Joe Biden sparte in seiner wohl besten Rede nicht mit Kritik an Trump.

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Drei Tage lang haben die US-Demokraten auf ihrem Parteitag die meiste Zeit damit verbracht, Donald Trump anzugreifen und vor den fatalen Folgen einer zweiten Amtszeit des US-Präsidenten zu warnen. Auch ihr Präsidentschaftskandidat Joe Biden sparte in seiner wohl besten Rede seiner langen politischen Karriere nicht mit Kritik an Trump, dem er vor allem Versagen in der Corona-Krise vorwarf.

Aber die zentrale Botschaft des Abschlusstags der großteils virtuell abgehaltenen Democratic National Convention war eine andere: Seht her, hier ist ein anständiger Mensch, der sich vom Fürsten der Finsternis im Weißen Haus vor allem durch seinen Charakter unterscheidet. In diesem Geist sprach Biden in seiner Rede über das Licht, das er in diese dunkle Zeit bringen würde, über Versöhnung und Einigkeit, von Empathie für Benachteiligte und Verständnis für Andersdenkende.

Ganz bewusst zieht der 77-jährige Politikveteran nicht mit einer Fülle konkreter Reformpläne in diesen Wahlkampf. Er selbst ist ein flexibler Pragmatiker ohne ausgeprägte Ideologie, und seine Strategen wollen verhindern, dass er von Trump in ein linkes Eck gestellt werden kann.

Das mag die Progressiven in der Partei, die in den Vorwahlen Bernie Sanders oder Elizabeth Warren unterstützt haben, enttäuschen. Aber auch für sie ist ein Sieg über Trump wichtiger als die Details der zukünftigen Gesundheitspolitik. Hier geht es um das Überleben der amerikanischen Demokratie, um die Seele der Nation nach vier Jahren der getwitterten Niedertracht. Und diese Botschaft, so das Kalkül, sollte über Parteigrenzen hinweg auf Gehör stoßen.

Ob das Werben um Stimmen der Mitte tatsächlich aufgehen wird, ist offen. Immer noch steht nicht nur die republikanische Basis geschlossen hinter Trump – 42 Prozent der Bevölkerung halten ihm trotz der doppelten Gesundheits- und Wirtschaftskrise weiter die Stange. Kein Präsident bisher war bei einer so schlechten Lage der Nation noch immer so populär.

Wenn Biden mit seinem Charakterwahlkampf Trump niederringt, dann hätte das Signalwirkung über die USA hinaus. Anders als im 20. Jahrhundert ist die heutige Politik vielerorts nicht mehr von totalitären Ideologien geprägt, sondern von der Instrumentalisierung des Hasses für die Eroberung und den Erhalt der Macht. In dieser Reihe opportunistischer Gewaltmenschen steht auch Trump. Wenn er einem Mann unterliegt, dessen größte Stärke die Menschlichkeit ist, dann gibt das auch in anderen Staaten Grund zur Hoffnung. (Eric Frey, 22.8.2020)