Rund um Corona grassieren zahlreiche Verschwörungstheorien. Manche sehen die Mund-Nasen-Schutzmasken als Unterdrückungssymbol.

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Verschwörungstheorien sind nicht neu, sind schon aus dem alten Rom gut dokumentiert. Sie treten auf, wo es ein komplexes gesellschaftliches System, einen unüberblickbaren Zusammenschluss von Menschen gibt. Im Anlassfall – ein die Gesellschaft erschütterndes Ereignis wie 9/11, die Finanzkrise von 2008 oder die Flüchtlingskrise von 2015 – helfen Verschwörungstheorien dabei, komplexe Zusammenhänge zu vereinfachen, das Unbegreifliche begreifbar zu machen, klare Schuldige dort zu benennen, wo die Wahrheit in einer Grauzone liegt. Die oft vielfältigen Ursachen eines Ereignisses werden auf eine simplifizierende Antwort reduziert, das Sündenbock-Phänomen ist überhaupt so alt wie die Menschheit selbst. Es gibt aber Anzeichen, dass Verschwörungstheorien heute auf besonderem Nährboden wuchern: Erschüttertes Vertrauen in Eliten steht oft im Zentrum. Drei Thesen.


These 1: Medienwandel – Umbrüche in der Medienlandschaft haben ihre Kehrseite

Jede bisher stattgefundene Medienrevolution brachte sowohl Vor- als auch Nachteile mit sich. Die des Internets etwa sorgte für eine nie dagewesene Verfügbarkeit und Durchflutung mit Information bis in die entlegensten Winkel der Weltgesellschaft und hilft mitunter jenen, die in diktatorischen Systemen wie in Belarus oder China gegen Unterdrückung ankämpfen. Auf der Kehrseite findet sich hingegen der vielbeklagte Befund, dass die notwendigen Filter (Was ist wirklich relevant? Was ist richtig, was ist falsch?) nicht miterfunden wurden oder erst jetzt, mit 30 Jahren Verspätung, in Form von Faktencheck-Funktionen auf Social Media langsam Einzug halten.

Gebraucht werden sie weniger für jene, die dem klassischen Informations-Türsteher, dem Journalismus, "gesunde" Skepsis entgegenbringen, weil sie aufgrund ihrer eigenen Medienkompetenz berechtigte Kritik an unvollständiger oder einseitiger Berichterstattung üben können; notwendig werden die Faktenchecks für jene, deren Medienkompetenz mit der überwältigenden Fülle an Informationen im Netz nicht immer Schritt halten kann: Das betrifft vor allem Angehörige jener Generation, die ihre Mediensozialisierung nicht mit Youtube, Blogs und Whatsapp im Klassenzimmer erlebte. Und es betrifft sozial Schwächere, die Medienkompetenz selten vermittelt bekommen.

Hinzu kommt aber noch eine wirtschaftliche Krise der klassischen Medien selbst. Verschwörungstheorien blühen gerade dort auf, wo Qualitätsjournalismus wegen der Gratiskultur im Netz finanziell an seine Grenzen stößt, wo Meinungspluralismus fehlt und wo öffentlich-recht liche Medien kaputtgespart werden.


These 2: Repräsentationskrise – Das Vertrauen in Parteien und Institutionen ist geschwunden

Die relativ stabilen westlichen Konsensdemokratien der Nachkriegszeit basierten auf der historischen Einsicht, dass es besser ist, Kompromisse zu schmieden, als politische Konflikte allzu offen auszufechten. Getragen wurden diese Systeme von den großen politischen Parteifamilien Christdemokratie und Sozialdemokratie, die großen Zuspruch in Form von Mitgliedern genossen. Die Beteiligung bei Wahlen war hoch, ebenso die Akzeptanz staatlicher Institutionen.

Nach und nach aber verspielten die großen Volksparteien Kredit: Skandale, Korruption, Entfremdung vom Wahlvolk, pluralistischer werdende Gesellschaften und enttäuschte Erwartungen führten zu einer Situation, in der sich ein erheblicher Anteil der Wahlberechtigten aus der repräsentativen Demokratie verabschiedete – also nicht mehr zur Wahl geht und tiefe Skepsis gegenüber den regierenden Repräsentanten hegt. Unter dem Begriff "Postdemokratie" des britischen Politikwissenschafters Colin Crouch etwa wird seit 2004 die Auffassung diskutiert, ob heute vor allem Lobby-Gruppen die entscheidenden politischen Akteure darstellen und Wahlen angesichts der realpolitisch kaum noch zu unterscheidenden (ehemaligen) Volksparteien zum irrelevanten Spektakel verkommen sind.

Diese nicht von der Hand zu weisende Tendenz nutzen wiederum populistische Parteien von rechts (weniger von links) für sich, indem sie sich als "Anti-System-Parteien" und "Retter der Entrechteten" stilisieren. Sie sind es auch, die – kalkulierend oder tatsächlich daran glaubend – Verschwörungstheorien in ihre Rhetorik integrieren, um das brachliegende Wählerpotenzial jener, die sich nicht vertreten fühlen, abzuschöpfen. Mit Erfolg.


These 3: Verteilungskämpfe – Soziale Ungleichheit fördert Elitenhass von rechts und links

Glaubt man Experten wie dem amerikanischen Wirtschaftsnobelpreisträger Joseph Stiglitz, dann stellt die in den letzten Jahrzehnten gestiegene soziale Ungleichheit eine der größten Gefahren für die Demokratie dar. Politiker, so konstatieren viele, würden sich des Problems zu wenig annehmen, beim Einfluss von Lobbys auf die Politik herrsche ein Ungleichgewicht zugunsten von Vermögenden und Unternehmen. Verteilungs- oder Klassenkämpfe, die gerade seit der Finanzkrise von 2013 wieder stärker in die politische Arena zurückkehrten, konnten von sozialdemokratischen und linken Parteien aber kaum in Wahlerfolge umgemünzt werden.

Stattdessen feiert eine deformierte Art des Klassenkampfs im verschwörungstheoretischen Milieu fröhliche Urständ. Von rechts wird die soziale Frage dabei häufig kulturell und ethnisch beantwortet: Sie zeigt sich als Kampf gegen liberale Eliten und deren gesellschaftspolitische Ansichten, zugleich aber auch als "Klassenkampf nach unten" gegen sozial Schwächere wie Geflüchtete und deren echte wie angebliche Unterstützer.

Der Kreis zum sich links verortenden Verschwörungstheoretiker-Milieu schließt sich, wenn die antisemitische Mär vom "jüdischen Großkapital" ins Spiel gebracht wird. Gerade unter Angehörigen der 68er-Generation mischen sich Reste antisemitischen, antiisraelischen und antiamerikanischen Gedankenguts mit dem Gefühl, durch die heutige Linke nicht mehr vertreten zu werden.

Das wiederum nutzen sogenannte Querfront-Denker und -Medien für sich. Über das Vehikel der sozialen Frage wollen sie eine möglichst breite politische Ablehnung liberaler Eliten erreichen. (Stefan Weiss, 22.8.2020)