Es ist kein guter Tag, die gefährliche Überfahrt zu wagen. Regen peitscht über den Strand, und der Wind treibt über dem Meer die tief hängenden Wolken in Böen vor sich her. Bei klarem Wetter kann man die weißen Klippen von Dover auf der anderen Seite des Ärmelkanals erahnen – doch nun verliert sich alles in einem dunkeln Grau. Viele Kilometer zieht sich der schmale Strandstreifen von Calais in Richtung Boulogne-sur-Mer, Touristen verirren sich keine in die Gegend, dafür patrouillieren auffallend viele Polizeifahrzeuge in regelmäßigen Abständen auf der französischen Küstenstraße.

"Die Menschen nehmen auch Todesgefahr auf sich", sagt die Helferin Claire Millot.
Foto: REUTERS/Pascal Rossignol

"Über 1000 Migranten hausen in den Dünen rund um Calais", schätzt François Guennoc, Vizepräsident der Hilfsorganisation "Auberge des migrants". Vor allem in Coquelles, etwas westlich der französischen Hafenstadt, legen immer wieder überfüllte Schlauchboote in Richtung der rund 33 Kilometer entfernten südenglischen Küste ab.

Zu sehen sind die Migranten nicht. Die Menschen, von denen sehr viele aus dem Iran stammen, leben versteckt in kleinen Zelten oder notdürftig zusammengezimmerten Behausungen aus Treibholz und Plastikplanen. Selbst Guennoc, der seit vielen Jahren die Situation vor Ort beobachtet, ist überrascht, wie viele Migranten in diesem Sommer die Überfahrt wagen. Die Zahl steige kontinuierlich. Wurden 2019 offiziell noch 586 Versuche gezählt, sind es in diesem Jahr bereits weit über 2.000.

Viele gescheiterte Versuche

Die zuständige Polizeibehörde in Calais macht dieselbe Beobachtung, allerdings aus einem anderen Blickwinkel. "Von Jänner bis Juli 2020 wurden im Vergleich zum Vorjahr fünfmal mehr Überfahrten verhindert", heißt es in einer Mitteilung. Zudem seien viermal mehr Boote und Ausrüstung schon vor dem Ablegen in den Dünen entdeckt worden. François Guennoc macht mehrere Faktoren für die Zunahme verantwortlich. Zum einen erreichten viele der Migranten, die bis zu 3.000 Euro an die Schlepper bezahlen müssen, das britische Ufer des Ärmelkanals. In weit über der Hälfte der Fälle sei die Überfahrt erfolgreich, das ermutige andere. Grund sei aber auch der drohende Brexit. "Die Schleuser sagen den Leuten, dass sie sich beeilen müssen, bevor die Grenzen ganz dichtgemacht werden", erklärt Guennoc. Auch wenn das nicht stimme, erhöhe es natürlich den Druck auf die verzweifelten Menschen. Zudem agieren die gut organisierten Schlepperbanden inzwischen wesentlich professioneller. Die Schlauchboote werden im Internet gekauft und sogar aus den Nachbarländern nach Calais transportiert.

Allerdings wurden auch die französischen Sicherheitskräfte in letzter Zeit um einiges besser ausgestattet, sagt Philippe Sabatier von der Staatsanwaltschaft in Boulogne-sur-Mer.

Leichnam gefunden

Dennoch werde es immer schwieriger, den Organisationen das Handwerk zu legen. Das hänge auch damit zusammen, dass die Schleuser vor Ort immer häufiger die Migranten in völlig überfüllten, schlecht motorisierten Schlauchbooten aufs Meer schickten. Am Mittwoch wurde im Nahen Sangatte der Leichnam eines 16-Jährigen aus dem Sudan gefunden, der im Ärmelkanal ertrunken ist.

Calais ist seit vielen Jahren ein Sammelpunkt für Migranten aus der ganzen Welt auf ihrem Weg nach Großbritannien. Im Jahr 2016 löste die Polizei mit Gewalt ein Camp am Rand der Stadt auf. Im sogenannten "Dschungel von Calais" hausten mehrere Tausend Menschen unter unwürdigen Bedingungen. Gleichzeitig wurde der Hafen, wo die Fährschiffe nach Dover ablegen, für viele Millionen Euro mit Zäunen und Stacheldraht abgeschirmt und zu einer Art Festung ausgebaut.

Die französische Polizei will einen neuen "Dschungel von Calais" um jeden Preis verhindern. Dabei geht sie mitunter übertrieben hart vor.
Foto: REUTERS/Pascal Rossignol

Gleichzeitig versuchen die Behörden, das Entstehen von neuen Elendslagern zu verhindern. Immer wieder durchkämmen Einheiten die Strandabschnitte rund um Calais, zerstören provisorische Hütten, nehmen Migranten fest. Viele Gelände sind inzwischen mit hohen Stacheldrahtzäunen und Kameras gesichert. Den Beamten wird von den Hilfsorganisationen vorgeworfen, bei ihren regelmäßigen Razzien mit übergroßer Härte vorzugehen.

Ein Fünkchen Hoffnung

Claire Millot glaubt nicht, dass sich die Situation irgendwann ändern wird. Solange die Menschen aus politischen oder wirtschaftlichen Gründen ihre Heimat verlassen müssten und sie ein Fünkchen Hoffnung auf ein besseres Leben hätten, würden sie auch Todesgefahren auf sich nehmen, sagt die Chefin der Hilfsorganisation Salam. (Knut Krohn aus Paris, 19.8.2020)