Im dritten Anlauf war es so weit: Nach zwei erfolglosen Bewerbungen 1988 und 2008 wurde Joe Biden (77) von den US-Demokraten zum Präsidentschaftskandidaten gekürt.
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Joe Biden braucht nur drei Sätze Anlauf, dann ist er bei seinem Thema. Beim Thema, das von Anfang an seine Bewerbung fürs Weiße Haus bestimmte – beim Kampf um die Seele Amerikas. Der jetzige Präsident, sagt er über Donald Trump, habe die USA schon viel zu lange in Dunkelheit gehüllt – "zu viel Wut, zu viel Angst, zu viel Spaltung". Er dagegen wolle hier und heute ein Versprechen abgeben. "Wenn Sie mir das Präsidentenamt anvertrauen, werde ich das Beste aus uns herausholen, nicht das Schlechteste. Ich werde ein Verbündeter des Lichts sein, nicht der Finsternis."

Die Kandidatenrede zum Abschluss des Wahlparteitags der Demokraten, sie war schon deshalb mit besonderer Spannung erwartet worden, weil Biden bisher nicht gerade dafür bekannt war, große Reden zu halten. Diese aber, so hinterher der Tenor seiner Parteifreunde, sei die beste seines Lebens gewesen. "Bewährungsprobe bestanden", kommentiert David Axelrod, einst Wahlkampfstratege Barack Obamas.

Man könne sich dafür entscheiden, immer zorniger zu werden, weniger zuversichtlich zu sein und eine noch stärker gespaltene Nation anzustreben, sagt Biden. Oder aber man nutze die Chance der Krise zur Heilung, zur Wiedergeburt, zur Einigung. "Dies ist eine lebensverändernde Wahl, die für sehr lange Zeit über Amerikas Zukunft entscheidet." Es gehe um Charakter, Mitgefühl, Würde, Wissenschaft – und um das Schicksal der Demokratie.

"Die Seele der Nation"

Als der Veteran – noch bis Anfang März – im Tour-Bus durchs Land fuhr, war darauf der Slogan "Battle for the Soul of the Nation" zu lesen. Trotz seines Alters, erklärte er immer wieder, habe er seinen Hut in den Ring geworfen, ja ihn in den Ring werfen müssen, nachdem Trump weiße Überlegenheitsfanatiker auf eine Stufe mit Gegendemonstranten stellte, die den Neonazis in Charlottesville die Stirn boten.

Ein 77-Jähriger im Einsatz für die moralische Errettung der Republik: Das Motiv wiederholt er am Donnerstagabend in vielen Varianten, nachdem er die Nominierung zum Präsidentschaftskandidaten seiner Partei angenommen hat.

Trump, warnt er vor der Wiederwahl des Amtsinhabers, übernehme keine Verantwortung, gebe grundsätzlich anderen die Schuld und fache die Flammen des Hasses und der Spaltung an. In patriotischem Duktus wirbt Biden um die Stimmen desillusionierter Republikaner, von denen er hofft, dass sie die Seiten wechseln. Er stehe hier zwar als Bewerber der Demokraten, regieren würde er jedoch als "ein amerikanischer Präsident".

Die Corona-Tragödie, unter der das Land so leide, wäre nicht so schlimm, hätte Trump auf den Rat der Wissenschafter gehört, analysiert er die Lage. "Der Präsident erzählt uns immer noch, dass das Virus verschwindet. Er wartet immer noch auf ein Wunder. Nun, ich habe Neuigkeiten für ihn: Ein Wunder wird es nicht geben."

Er wolle, fügt Biden hinzu, auch zu denen sprechen, die infolge der Pandemie um verstorbene Angehörige trauern. "Ich weiß, wie es sich anfühlt, jemanden zu verlieren, den Sie lieben. Ich kenne dieses große schwarze Loch, das sich in Ihrer Brust auftut!" Er wisse aber auch, dass der beste Weg durch Schmerz und Kummer darin bestehe, einen Sinn im Leben zu finden.

Stärke aus Rückschlägen

Biden, der Leidgeprüfte mit einer Biografie voller Schicksalsschläge. Biden, der Optimist. Biden, der Mutmacher. Um Letzteres zu untermalen, hat die Regie einen überraschenden Zeugen aufgeboten: Brayden Harrington aus New Hampshire. Der 13-Jährige stottert, wie einst Biden in seiner Kindheit, was ihn nicht davon abhält, zu einem Millionenpublikum an den Bildschirmen zu sprechen, virtuell zugeschaltet.

Der Politiker, der ihn zufällig auf einer Wahlkampftour traf, nahm sich die Zeit, um ihm Tipps zu geben. Nun bedankt sich Harrington mit einem hochemotionalen Auftritt bei ihm. Alles dreht sich um den Kontrast zu Trump, dem Michael Bloomberg, der Milliardär aus New York, einmal mehr vorwirft, von Wirtschaft und Geschäften im Grunde nichts zu verstehen. Konkrete Politikentwürfe dagegen spielen kaum eine Rolle.

Was Biden in groben Umrissen skizziert, ist ein milliardenschweres Konjunkturprogramm, das die Wirtschaft wieder ankurbeln soll – ähnlich wie 2009, nach der Finanzkrise, als er im Auftrag Obamas ein vergleichbares Paket durch den Kongress boxte. Er stellt fünf Millionen neue Arbeitsplätze in Industrie und Hightech in Aussicht. Ohne in die Einzelheiten zu gehen, deutet er die Rücknahme Trump’scher Steuersenkungen an.

Die Außenpolitik, die die US-Wähler meist nur am Rande interessiert, streift er nur kurz, nur allgemein, in Form eines Glaubensbekenntnisses: Ein Präsident Biden, betont er, stehe fest zu den Verbündeten und Freunden der USA, während er deren Gegnern klarmache, "dass die Zeiten des Schmusekurses gegenüber Diktatoren vorbei sind". (Frank Herrmann, 21.8.2020)