Manche italienische Dörfer, wie hier in der Region Molise, haben sich etwas einfallen lassen, um den Tourismus anzukurbeln: Sie bieten Ferienhäuser sehr günstig oder gar gratis an. Der Erfolg hat sie selbst überwältigt.

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Mailand – Schnäppchenjäger und frustrierte Weltenbummler haben ein italienisches Dorf mit der Bitte um einen Aufenthalt überschwemmt, nachdem es kostenlose Unterkünfte angeboten hatte, um Touristen in die verlassenen Weiler auf den Hügeln zu locken.

San Giovanni in Galdo

Von den USA bis nach China haben sich mehr als 8.000 Menschen für einen Aufenthalt im mittelalterlich geprägten süditalienischen Dorf San Giovanni in Galdo beworben, seit eine im Juni gestartete Werbekampagne für Besucher viral ging. "Wir haben keine solche Reaktion erwartet", sagt Stefano Trotta, Leiter des örtlichen Kulturverbandes und Kopf hinter der Kampagne. Trotta sagt, dass man nur zwölf Gäste pro Woche aufnehmen könne, so dass man einige potenzielle Besucher in die umliegenden Dörfer umgeleitet habe. "Wir hatten ungefähr 70 Anfragen aus Kasachstan, einige aus abgelegenen russischen Städten ... wirklich aus der ganzen Welt."

Abwanderung als Problem

Wie viele italienische Dörfer hat auch San Giovanni in Galdo mit einer schnell schrumpfenden Bevölkerung zu kämpfen, die in wenigen Jahrzehnten von einigen Tausend auf etwa 500 zurückgegangen ist, weil viele Einheimische von hier wegzogen, um anderswo ihr Glück zu versuchen, sagt Trotta. Die Initiative für Gratis-Ferienunterkünfte hat das Dorf nun fest auf den Reisekarten der Welt verankert.

Die Einheimischen scherzten immer, dass die Region Molise so wenig bekannt sei, dass sie gar nicht existiere. Trotta sagt, dass dies nun nicht mehr der Fall sei und die ganze Aufmerksamkeit noch das Dorf wiederbeleben könnte. Junge Menschen könnten sich dafür entscheiden, dort zu bleiben, wenn der Tourismus boomt, alte Bewohner zurückkehren und Besucher sich auch dauerhaft niederlassen.

Initiative macht Schule

Schon sind Gespräche im Gange, die Initiative auf andere Weiler auszudehnen. "Die Idee ist, Menschen hierher zu bringen", sagt Trotta und merkt an, dass einige der Touristen bereits Häuser im Dorf gekauft hätten.

Auch andere Dörfer kämpfen mit der gleichen Bevölkerungsabwanderung. San Mauro La Bruca etwa, ein Dorf mit weniger als 600 Einwohnern und Blick auf das Meer in der benachbarten Region Kampanien, hat Touristen im Rahmen einer Initiative Zimmer für zwei Euro pro Nacht angeboten, um "die anhaltende Entvölkerung zu bekämpfen".

San Mauro La Bruca

Eine 20-minütige Fahrt von San Giovanni in Galdo entfernt bietet auch das Dorf Petrella Tifernina Anreize, wenn Hausbesitzer Touristen kostenlos aufnehmen. Mit Erfolg: Laut Bürgermeister Alessandro Amoroso gab es in nur wenigen Wochen etwa 1.000 Anfragen von potenziellen Besuchern. "Ziel ist es, Petrella wiederzubeleben und andere nahegelegene Dörfer anzuregen", sagt Amoroso gegenüber der Thomson Reuters Foundation und fügte hinzu, dass die Coronavirus-Pandemie die Nachfrage nach Ferien in abgelegenen Dörfern gefördert habe. "Gerade Italiener wollen nicht zu weit wegreisen, daher wählen nun viele von ihnen oft übersehene Ziele im eigenen Land", sagt er.

Petrella Tifernina

Der italienische Tourismussektor ist schwer von der Pandemie betroffen. Laut Tourismusverband dürften die Besucherzahlen im Jahr 2020 gegenüber dem Vorjahr um 44 Prozent sinken – die Großstädte leiden am meisten darunter. (Reuters, red, 23.8.2020)