucker, umso besser gelingt das. Und weil ACE-2 auch den Blutdruck reguliert, gerät der Organismus schnell aus dem Tritt.

Teufelskreis

Ein weiterer entscheidender Faktor ist die Fettleibigkeit: Je adipöser der Mensch, desto rascher entsteht ein Teufelskreis. Der Grund: Körperfett triggert Entzündungen, bei Adipositas scheinen sie auch in den Blutgefäßen und sogar im Hirn zu entstehen. Zudem ist Fettleibigkeit dafür verantwortlich, dass das körpereigene Insulin nicht mehr so wirkt, wie es sollte. Der Zucker steigt und ebnet dem Virus den Weg in eine generalisierte Entzündungserkrankung.

Diabetespatienten mit Covid-19 brauchen Insulininfusionen und müssen rund um die Uhr beobachtet werden. Eine zusätzliche Komplikation wie etwa eine Lungenentzündung komplizierte bei vielen die Situation. Wenn gegen die Entzündung Kortison verabreicht werden muss, dann kann dieses Medikament den Insulinspiegel noch einmal dramatisch absenken.

Sonnenlicht

Auch der Vitamin-D-Spiegel eines Covid-19-Patienten spielt eine Rolle, sagt der Ernährungsmediziner Hans-Konrad Biesalski von der Universität Hohenheim in Stuttgart. Das Vitamin reguliert das Wechselspiel zwischen Immunsystem und Entzündungsprozesse im Körper. "Bei Covid-19-Patienten sollte der Vitamin-D-Spiegel im Auge behalten werden", rät er, vor allem bei Menschen über 65 Jahren oder Personen, die selten im Freien sind.

"Die wichtigste Vitamin-D-Quelle ist Sonnenlicht", so der Experte, "im Alter funktioniert das nur noch eingeschränkt." Konkret reguliert Vitamin D unter anderem das sogenannte Renin-Angiotensin-System (RAS), das für das Immunsystem einerseits und die Regulierung des Blutdrucks wichtig ist.

"Da das Coronavirus eine zentrale Schaltstelle dieser Regelkreise befällt, halten sich proentzündliche und antientzündliche Prozesse nicht mehr die Waage", erläutert Biesalski, das System gerate durcheinander, und zwar besonders dann, wenn gleichzeitig ein Vitamin-D-Mangel bestünde.

Die Balance zwischen pro- und antientzündlichen Prozessen verschiebt sich zugunsten der pro entzündlichen. "Die Folge sind gravierende Veränderungen in den Lungenbläschen, die zum Akuten Atemnotsyndrom führen."

Vorausschauen

Bei jedem Verdacht auf eine Infektion mit dem Coronavirus soll daher unbedingt der Vitamin-D-Status geprüft und ein Defizit behoben werden, empfiehlt Biesalski, besonders für Menschen mit einer der Grunderkrankungen oder für Ältere sei dies empfehlenswert. Bei Menschen in Seniorenheimen sind die Vitamin-D-Spiegel oft "verheerend niedrig". In Zeiten des Homeoffice halten sich viele Leute zudem längere Zeit in Räumen auf, was auch zu einen Vitamin-D-Mangel beiträgt.

Um Missverständnisse zu vermeiden, betont Biesalski jedoch: "Vitamin D ist kein Medikament, mit dem man Covid-19-Erkrankungen heilen kann. Doch man kann damit positiv auf den Krankheitsverlauf einwirken, indem es dem Organismus ermöglicht, die Balance zwischen den pro- und antientzündlichen Prozessen wiederherzustellen."

Fazit: Was also können Menschen, die an Diabetes und/oder Bluthochdruck erkrankt sind, tun, solange die Corona-Pandemie weitergeht? Einerseits sollten sie streng den Hygieneregeln folgen, also Mund-Nasen-Schutz verwenden, Hände waschen und Abstand halten, andererseits aber auch unbedingt ins Freie gehen, denn sich bewegen und somit Sonne tanken an der frischen Luft, trägt zur Stärkung des Organismus bei, mitunter führt es auch dazu, dass einige Kilos schmelzen.

Letzter Tipp: Auch Fisch enthält das wichtige Vitamin D. Der Lebensstil spielt für Menschen mit Diabetes eine wichtige Rolle, die meisten unterschätzen sie. (Peter P. Hopfinger, 17.9.2020)