Wie Heidegger es sieht: Über die Angst sind wir in Kontakt mit der Welt. Leben ist ein Hochseilakt ohne Netz, meistens sind wir uns dessen nur nicht bewusst.

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Zu den vielen Folgen der Corona-Krise, die derzeit zu beobachten sind, zählt auch eine Zunahme von Albträumen. In Italien wurde Mitte des Jahres erhoben, dass vier von zehn Menschen in den letzten Monaten schlecht geträumt haben. Davor hatten nur ein Zehntel der Befragten Erfahrungen mit diesen Heimsuchungen im Schlaf gehabt.

Auch wenn die entsprechende Studie nicht den höchsten wissenschaftlichen Standards genügte, kann man sie doch ernst nehmen: Denn die Albträume erzählen von einer Angst, die im wachen Alltag nicht richtig zur Kenntnis genommen wird.

Vergleichbare Situation

Italien war von der Pandemie im Frühling wesentlich stärker betroffen als Österreich, wo man ein bisschen mehr Zeit hatte, auf das Infektionsgeschehen zu reagieren. Aber die Situation ist durchaus vergleichbar: Ein neues Virus ist in der Welt, und als Individuum steht man vor der Herausforderung, sich darauf einzustellen. Corona verändert das Angst-Management der Menschen, das auch schon davor eine komplexe Angelegenheit gewesen war.

So liest man heute den Titel eines neuen Sachbuchs ein wenig anders: Furchtlos in sieben Tagen, das verspricht Bertram Eisenhauer unter dem Titel "Wie wir die Angst vor der Angst verlieren". Ein angstfreies Leben ist zweifellos erstrebenswert, allerdings bedarf es in einer Risikogesellschaft auch einer gewissen Blauäugigkeit, einfach so unbeschwert in den Tag hineinzuleben. Der Soziologe Ulrich Beck hat diesen Begriff erfunden, in diesen Tagen bekommt er neues Gewicht.

Gregor Eisenhauer, "Wie wir die Angst vor der Angst verlieren". 20,60 Euro / 300 Seiten. Dumont-Verlag 2019
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Die moderne Gesellschaft produziert Wohlstand und Sicherheit, birgt aber auch eine Reihe von Risiken. Sie erfand den Achtstundentag und den Kollektivvertrag, aber auch die Arbeitslosigkeit und die Klimakrise, und damit auch die Angst vor diesen Katastrophen.

Viele Sorgen

Wenn nun in vielen Bereichen des Lebens unklar ist, wie gravierend die wirtschaftlichen Folgen der aktuellen Zeit sein werden, dann kann man sich durchaus Sorgen machen um die eigene Position in der Firma, um das Verhältnis zu Vorgesetzten, die man vielleicht schon lange nicht mehr persönlich gesehen hat. Das beginnt vielleicht als eine leichte Beunruhigung und kann allerdings mitunter auch bis zur Berufsunfähigkeit führen.

Angst ist eine gesunde, natürliche Reaktion, liest man oft, aber viele Menschen wissen leider: Angst lähmt. Ein intelligenter Ratgeber, wie der von Bertram Eisenhauer einer ist, kann der Angst eigentlich nur etwas Paradoxes entgegensetzen, nämlich ihr Gegenteil: gegen Angst gewappnet zu sein. Wie das geht? Immer noch am besten durch Mut.

Einer der Kronzeugen von Eisenhauer ist der Schriftsteller Franz Kafka, der ein Experte für jene Formen von Angst ist, die vor allem mit undurchsichtigen Situationen zu tun haben. Eine konkrete Angst kann man sich vornehmen wie eine Aufgabe, man kann sich ihr stellen.

Rationale Sicht

Gegen die weitverbreitete Flugangst zum Beispiel gibt es Seminare. Manchen hilft auch die Wahrscheinlichkeitsrechnung. Neuerdings ist es allerdings sowieso angeraten, nach Möglichkeit gar nicht mehr zu fliegen. Was aber, wenn man einfach ein vages, aber hartnäckiges Unbehagen verspürt, dass mit der Welt etwas nicht (mehr) stimmt?

Die Pandemie wurde in Österreich ganz gut eingehegt, aber gerade jetzt, wo der Begriff der "zweiten Welle" wie ein Menetekel alles begleitet, was noch vor einem halben Jahr ganz normal war, könnte einen dieser Verdacht beschleichen, dass unser Leben vielleicht nie wieder so unbefangen "normal" wird, wie es die täglichen Routinen nach wie vor vorgaukeln.

"Man kann an allem arbeiten, auch an der Angst." Anette Pehnt
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Dass man sich heute im öffentlichen Leben nur noch mit Masken begegnet, könnte einen Argwohn verstärken, dass die Aufrichtigkeit allgemein verlorengeht. Das Urvertrauen, von dem die Psychologie stets spricht, haben wir alle in einem sehr unterschiedlichen Maß mitgekriegt, manche viel zu wenig davon, bei anderen kann es sein, dass es sich im Laufe des Lebens auch abgenutzt hat.

Der freie Blick von Angesicht zu Angesicht ist eine der Grundbedingungen unseres Zusammenlebens. Wenn es nun gute und vernünftige Gründe gibt, Mund und Nase zu bedecken, ist es doch nicht zu übersehen, dass damit auch die Angstbereitschaft genährt wird. Masken schützen, aber sie legen auch eine dünne, textile Schicht zwischen uns und das Lebenselement, das uns umgibt: die Luft.

Masken erinnern uns daran, dass Covid-19 in den schlimmsten Fällen zu einem schrecklichen Tod führt, dass die Opfer keine Luft mehr bekommen. Masken wirken auch ins Unbewusste, denn wir wissen alle, dass sich traditionell hinter einer Maske etwas verbirgt, und nur im erotischen Spiel etwas Begehrenswertes, meist aber etwas Böses, Hässliches, Gefährliches.

Martin Heidegger, "Sein und Zeit". 29,95 Euro / 445 Seiten. Max-Niemeyer-Verlag, Tübingen 2006
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All das ist dann, wenn man sich für das Anstellen beim Bäcker einen Schutz vors Gesicht schiebt, nur in den hintersten Schichten unseres Bewusstseins präsent. Aber es kann einem jederzeit einfallen, und somit macht gerade der Mund-Nasen-Schutz, dieses alltägliche Utensil, besonders deutlich, in welcher Situation wir gerade leben: in einer Extremsituation, die als solche leicht zu übersehen ist. Für Menschen, die zu Ängsten neigen, kann das hingegen unübersehbar werden.

Unheimlich sein

Für die Philosophie zeigt der kaum merkliche Ausnahmezustand wiederum gerade in Hinsicht auf die Angst ein Doppelgesicht. Es war allem der umstrittene Martin Heidegger, der in seinem Hauptwerk Sein und Zeit eine "Daseinsanalyse" der Angst vorgelegt hat. Für ihn handelt es sich dabei nicht um ein psychologisches Phänomen, sondern um eine Grundbedingung des menschlichen In-der-Welt-Seins.

Angst ist gleichsam der Modus, in dem wir mit der Welt in Kontakt sind – eine Welt, die sich uns als eine Vielfalt von Details und Kleinigkeiten zeigt, die ihren inneren Zusammenhang aber verbirgt. Üblicherweise machen wir uns über diese Diskrepanz keine Gedanken, wir haben genug damit zu tun, durch die Tage zu kommen, und haben selten ein Bewusstsein dafür, dass das menschliche Leben auch in einem geborgenen Alltag so etwas wie ein Hochseilakt ist, im Zweifelsfall sogar ohne Netz. Für Heidegger ist die Angst ein Existenzial, das einem das Leben "un-heimlich" macht.

Das Coronavirus hat, als biologischer Störfall, genau diesen Effekt: Es zerstört die alltägliche Vertrautheit. Deswegen ist es auch nicht überraschend, dass sich zunehmend mehr Menschen einfach darüber hinwegzusetzen versuchen: Sie demonstrieren für eine Freiheit, hinter der häufig sehr deutlich eine große Angst zu erkennen ist. Eine Angst, dass die Welt nicht so sein könnte, wie man sie sich zurechtlegt. Eine Angst, dass die Verschwörungstheorie, die alles erklären soll, vielleicht doch ein großer Humbug ist.

Anette Pehnt, "Lexikon der Angst". 9,90 Euro / 176 Seiten. Piper-Taschenbuch 2014
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An der Angst arbeiten

"Man kann an allem arbeiten, auch an der Angst", schreibt die Schriftstellerin Annette Pehnt in ihrem Lexikon der Angst, einer Sammlung kleiner Erzählungen über die unterschiedlichsten Formen des Angsthabens. Da gibt es zum Beispiel einen Mann, der in kein Auto einsteigen kann, ohne sich sofort die schlimmsten Verkehrsunfälle auszumalen.

Seine Angst ist auf eine gewissen Weise rational, denn der Individualverkehr ist zwar sicherer geworden, führt aber immer noch zu zahlreichen schweren und tödlichen Unfällen. Man kann an dieser Angst arbeiten, durch Mitfahren, Selbstfahren, durch ein Cabrio-Gefühl oder ein trügerisch massives SUV.

Woran man aber nicht arbeiten kann: an dem Umstand, dass das Leben einem geläufigen Wort nach nun einmal lebensgefährlich ist. Im Moment könnte man sogar von einer gewissen Übergefährlichkeit sprechen. An mancher Angst kann man zwar arbeiten, aber man wird sie nicht los. Man muss mit ihr leben. Bis in die Träume hinein. (Bert Rebhandl, CURE, 10.1.2021)