Nicht im Koma, aber in der Kritik: Nordkoreas oberster Führer und bisher unumstrittener Machthaber Kim Jong-un bei einer Sitzung vergangene Woche.

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Das Politbüro trägt Weiß.

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Wie geht es dem nordkoreanischen Machthaber Kim Jong-un? Schlecht, möchte man meinen, wenn man in den vergangenen Wochen Berichte über das kommunistische Land gelesen hat. Schon im April gab es Gerüchte über massive Gesundheitsprobleme oder sogar den Tod des Herrschers, die sich dann als falsch herausstellten. Nun ist erneut von einer schweren Krankheit die Rede, internationale Medien berichten, Kim könnte im Koma liegen. Während es aber im April durchaus Indizien für eine Erkrankung Kims gegeben hat, gibt es für die aktuellen Berichte kaum handfeste Belege.

Wenig Substanzielles

Sie basieren im Wesentlichen auf einem Facebook-Posting eines früheren Beraters des liberalen südkoreanischen Ex-Präsidenten Kim Dae-jung, Chang Song-min. Chang, der mittlerweile die Opposition unterstützt, hatte bereits am Donnerstag in einem Facebook-Posting über Kims Probleme berichtet. Dabei hatte er auf eine Meldung des südkoreanischen Geheimdienstes Bezug genommen, wonach der nordkoreanische Herrscher Teile seiner Arbeitsagenden zu den US- und Südkorea-Beziehungen an seine Schwester Kim Yo-jong abgegeben habe. Chang schreibt, dies passe nicht zu einem "theokratischen System" mit einem einzigen Führer, wie es Nordkorea bisher gewesen sei. Derartiges könne es nur geben, "wenn Kim im Bett läge und sich in einem Zustand befände, wo er nicht mehr regieren könnte, oder wenn es einen Putsch gegeben hätte". Er, Chang, habe bereits spekuliert, dass Ersteres der Fall sein könnte, "und auch nun habe ich meine Einschätzung nicht geändert".

Kims Macht schwindet

Weitere Quellen für eine solche Behauptung gibt es nicht. Und sie steht auch im Widerspruch zu Veröffentlichungen in Nordkorea. Hatte es im April tatsächlich eine wochenlange Flaute an öffentlichen Auftritten Kim Jong-uns gegeben, die sich erst legte, als der oberste Führer sich im Mai bei der Eröffnung einer Düngemittelfabrik fotografieren ließ, ist dies nun nicht der Fall. Die neuesten Fotos von Kim sind erst sechs Tage alt, sie zeigen ihn bei der Vorsitzführung bei einer Sitzung des Zentralkomitees der Partei.

Ob Chang selbst die Einschätzung wirklich wörtlich meint, geht aus seinem Posting zudem nicht eindeutig hervor. Denn Ungewöhnliches scheint sich in Nordkorea tatsächlich zu tun, Kims Macht scheint zu schwinden. Bei der erwähnten Sitzung des Zentralkomitees hatte die Regierung unter anderem eingestanden, dass die "Ziele zur Verbesserung der nationalen Wirtschaft" sich "ernsthaft verzögert" hätten und dass bei kommenden Parteikongressen die "Arbeit der Partei umfassend überprüft werden" sollte. Derartige Selbstkritik der Regierung ist äußerst selten.

Das deutet tatsächlich darauf hin, dass die Unzufriedenheit mit dem Kurs des Regimes auch in dem totalitär kontrollierten Staat vermehrt spürbar ist. Kim könnte sich also in einer zunehmend schwierigen Position befinden – unabhängig von seinem Gesundheitszustand.

Dazu passen auch die jüngsten Meldungen über die Wirtschaft des Landes. Schon im Juni war in einem Bericht der Uno von "weitverbreiteter Nahrungsmittelknappheit und Unterernährung" zu lesen, das Land stehe am Rand einer Hungersnot.

Haustiere ins Restaurant

Dies illustrieren auch jüngste Berichte der konservativen südkoreanischen Zeitung Chosun Ilbo, wonach Parteikader aufgefordert worden seien, ihre "dekadenten" Haustiere an Zoos oder Restaurants abzugeben, um nicht den Neid der hungernden Bevölkerung auf sich zu ziehen. Und auch wenn die Wirtschaft des Nordens laut einer Einschätzung Südkoreas von Ende Juni erstmals seit drei Jahren wieder wächst – die Versprechen, dass sich die Entspannung mit den USA positiv auf den LebensStandard auswirken werde, konnte die Regierung bisher kaum halten.

Dies liegt auch daran, dass es bei den Gesprächen mit Washington seit dem Scheitern eines Gipfels im Februar 2019 keinerlei Fortschritt mehr gibt. Zwar hat Nordkorea bisher auf Atomtests verzichtet, dennoch aber die Lage an der Grenze zu Südkorea eskalieren lassen. Zuletzt sorgte eine Meldung für Aufregung, wonach Pjöngjang der Bau einer miniaturisierten Atombombe gelungen sei. Dies hätte schwerwiegende Auswirkungen, weil eine solche mit den Langstreckenraketen des Landes auf die kontinentalen USA abgefeuert werden könnte.

Pjöngjang selbst hatte aus der Entspannung kaum Vorteile geerntet. Die internationalen Sanktionen gegen das Land werden seit geraumer Zeit wieder stärker kontrolliert. Insbesondere seit dem Ausbruch der Corona-Pandemie ist auch die zuvor für Schmuggler durchlässige Grenze zu China weitgehend dicht. Wie es um die Ausbreitung der Krankheit in Nordkorea steht, ist offen. Offiziell bestätigt sind keine Fälle, allerdings soll nach Angaben der USA das nordkoreanische Militär fast den gesamten Februar über im Lockdown gewesen sein. Eine Ende Juli von Nordkorea gemeldete Corona-Erkrankung eines aus Südkorea zurückgekehrten früheren Deserteurs dementierte die Regierung in Seoul. (Manuel Escher, 24.8.2020)