Altsaxofonist Charlie Parker revolutionierte den Jazz.

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Charlie Parker hat das Leben jedes Saxofonisten nach ihm ruiniert", schreibt Hobbyklarinettist Woody Allen in seiner Autobiografie mit einem Anflug pointierter Überspitzung. Dennoch wohnt diesem Overstatement sogar ein Hauch von Untertreibung inne. Der Mann, den sie "Bird" nannten, muss auch für Saxofonisten und alle Jazzer vor ihm eine heftige Erschütterung gewesen sein. Selbst die hitzigen Swingsolisten wirkten gemütlich – im Vergleich zu den rasenden Bebop-Linien, die nicht nur auf Parker, sondern auch auf Trompeter Dizzy Gillespie zurückgingen.

Und hört man heute die Soli des 1920 in Kansas City geborenen Parker, wird verständlich, dass jemand wie Louis Armstrong dem Bebop "Melodiösität und Tanzbarkeit" abgesprochen hat. Er zeigte damit, nicht verstanden zu haben, was geschah. Mit Parker begann die Jazzmoderne.

Alte Songs ganz neu

"Birds" Zugang basierte zwar auf guten alten Musicalschlagern jener Tage: Über deren konventionelle Changes ließ er im Up-Tempo jedoch Monologe fliegen, die in ihrer Logik und harmonischen Komplexität selbst zu Kompositionen wurden: Aus How High the Moon wurde Ornithology, aus Cherokee wurde Ko-Ko. Und trotz der Virtuosität, die alles vormals Erspielte wie eine gemütliche Kutschenfahrt wirken ließ, berückt Parkers Eleganz der Ideen.

Bandkollege Gillespie schrieb den Klassiker Night in Tunisia,der auch durch das Saxofonsolo legendär wurde. Es ist nun auf der Doppel-CD des Renommierlabels Ezz-Thetics (The Birth of Bebop) enthalten. Parkers legendäre Extrapolationen während des Konzerts in der Carnegie Hall von 1947 zeigen: Er versöhnte Virtuosität mit Inspiration. Seine Soli wirken heute noch modern, keiner, der expressiv wirken will, kommt an ihnen vorbei.

Alle profitieren

Natürlich ging es auch anders: Spätere Altsaxofonisten wie der geniale Minimalist Paul Desmond oder der für seinen süßen Ton bekannte Johnny Hodges fanden eigene Wege zum relevanten Ausdruck. Auch der zu abstrakter Kühle neigende Lee Konitz entwickelte Individualität abseits des beboppigen Dauerstresses; auch Innovator Ornette Coleman kam ohne ihn aus.

Allerdings profitierten sogar sie von dieser scheinbar aus dem Nichts einschlagenden glutvollen Spielhaltung. Parker und der Bebop markieren den Austritt des Jazz aus seiner lukrativen Dienstbarkeit Richtung radikale Subjektivität. Dass Parker sehr gerne mit Streichern spielte, ist dabei kein Widerspruch. Er blieb selbst "with strings" immer bei sich.

Betrübliche Erfahrungen

Die Legende will, dass Parker eines Nachts die Töne fand, die er in sich schon lange gehört hatte. In diesem Augenblick sei er "geboren worden", erzählte er selbst. Faktenmäßig verbürgt ist eher, dass er nach demütigenden Banderfahrungen an die vier Jahre lang zehn bis zwölf Stunden übte und danach allerdings fast vollendet zurück in die Szene kam. Diese disziplinierte Seite Parkers war quasi seine helle.

Der Mann, der sich anfangs in New York als Tellerwäscher in Jimmy’s Chicken Shack durchgeschlagen hatte, praktizierte parallel jedoch einen Lebensstil, den Heroin und Alkohol destruktiv befeuerten.

Exzessiv durchlitt er quasi die für Afroamerikaner bedrückenden sozioökonomischen Rahmenbedingungen des Jazzmilieus. Es gab Szenen, in denen Parker nackt durch Hotelgänge torkelte oder Zimmer anzündete. Da gab es Momente, in denen er nicht in den nach ihm benannten Jazzclub Birdland hineindurfte. Bald kamen ein Selbstmordversuch oder Diagnosen wie latente Schizophrenie hinzu – und schließlich das frühe Ende.

Alter junger Körper

Parker starb eine Woche nach seinem letzten Auftritt (der war im Birdland) am 12. März 1955. Er wurde 34 Jahre alt, während der Arzt das Alter des Toten auf 50 bis 60 schätzte. Paradoxerweise war Parker ein Mahner. Er bestritt die kreativitätssteigernde Wirkung von "Hilfssäften". Er nannte jeden Musiker, der behauptet, besser zu spielen, wenn er Drogen nahm, "einen Lügner". Schließlich sollte man "nicht die besten Jahre seines Lebens verpassen, die Jahre möglicher Kreationen", warnte Parker.

Obwohl er einige Jahre verpasst hat, sind Parker revolutionäre Kreationen gelungen. Für Genies gelten andere Gesetze. Die überspannte Extremexistenz, die man sich nicht als alten gemütlichen Herren vorstellen kann, wäre jedenfalls am 29. August 100 Jahre alt geworden.

Etwas hat überlebt

Ihr Stil hat jedoch überlebt. Er leucht in den Soli eines George Benson ebenso auf wie in den Scat-Kunststücken eines Bobby McFerrin oder beim Pianisten Brad Mehldau: Parkers Einfluss lebt in jedem, der sich auf der Schnellstraße der Improvisation bewähren will. (Ljubiša Tošić, 25.8.2020)