Das Immunsystem der jungen Bevölkerung in Afrika scheint an häufige Infektionskrankheiten angepasst zu sein, heißt es von einer Forschergruppe mit Wiener Beteiligung.

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Bisher verläuft die Covid-19-Pandemie in Afrika nicht so schlimm, wie Expertinnen und Experten aufgrund der schwachen staatlichen Gesundheitssysteme, der großen Ballungsräume und der geringen finanziellen Möglichkeiten zur Setzung von Maßnahmen befürchtet haben.

Eine Gruppe afrikanischer und europäischer Forscherinnen und Forscher, darunter der Tropenmediziner Bertrand Lell von der Med-Uni Wien, zugleich Leiter des Centre de Recherches Médicales de Lambaréné in Gabun, hat nun die Ursachen dafür analysiert. Eine Erklärung könnte in der generell größeren Häufigkeit von Infektionskrankheiten liegen, die das Immunsystem der Bevölkerung verändern. Für den weiteren Verlauf lassen sich daraus jedoch aufgrund mangelnder Datenlage und der ähnlich wie in Europa eingesetzten Maßnahmen noch keine Szenarien ableiten. Es bleibt daher unklar, ob die Pandemie seit ihrem Eintreffen auf dem afrikanischen Kontinent vor rund vier Monaten tatsächlich einen anderen Verlauf nimmt – oder ob eine große Zunahme der Todesfälle noch kommen könnte.

Die Forschenden kamen zu dem Schluss, dass sich die meisten afrikanischen Länder relativ früh auf die Pandemie vorbereitet und zur gleichen Zeit wie in Europa Maßnahmen gesetzt haben, darunter Reisebeschränkungen, Schulschließungen und das Testen in Verdachtsfällen: "So konnte Zeit gewonnen werden für weitere strategische Planungen von Quarantäne-Verordnungen, Contact-Tracing und Social Distancing. Zudem hat Afrika bereits große Erfahrung im Umgang mit Infektionskrankheiten wie Ebola und Lassa-Fieber", erklärt Lell.

Schlechte Datenlage

Andererseits wurden die Maßnahmen von Teilen der Bevölkerung oft nicht eingehalten, was die Verbreitung der Pandemie dennoch nicht beschleunigt hat, betont Lell. Eine Erklärung dafür könnte die vergleichsweise junge Population in Afrika sein. Die Covid-19-bedingten Todesfälle betrafen vor allem alte Menschen. Das durchschnittliche Alter beträgt in Afrika derzeit 19,7 Jahre – im Gegensatz zu 38,6 Jahren in Amerika. Die genetischen Varianten des Coronavirus entsprechen jenen in Europa.

Eine mögliche Erklärung für den aktuellen Verlauf in Afrika könnte laut Lell die weite Verbreitung häufiger Infektionskrankheiten sein, etwa bedingt durch Parasiten. Diese können das Immunsystem verändern und führen auch zu einer Verminderung von überschießenden Entzündungsreaktionen, die zunehmend als Ursache für schwere Covid-19-Verläufe erkannt werden. Allerdings fehlen dazu noch ausführliche Daten.

Maßnahmen wie die Einschränkung von Versammlungen, Schließung von Restaurants, Kirchen und Moscheen werden derzeit trotz hoher Verbreitung zurückgefahren, ähnlich wie in Europa. Welchen Einfluss das auf den weiteren Verlauf hat, ist noch nicht absehbar. Die Qualität von Gesundheits- und Mortalitätsdaten ist in Afrika generell schlecht, weshalb auch kaum Übersterblichkeitsanalysen für einen Ländervergleich gemacht werden können. (red, 1.9.2020)