Was also tun, um Küsse aufs Papier zu bringen?

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Irgendwann ist Schluss mit dem Zupfen an den weißen Blütenblättchen eines Gänseblümchens. Irgendwann will man es wissen! Soll der Stachel aus dem Herzen gezogen sein und Gewissheit herrschen, ob die Angebetete die zarten Gefühle erwidert!

Zu Schulzeiten bediente man sich einst zu diesem Zwecke eines Zettels, den man dem Objekt der Begierde zusteckte. Heute halten wohl SMS und Whatsapp dafür her. Die Kunst des Liebesbriefschreibens hatte schon bessere Zeiten. Ausreden gibt’s genug: Zeitmangel, E-Mail und Co sind einige davon. Leider, denn man denke an das Entzücken Cyrano de Bergeracs großer Liebe Roxane bei jeder Botschaft, welche sie dem Überbringer mit rasendem Herzen aus den Fingern zupfte.

Doch wer verfügt schon über die Feder eines Cyrano de Bergerac, der sogar den Satz Otto von Bismarcks "Küsse lassen sich nicht schreiben" mühelos widerlegte. Der ehemalige Reichskanzler Bismarck gilt übrigens ebenso als beachtenswerter Verfasser von amourösen Zeilen.

Was also tun, um diese Küsse aufs Papier zu bringen? Mangelt es an Talent oder Mut oder beidem, gibt’s einen Ausweg. Und der nennt sich Helmut Barz. Der Autor übernimmt nicht nur das Verfassen von Bewerbungsschreiben, sondern auch das Dichten von Liebesbriefen.

"Guerilla"-Liebesbrief

Schon während des Studiums nutzte der Sohn einer Lehrerin und eines Schriftstellers seine schreiberischen Fähigkeiten für das Verfassen von Bewerbungsschreiben: zunächst nur für Freunde, schließlich für Freunde von Freunden – und dann gegen Honorar. Seine Visitenkarte und E-Mail-Adresse wanderten weiter und weiter.

Sein erster "Guerilla"-Liebesbrief, wie er ihn nennt, war auch ein Freundschaftsdienst. Ein Bekannter kam zu ihm mit den Worten: "Du, Helmut, ich hätte da mal ein etwas anderes Bewerbungsschreiben." Sein Auftraggeber kannte eine Frau vom Sehen. Er hatte sich in sie verschaut, wusste aber nicht weiter. Die beiden arbeiteten auf der gleichen Etage eines der vielen Frankfurter Bürohochhäuser und fuhren jeden Morgen zur gleichen Zeit im Lift. Um sich ein Bild zu machen – man sieht schon, Barz ist Profi –, fuhr er dann selbst einmal mit dem Lift mit.

Was sich viel später herausstellte: Die Frau hatte an diesem Morgen auf Barz’ Auftraggeber gewartet. Und dann? "Ich verfasste eine Einladungskarte zum Essen, die mein Bekannter im Beisein seiner Angebeteten verlieren sollte. Sie sollte die Karte aufheben und ihm zurückgeben. Und seine Aufgabe war es zu sagen: ‚Nein, die ist für Sie.‘ Erstaunlicherweise hat das funktioniert. Die beiden sind nach wie vor zusammen. Und die Frau weiß inzwischen auch von mir bzw. von meiner tatkräftigen Mithilfe", erinnert sich Barz.

Amors Stift

Doch diese Geschichte bezeichnet der schreibende Amor als Ausnahme. Bei deutlich persönlicheren Briefen sollte, so Barz, der Auftraggeber vermeiden, dass der Empfänger erfährt, wer den Brief geschrieben hat. No Na. Wie auch immer. Der verliebte Mann aus dem Lift erzählte Freunden von der Aktion, und so kamen Anfragen aus diesem sehr persönlichen Bereich.

Als modernen Cyrano de Bergerac würde sich Barz dennoch nicht sehen, schließlich projizierte der vom Schriftsteller Edmond Rostand erfundene Dichter mit der großen Nase seine eigene Persönlichkeit in seine Briefe. Barz versucht, diese so weit wie möglich auszublenden. Ihm geht es darum, ein ideales und gleichzeitig authentisches Bild seiner Kunden zu zeichnen.

Die Zutaten für seine Briefe sind mannigfaltig. Er macht sich ein möglichst genaues Bild von seinen Auftraggebern, will über Werdegang und Sprachduktus Bescheid wissen und natürlich über die Eckdaten des Empfängers. Die Arbeit mit seinen jeweiligen Auftraggebern beginnt mit einem langen Gespräch.

"Ein Bild ist auch hilfreich, ebenso die Beobachtung der Betreffenden ‚in freier Wildbahn‘. Bei Briefen für Menschen, die sich bereits kennen, zählt etwas, was ich den ‚gemeinsamen Erfahrungshorizont‘ nenne. Welche Erfahrungen haben sie gemeinsam gemacht? Wie hat sich die Beziehung entwickelt? Was waren wichtige Ereignisse? So vermittle ich in meinem Brief, dass mein Auftraggeber sein Gegenüber wirklich wahrnimmt und wertschätzt", ergänzt Barz.

Nachhelfer in Liebessachen

Der Nachhelfer in Liebessachen betrachtet das Schreiben von Liebesbriefen eher als Kunst- und Kommunikationsprojekt und vergleicht es mit dem Schreiben von Reden für Dritte. "Auch Redenschreiber müssen den Duktus, den Sprachrhythmus und einiges mehr desjenigen kennen, für den sie schreiben", erklärt Barz.

Den größten Fehler beim Schreiben amouröser Zeilen ortet er in Unehrlichkeit und zu starker Verschleierung der eigenen Absichten. "Der Absender muss meinen, was in dem Brief steht. Daher mache ich mit jedem meiner Auftraggeber das Gedankenspiel: Was passiert, wenn der Brief wirklich erreicht, was er soll? Kann der Auftraggeber zu diesen Konsequenzen stehen?"

Als weitere, zu vermeidende Fehler bezeichnet der Profi-Schreiber Bausteine, Abschreiben, Plagiate oder das Verstecken hinter Zitaten und wartet mit einer weiteren Anekdote auf: "Ich hatte einen Bekannten, der genau einen Liebesbrief schrieb, den er immer wieder verwendete – mit unterschiedlichen Bezugsobjekten. Irgendwann haben sich dann mal zwei der von ihm angebeteten Frauen untereinander ausgetauscht. Das Ergebnis war für Außenstehende sehr unterhaltsam, für ihn selbst wohl weniger."

Hauptsächlich Männer

Barz’ Klientel entspricht einer guten Mischung. Alterstechnisch liegt sie zwischen 20 und 80, beruflich sind alle möglichen Sparten vertreten. Allerdings besteht die Kundschaft vorrangig aus Männern.

Über die Gründe könnte man trefflich spekulieren, aber eines möchte Barz an dieser Stelle klar ausgesprochen haben: "Ich habe es nicht mit kommunikationsgestörten Menschen zu tun, mit verklemmten Nerds oder Einsiedlern. Viele meiner Auftraggeber haben Führungspositionen inne und sind rhetorisch recht fit, manchmal sogar auf einem Niveau, dass sie am Nordpol Kühlschränke verkaufen könnten. Sie trauen jedoch ihrer Fähigkeit zur Kommunikation von echten Emotionen nicht. Das verlangt schon die Bereitschaft, eigene Schwächen einzugestehen. Diesen Menschen ist es ernst. Ihnen geht es nicht um den schnellen Sex. Der Liebesbrief, den sie bei mir beauftragen, gehört zu etwas, was Bestand haben soll."

Königsdisziplin

Noch vor zehn Jahren hätte Barz der Aussage, dass ein Liebesbrief unbedingt handgeschrieben sein sollte, ohne Wenn und Aber zugestimmt. Doch die Art, wie Menschen kommunizieren, habe sich stark gewandelt. Deswegen sei manchmal auch eine E-Mail oder sogar ein besonders romantischer Whatsapp-Chat akzeptabel.

"Aber der handgeschriebene Liebesbrief ist und bleibt die Königsdisziplin." Es kommt auch vor, dass Barz mit einem Kunden, ehe dieser die finale Version abschreibt, Briefpapier und einen schönen Stift kaufen geht. Ein richtig guter Füller sei für persönliche Korrespondenz unschlagbar.

Aktuell erlebe die schriftliche Liebeskommunikation einen starken Aufschwung. Die Ursache ortet Barz in der Corona-Pandemie und der damit einhergehenden Einschränkung des direkten Kontakts. Paare, die nicht zusammenleben oder gar eine Fernbeziehung führen, sind gezwungen, neue Formen der emotionalen Kommunikation zu erproben. Der Video-Chat ist eben nicht alles. Daher greifen auch nicht wenige wieder zu Papier und Stift.

Bleibt die Frage, was man für Helmut Barz’ Dienste berappen muss. "Für Bewerbungsbriefe berechne ich meinen regulären Stundensatz von 60 Euro plus Steuer. Bei Liebesbriefen kommt es darauf an. Meine Klientel in diesem Bereich ist eher wohlhabend, daher berechne ich ähnliche Honorare wie bei Bewerbungsbriefen und anderen Texten. Der Arbeitsaufwand kann jedoch recht hoch sein, da ich mich doch sehr in das Leben der Schreibenden und der Empfänger hineinarbeiten muss. Möglicherweise ist auch eine Guerilla-Aktion vonnöten. Und das ist mitunter mehr, als ein paar Etagen mit dem Lift mitzufahren." (Michael Hausenblas, RONDO, 14.9.2020)