Auch der Bundeskanzler und der Gesundheitsminister sind nicht frei von Anzeichen der Erschöpfung.

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Am Samstag ist, wie in diesem Medium zu lesen war, Welterschöpfungstag. Und Österreich ist bekanntlich die kleine Welt, in der die große ihre Probe hält. Man fragt sich daher: Erst jetzt? Gewisse Erschöpfungstendenzen über das Klimatische hinaus ins Intellektuell-Moralische sind schon länger zu bemerken, zuletzt an einem Bundeskanzler, der sich von seinen Einflüsterern mit Weisheiten wie "Das Virus kommt mit dem Auto" an die Öffentlichkeit schicken lässt. Der Zweck, Erschöpfte damit aufzurütteln, sollte dabei nicht mit den Worten "Virus" oder "Auto" erreicht werden, nein, auf das "kommt" kommt es an. Es sollte die Heilkraft eines Patriotismus beschwören, nach dem das Übel nur aus dem Ausland kommend das heimisch-türkise Wässerchen trüben kann. Experten mögen wissensbasiert noch so oft darauf hinweisen, das Übel residiere längst auch hierzulande wieder weiter verbreitet – einen Versuch, Landsleute nebenbei unter der Fuchtel des heimischen Tourismus zu halten, auch wenn die mit dem Auto kommen, ist es allemal wert.

Deutliche Anzeichen von Erschöpfung sind auch der Erkenntnis des Außenministers abzulesen, mit der er dem Bundeskanzler helfend beispringen wollte: "Das Virus ist nicht auf Urlaub." Gemeinerweise auch nicht in Österreich, woraus sich die patriotische Notwendigkeit von Reisewarnungen für das Ausland ergibt. Ausländer hingegen, die mit dem Auto nach Österreich kommen, um hier ihren Urlaub zu verbringen, haben keine Einreisewarnung des Innenministers zu befürchten.

Auch der Gesundheitsminister ist nicht frei von Anzeichen der Erschöpfung, vom Bildungsminister ganz zu schweigen. Was sie verbindet, ist das geistige Ringen um die Funktionsweise der Corona-Ampel und ihre rechtzeitige Einführung vor Schulbeginn. Auf den Welterschöpfungstag folgt bald der erste Schultag, und man kann nur hoffen, dass auf ihn bei Lehrern, Schülern und Eltern nicht bald der Schulerschöpfungstag folgt. Glaubt man dem Bildungsminister, ist die Ampel in ihrer vierfarbigen Auslegung eigentlich überflüssig, denn er hat für die Schulen einen normalen Regelbetrieb versprochen, womit man allein mit der Farbe Grün das Auslangen finden, sich das ganze Geampel also ersparen könnte: Normalbetrieb mit Hygienevorkehrungen. Letztere könnte man bei Türkis auch weglassen, aber diese Farbe ist – unverständlich – an der Ampel nicht vorgesehen.

Ohne auf die Einschaltung der Ampel zu warten und dennoch ihre Erschöpfung zu bekämpfen, haben sich der Bundespräsident und der Bundeskanzler einem Gurgeltest unterzogen, und zwar beim Heurigen. Vermutlich sind sie mit dem Auto gekommen, und hoffentlich mit Chauffeur. Das Foto von dem Ereignis wurde vom Bundeskanzleramt geliefert, denn wenn irgendwo Erschöpfung verboten ist, dann bei der Message-Control.

Nur im identitären Eck ist keine Spur von Erschöpfung zu erkennen. Es wird munter gestritten. Seit Strache sich von Weib und Kind nach Wien abgesetzt hat, keimt unter FPÖ-Funktionären die Erkenntnis, Dominik Nepp könnte ihm als Spitzenkandidaten nicht das Bier reichen. Dem fehlt einfach, wie man in ganz Wien weiß, dieses gewisse Ibiza-Flair. (Günter Traxler, 20.8.2020)