Die Rede Joe Bidens wurde virtuell übertragen, das Feuerwerk fand tatsächlich statt.

Foto: AP / Carolyn Kaster

Auch der Sohn des Kandidaten, Hunter Biden, zeigte sich via Video auf dem Parteitag. Seine Funktion im Verwaltungsrat eines ukrainischen Gasproduzenten führte im Vorwahlkampf zu heftigen Kontroversen.

Foto: Democratic National Convention/Pool via REUTERS

Joe Biden hat nur kurz Anlauf genommen, dann ist er bei seinem Thema. Dem Thema, das von Anfang an seine Bewerbung fürs Weiße Haus bestimmte. Beim Kampf um die Seele Amerikas. Jede Wahl sei wichtig, sagt er, "aber wir wissen tief in unserem Inneren, dass diese Wahl besonders wichtig sein wird".

Das Land sei an einem Wendepunkt angelangt, in einer Zeit echter Gefahren und zugleich außergewöhnlicher Möglichkeiten. Man könne sich dafür entscheiden, immer zorniger zu werden, weniger zuversichtlich und mit einer noch stärker gespaltenen Nation. Oder aber man nutze die Chance der Krise zur Heilung, zur Wiedergeburt, zur Einigung. "Dies", betont Biden, "ist eine lebensverändernde Wahl, die für sehr lange Zeit über Amerikas Zukunft entscheidet." Es gehe um Charakter, Mitgefühl, Würde, Wissenschaft und Demokratie. Es gehe "darum, was für eine Nation wir sind, wofür wir stehen und, was am allerwichtigsten ist, wer wir sein wollen".

The Hill

Vermittelnder Ton

Als der Kandidat noch bis Anfang März im Wahlkampfbus durchs Land fuhr, war auf dem Bus der Slogan "Battle for the Soul of the Nation" zu lesen. Trotz seines Alters, erklärte Biden immer wieder, habe er seinen Hut in den Ring geworfen, ihn in den Ring werfen müssen, nachdem Donald Trump weiße Überlegenheitsfanatiker auf eine Stufe mit Gegendemonstranten stellte, die den Neonazis in der Stadt Charlottesville die Stirn boten.

Ein 77-jähriger Veteran im Einsatz für die moralische Rettung der Republik: Dieses Motiv wiederholt er am Donnerstagabend in vielen Varianten, nachdem er die Nominierung zum Präsidentschaftskandidaten seiner Partei angenommen hat. Was von der Rede, gehalten vor nicht weniger als 16 Sternenbannern in einer menschenleeren Kongresshalle, im Gedächtnis bleiben dürfte, ist weniger der eine oder andere Satz. Eher ist es der hochemotionale, Dringlichkeit vermittelnde Ton, in dem Biden sie von Anfang bis Ende vorträgt.

Trump werde sich auch in den nächsten vier Jahren nicht ändern, warnt er vor der Wiederwahl des Amtsinhabers. Dies sei ein Präsident, "der keine Verantwortung übernimmt, der sich weigert, zu führen, der anderen die Schuld gibt, sich bei Diktatoren einschmeichelt und die Flammen des Hasses und der Teilung anfacht". In patriotischem Duktus wirbt Biden um die Stimmen desillusionierter Republikaner, von denen er hofft, dass sie womöglich die Seiten wechseln. Er stehe hier zwar als Kandidat der Demokraten, regieren würde er jedoch als "ein amerikanischer Präsident".

Landesweite Maskenpflicht

Die Corona-Tragödie, unter der das Land so leide, wäre nicht so schlimm, hätte Trump auf den Rat der Wissenschafter gehört, analysiert Biden die Lage und zieht Vergleiche zu anderen, die besser dastünden: Kanada, Europa, Japan. "Der Präsident erzählt uns immer noch, dass das Virus verschwindet. Er wartet immer noch auf ein Wunder. Nun, ich habe Neuigkeiten für ihn: Ein Wunder wird es nicht geben."

Biden nennt zwei Eckpunkte seiner Krisenstrategie: Falls er dereinst im Weißen Haus regiere, werde man die Menschen schnell und flächendeckend auf das Virus testen und obendrein eine landesweite Maskenpflicht einführen, "nicht als Bürde, sondern um uns gegenseitig zu schützen". Er wolle aber, fügt er hinzu, an diesem Sommerabend auch zu denen sprechen, die infolge der Pandemie um verstorbene Angehörige trauerten. "Ich weiß, wie es sich anfühlt, jemanden zu verlieren, den Sie lieben. Ich kenne dieses große schwarze Loch, das sich in Ihrer Brust auftut." Er wisse aber auch, dass der beste Weg durch Schmerz und Kummer darin bestehe, einen Lebenssinn zu finden. Biden, der Leidgeprüfte mit einer Biografie voller Schicksalsschläge. Biden, der Optimist.

Konjunkturprogramm angekündigt

Was der ehemalige Vizepräsident Barack Obamas außerdem in groben Umrissen skizziert, ist ein milliardenschweres Konjunkturprogramm, das die Wirtschaft wieder ankurbeln soll – ähnlich wie 2009, nach der Finanzkrise, als er im Auftrag Obamas ein vergleichbares Paket durch den Kongress boxte. Biden spricht vom Straßenbau, von leistungsfähigeren Breitbandverbindungen, modernisierten Flughäfen. Er stellt fünf Millionen neue Arbeitsplätze in Industrie und Hightech in Aussicht, "damit die Zukunft in Amerika hergestellt wird". Ohne in die Einzelheiten zu gehen, deutet er die Rücknahme Trump'scher Steuersenkungen an.

Die Außenpolitik, die amerikanische Wähler, von Ausnahmesituationen abgesehen, meist nur am Rande interessiert, streift er nur kurz. Nur allgemein, in Form eines Glaubensbekenntnisses. Ein Präsident Biden, betont er, stehe fest zu den Verbündeten und Freunden der USA, während er deren Gegnern klarmache, "dass die Zeiten des Schmusekurses gegenüber Diktatoren vorbei sind".

Trump, der die Rede live am Bildschirm verfolgt haben dürfte, kommentiert sie mit einem angriffslustigen Tweet. In 47 Jahren, schreibt er und meint die Zeit seit dem Einzug seines Widersachers im US-Senat, habe Joe nichts von dem getan, worüber er heute spreche. "Er wird sich nie ändern, es sind nur Worte!"

Der US-Präsident über die Biden-Kampagne: "Sie werden euch die Waffen wegnehmen."

Trump in Pennsylvania

Zuvor hat US-Präsident Trump noch am selben Tag in einer symbolischen Aktion Bidens Geburtsort Scranton im Swing-State Pennsylvania besucht. "Biden ist kein Freund Pennsylvanias", sagt Trump bei der Veranstaltung. Er wirft seinem Herausforderer vor, amerikanische Jobs durch globale Handelsverträge, das Klimaabkommen und Pläne für nachhaltige Energie zerstören zu wollen. Während Bidens Rede auf dem Parteitag veröffentlicht die Kampagne des amtierenden Präsidenten eine Aussendung, in der sie den Kandidaten der Demokraten als "Marionette der radikalen Linken" bezeichnet. (Frank Herrmann aus Washington, red, 21.8.2020)