Ein Bild aus dem Jahr 2019 (oben): Anlässlich des Songkran-Festes im April tummelten sich tausende Einheimische und Touristen auf der Khao San Road, einem beliebten Hotspot in Bangkok. Ein Jahr später liegt die Straße verlassen da.

Foto: EPA/NARONG SANGNAK

Corona hat dem thailändischen Tourismus einen schweren Dämpfer versetzt.

Foto: EPA/NARONG SANGNAK

Thailand versucht nun ein neues Rezept zu finden: Man will weniger Massentourismus und weg vom Image des Billigurlaubslands.

Foto: AFP/LILLIAN SUWANRUMPHA

Einige Einheimischen ist das Ausbleiben ausländischer Touristen nicht ganz unrecht. Sie entdecken die Stadt neu.

Foto: AFP/LILLIAN SUWANRUMPHA

Bangkok – Eines der beliebtesten Touristenziele in Bangkok, die Khao San Road, ist an Wochenenden in der Regel voller Menschen. Die billigen Bierbars, Tattoo-Studios, Straßenverkäufer, Hostels und das pulsierende Nachtleben ziehen preisbewusste Reisende und Reisegruppen gleichermaßen an.

An einem der Samstagabende dieses Sommers ist die Straße jedoch verlassen, bis auf ein paar Dutzend Einheimische, die an vernagelten Läden vorbeigehen und das Restaurantpersonal ignorieren, das Essens- und Getränkeangebote ausruft, wie ein Bericht der Thomson Reuters Foundation schildert.

Die Masse bleibt aus

Die Khao San Road zeigt deutlich die Auswirkungen der Coronavirus-Pandemie auf Bangkok, die meistbesuchte Stadt der Welt in vier aufeinander folgenden Jahren, bevor internationale Reisen verboten wurden. "Ich habe so etwas noch nie gesehen. Normalerweise haben wir nicht einmal eine Minute Zeit, um einfach nur rumzustehen", sagt eine Kellnerin, die den Namen Pookie trägt. "Viele Geschäfte haben hier geschlossen, und wenn die ausländischen Touristen nicht bald zurückkommen, müssen auch wir schließen. An den Wochenenden kommen einige Einheimische, aber das reicht nicht aus, um das Geschäft am Laufen zu halten", sagt sie und deutet auf die leeren Tische.

Nach einem Rekord von 39,8 Millionen ausländischen Besuchern im vergangenen Jahr, deren Ausgaben 11,4 Prozent des Bruttoinlandsprodukts ausmachten, hätte Thailand in diesem Jahr mehr als 40 Millionen Touristen willkommen geheißen. Doch heuer werden es wohl nur acht Millionen Besucher sein, wie die thailändische Zentralbank vorrechnet.

Die Auswirkungen der Pandemie sind in Bangkok besonders deutlich zu spüren. Die meisten Touristen verbringen nur ein oder zwei Nächte in der Stadt, bevor sie zu den Sandstränden oder buddhistischen Tempeln in den Hügeln weiterfahren. Das wirft die Frage auf, ob man sich langsam vom Massentourismus verabschieden sollte.

Es ist eine Frage, mit der sich viele Städte auseinandersetzen, da die Zukunft des Städtetourismus kurz- bis mittelfristig "zutiefst ungewiss" ist, sagt Tony Matthews, Dozent für Stadt- und Umweltplanung an der australischen Griffith University. "Städte, die stark vom Tourismus abhängig sind, stehen vor einer außergewöhnlichen Krise. Warten sie ab, bis der Massentourismus wieder rentabel ist, oder entwickeln sie neue Modelle?" Keine leichte Aufgabe, wenn es an Alternativen mangelt.

Qualität vor Quantität

Da billige Flugreisen in den letzten Jahren einen Boom im Tourismus ausgelöst haben, haben Städte von Amsterdam bis Sydney Schwierigkeiten, die Bedürfnisse der Anwohner mit den Anforderungen der Besucher in Einklang zu bringen, die die Hotellerie ankurbeln, aber auch Schäden verursachen können.

Laut McKinsey Consulting kann eine Überbelegung die Anwohner frustrieren, die Mieten erhöhen und Druck auf die Infrastruktur einschließlich der öffentlichen Verkehrsmittel und der Abfallwirtschaft ausüben sowie die Ökologie sowie das Kulturerbe schädigen.

Aufgrund der durch das Coronavirus verursachten Einschränkungen ändern einige Städte ihre auf den Tourismus ausgerichtete Strategie. Barcelona etwa wolle "Qualität vor Quantität" setzen, für lokales Essen werben und wohlhabendere Touristen anlocken.
Amsterdam wiederum will ein sogenanntes "Donut"-Modell entwickeln, das soziale und ökologische Ziele für ein besseres Leben priorisiert, einschließlich angemessener Wohnverhältnisse, Gesundheitsversorgung sowie Klimaschutz und Biodiversität.

"Angesichts des geringeren zukünftigen Einkommens von Touristen ist es für Amsterdam sinnvoll, zu versuchen, seine wirtschaftlichen Grundlagen auf andere Weise zu verbessern", meint dazu Matthews. "Aber Städte bauen im Laufe der Zeit Tourismusprofile und damit verbundene Volkswirtschaften auf. Sie hängen von diesen ab und werden ihren Ansatz nur ändern, wenn sie dies müssen."

Mehr ist nicht immer von Vorteil

Thailand hat in den letzten Jahren einige seiner beliebtesten Strände geschlossen, damit sich fragile Korallenriffe von der durch den Tourismus verursachten Verschmutzung erholen können, und Anbieter von der Khao San Road und anderen Gebieten entfernt, um mehr Touristen anzusprechen. Es wurden auch Anstrengungen unternommen, um Thailands schlechten Ruf zu verbessern, weg von den Go-go-Bars und Seifenmassagesalons, für die Bangkok und einige Strandstädte berüchtigt sind.

Jetzt hätten man die Möglichkeit, auf ein nachhaltigeres Modell umzusteigen, meint auch David Robinson, ein Tourismusexperte, dem der Massentourismus seit langem ein Dorn im Auge ist: "Der Wettlauf, um an die Spitze der meistbesuchten Länder der Welt zu kommen, hat Thailand geschadet", sagt Robinson, Direktor von Bangkok River Partners, einem Netzwerk von Unternehmen, das sich der Förderung von Kultur und Erbe verschrieben hat.
"Mehr ist einfach mehr, nicht besser und sicherlich nicht finanziell vorteilhafter für das Land. Es ist nicht nachhaltig."

Neues Szenario

Thailand hat sich bei der Eindämmung des Coronavirus gut geschlagen. Rund 3.300 Fälle und weniger als 60 Todesfälle wurden registriert. Die Pläne für einen "Reiseblasen"-Vertrag mit ausgewählten Ländern, das eine Bewegung ohne die Notwendigkeit einer Quarantäne für Reisende ermöglicht hätte, wurden jedoch angesichts neuer Ausbrüche in Ostasien zurückgestellt.

Thailand hat angekündigt, eine begrenzte Anzahl von Geschäftsreisenden und Medizintouristen in das Land zu lassen und gleichzeitig den Inlandstourismus mit Konjunkturmaßnahmen im Wert von mehr als 700 Millionen US-Dollar (590 Mio. Euro) zu fördern, um die Kosten für Hotels und Flüge zu decken.

Der Inlandstourismus machte bisher etwa 30 Prozent des Gesamtmarktes aus und hatte zuvor nicht viel Aufmerksamkeit erhalten, sagt Tanes Petsuwan, stellvertretender Gouverneur für Marketing bei der Tourism Authority of Thailand (TAT). "Das ist die schlimmste Krise, die jemals in der Tourismusbranche aufgetreten ist. Tsunami, Sars, Mers, Vogelgrippe, politische Umwälzungen – nichts davon war so schlimm wie Covid. Es hat alles verändert", sagt er. "Der Tourismus wird nicht mehr derselbe sein: Die Buslinie außerhalb des Grand Palace oder des Chatuchak-Marktes brachte davor große Reisegruppen zu wichtigen Sehenswürdigkeiten – das werden wir so schnell nicht wieder sehen, also bereiten wir uns auf ein neues Szenario vor."

Einheimische entdecken ihre Stadt neu

Während der Markt für Tagungen und Konferenzen geschrumpft ist, besteht eine Nachfrage nach Ökotourismus sowie Wellness- und medizinischen Ferien, sagt Michael Marshall, kaufmännischer Leiter der Minor Hotels Group, die mehr als 500 Hotels betreibt. "Luxusreisen sind eine Chance, aber der Inlandsmarkt wird uns nur bis zu einem gewissen Grad am Laufen halten", sagte er.

Die Behörden können die Sexindustrie auch nicht einfach ohne eine Strategie und einen Übergangsplan zur Entwicklung des Kulturtourismus "abstellen", sagt Robinson. "Es macht allerdings Mut zu sehen, wie viele Menschen während der Pandemie ihre Stadt wieder kennenlernen", sagt er.

Rose Duangkamol und ihre Freundin, die in der Khao San Road gebratene Nudeln essen, tun genau das. "Früher kamen wir vielleicht einmal im Monat hierher, aber jetzt kommen wir öfter", sagen sie. "Es ist schön, wenn es nicht so voll ist." (Reuters, 21.8.2020)