Demonstranten hämmern an die Tür des Polizeibüros in Kenosha.

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Auf dem Parkplatz eines Gebrauchtwagenhändlers brennen Autos.

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Die Polizei von Kenosha verfügt über gepanzerte Fahrzeuge.

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Milwaukee – Mehrere Schüsse in den Rücken des schwarzen Amerikaners Jacob Blake bei einem Polizeieinsatz im US-Staat Wisconsin haben Entsetzen und Protest ausgelöst. In der Stadt Kenosha kam es die zweite Nacht in Folge zu Ausschreitungen. Der Bundesstaat hat nun den Notstand ausgerufen. Gouverneur Tony Evers ordnete am Dienstag zugleich eine verstärkte Präsenz der Nationalgarde in der Stadt Kenosha an. Evers betonte, dass es eine Grenze zwischen friedlichem Protest und Ausschreitungen gebe, die Familien und Geschäfte gefährdeten.

Autos wurden in Brand gesetzt, wie auf Fernsehbildern zu sehen war. Die "Chicago Sun Times" berichtete am Dienstag unter Berufung auf Blakes Vater, dass dessen Sohn infolge der Schüsse von der Hüfte abwärts gelähmt sei. Die Ärzte wüssten nicht, ob die Schäden von Dauer seien.

Auf einem am Sonntag im Internet verbreiteten Video war zu sehen, wie Blake zu einem Auto geht, gefolgt von zwei Polizisten mit gezogenen Waffen. Als der Mann die Fahrertür öffnet und sich hinein beugt, fallen mehrere Schüsse. Nach Angaben des Anwalts der Familie, Ben Crump, saßen im Auto Blakes Kinder im Alter von drei, fünf und acht Jahren.

Die beteiligten Beamten wurden beurlaubt. Das Justizministerium von Wisconsin als leitende Ermittlungsbehörde kündigte an, binnen 30 Tagen einen Bericht vorzulegen.

Unklar blieb zunächst, was vor dem auf Video aufgezeichneten Geschehen passiert war. Anwalt Crump erklärte, Blake habe versucht, einen Streit zu schlichten. Dann hätten die Polizisten ihre Waffen auf ihn gerichtet. Zunächst sei Blake von einer Elektroschockpistole getroffen worden. Als er im Auto nach seinen Kindern habe sehen wollen, sei ihm mehrfach in den Rücken geschossen worden.

Sein Sohn habe "acht Löcher" in seinem Körper, zitierte die "Chicago Sun Times" Jacob Blake Senior. "Was rechtfertigte all diese Schüsse?", habe dieser gesagt. "Was rechtfertigte es, dies vor meinen Enkeln zu tun?"

Beamte in Zwangsurlaub

Nach dem Vorfall kam es in Kenosha zu neuen schweren Protesten. Auf Bildern in sozialen Medien war zu sehen, wie eine große Menschenmenge durch die Straßen der 100.000-Einwohner-Stadt in der Metropolregion Chicago zog. Dabei wurden auch Steine und Molotowcocktails auf Polizisten geworfen. Ein Polizist soll dabei verletzt worden sein. Für den Rest der Nacht wurde eine Ausgangssperre verhängt.

Fotos zeigten ausgebrannte Autos und Müllwagen. Auch einige Gebäude in der Stadt standen in der Nacht zum Dienstag zeitweise in Flammen. Darunter soll Medienberichten zufolge neben Geschäften auch ein Gebäude des Justizvollzugsministeriums des US-Staats gewesen sein. Sicherheitskräfte setzten Tränengas ein.

Wisconsins Gouverneur hatte am Montag den Einsatz der Nationalgarde autorisiert, um örtliche Einsatzkräfte zu unterstützen. Für die Nacht von Montag auf Dienstag war das zweite Mal in Folge eine Ausgangssperre verhängt worden. Tagsüber gab es unter anderem in New York Protestdemonstrationen mit Hunderten Teilnehmern.

Proteste auch in Portland

In der Stadt Portland, die zwar von Kenosha weit entfernt liegt, sich aber zu einem Zentrum der Black-Lives-Matter-Bewegung entwickelt hat, wurde ebenfalls demonstriert. Dort hatten sich anfangs friedliche Demos laut Aussagen der Polizei bis in die Nachtstunden zu einem Krawall entwickelt.

Nachdem Polizeibeamte auf einen Schwarzen geschossen hatten, kam es in Kenosha nahe Chicago zu Demonstrationen.
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Weiterer Toter am Wochenende

Gouverneur Evers erklärte: "Wir stehen an der Seite all derer, die Gerechtigkeit, Gleichberechtigung und Verantwortung für das Leben der Schwarzen in unserem Land gefordert haben und weiterhin fordern." Er verwies auf den gewaltsamen Tod des Afroamerikaners George Floyd bei einer Kontrolle durch weiße Polizisten im Mai im Bundesstaat Minnesota und andere Opfer brutaler Strafverfolgung. Seit Floyds Tod kommt es immer wieder zu Protesten gegen Polizeigewalt und Rassismus, die zum Teil in Gewalt umschlugen.

Auch der demokratische Präsidentschaftsbewerber Joe Biden forderte eine sofortige, umfassende und transparente Aufklärung. "Das Land wacht wieder einmal mit Trauer und Empörung auf, dass ein weiterer schwarzer Amerikaner Opfer übermäßiger Gewalt geworden ist." Seine Vize-Kandidatin, die Senatorin Kamala Harris, meinte auf Twitter: "Jacob Blake sollte gerade nicht um sein Leben kämpfen." Die Sprecherin des Repräsentantenhauses, die Demokratin Nancy Pelosi, erklärte: "Wir sind es Jacob, seinen Kindern und allen schwarzen Amerikanern schuldig, der Rassenungerechtigkeit und der Polizeigewalt ein Ende zu setzen."

Das Justizministerium des Bundesstaats Wisconsin als leitende Ermittlungsbehörde kündigte an, innerhalb von 30 Tagen einen Bericht vorzulegen.

Schüsse auf Fliehenden

Erst am Freitagabend hatten Polizisten im südlichen Bundesstaat Louisiana wieder einen Afroamerikaner erschossen. Dieser floh vor den Polizisten und war offenbar mit einem Messer bewaffnet. Die Polizei in der Stadt Lafayette habe zunächst erfolglos Taser eingesetzt, um Treyford P. zu stoppen, erklärte die Polizei von Louisiana am Samstag. Beamte hätten dann das Feuer eröffnet, als der 31-Jährige in einen kleinen Supermarkt fliehen wollte, hieß es.

Die Polizisten seien an den Tatort gerufen worden, weil es dort eine "Störung" mit einem Mann gegeben habe, der mit einem Messer bewaffnet gewesen sei, erklärte die Polizei. Die Beamten versuchten demnach, den 31-Jährigen festzunehmen, dieser floh aber zu Fuß. Die Polizei machte keine Angaben zur Zahl der abgegebenen Schüsse. Der Verdächtige sei nach dem Zwischenfall in einem Krankenhaus für tot erklärt worden, hieß es. Medienberichte sprachen von etwa einem Dutzend Schüsse. (APA, 24.8.2020)