Er ist ein robuster Geselle. Sein harter Panzer wappnet ihn gegen feindliche Zugriffe, selbst Vögel verschmähen ihn. Einen halben Zentimeter lang, frisst er sich ab April durch junges Gemüse auf den Feldern und vermehrt sich dabei in rasendem Tempo. Im Labor stoppt seine Fruchtbarkeit jedoch abrupt, was ihn für die Wissenschaft, die seiner über die Zucht Herr zu werden zu versucht, zur harten Nuss macht.

Rund 62.000 Arten von Rüsselkäfern zählen Biologen weltweit. Österreich macht ein Einwanderer aus Südosteuropa zu schaffen. Er schätzt Wärme, Trockenheit und Monokulturen.
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Schon vor zwei Jahrzehnten suchte der Rüsselkäfer Österreichs Landwirte heim, um sich dann aber wieder in östlichere Gefilde zurückzuziehen. Seit gut zwei Jahren breitet er sich erneut im Ackerbau aus, und es scheint, als ob er gekommen ist, um zu bleiben. Warm und trocken hat er es gern. Auch Monokulturen weiß er zu schätzen. Seinem regen Appetit fallen vor allem Tonnen an Zuckerrüben zum Opfer.

Keine Patentlösung

Forschungen rund um den ungeliebten Käfer laufen, doch Patentlösungen gegen ihn gibt es keine, bedauert Siegrid Steinkellner, Leiterin der Abteilung Pflanzschutz der Wiener Uni für Bodenkultur. "Wir haben bisher nichts, was wirklich greift."

Kommende Woche will sich die Politik mit ihm befassen, allen voran Elisabeth Köstinger. Die ÖVP-Landwirtschaftsministerin lädt Rübenbauern zu einem runden Tisch. Anlass ist das geplante Ende der Zuckerfabrik Leopoldsdorf im Marchfeld. Für die Agrana ist das Werk unrentabel, verliert Rübenanbau hierzulande doch seit vielen Jahren stetig an Boden. Der Lebensmittelriese baut stattdessen sein Geschäft mit Mais, Erdäpfeln und Früchten aus.

150 Arbeitsplätze hängen an der veralteten Fabrik, die bereits seit Jahren an der Kippe stand, weitere 200 bis 300 am Vorliefersektor. Agrarvertreter warnen davor, dass Österreich seine traditionelle Rolle als Selbstversorger bei Zucker verliert. Derzeit ist das Land damit überversorgt. Fallen Verarbeitungskapazitäten weg, könnte der Anteil auf 70 Prozent sinken.

Die Zuckerrübe verliert in Österreich stetig an Boden. Preisverfall macht den Anbau unrentabel.
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Der schwarze Peter zugeschoben wird in dieser Runde dem Rüsselkäfer. Er trägt aus Sicht betroffener Marchfelder wesentliche Mitschuld an der misslichen Lage der Rübe. Den Zucker mitsamt den Jobs zu retten, erfordere, ihm den Garaus zu machen. Und das wirksamste Mittel dazu sind aus ihrer Sicht Insektizide. Wobei es dabei um äußerst heikle geht: um die in Europa nicht länger zugelassenen Neonicotinoide.

Bienentod

Die EU-Kommission und die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit Efsa sehen sie als Bienentöter und durch ihren Einsatz inakzeptable Risiken für Flora und Fauna. 2018 setzten sie gegen den Druck der internationalen Rübenindustrie ein Totalverbot durch – was Österreich durch sogenannte Notfallszulassungen jedoch aushebelte. In Niederösterreich gab es in der Folge bisher kein einziges Jahr, in dem das umstrittene Pflanzenschutzmittel nicht zum Einsatz kam.

Das Argument der Rübenwirtschaft, die ihr Saatgut damit beizt, also quasi wie ein Schnitzel paniert: Das Gift wirke in der Pflanze nur in den ersten Wochen, geerntet wird lange bevor sie blühe. Flächenspritzungen mit anderen Insektiziden seien bei den Jungpflanzen nicht mehr nötig, Nebenwirkungen für die Umwelt überschaubar.

Ruf nach Chemie

Statt wie bisher drei ließ Österreich heuer nur ein entsprechendes Beizmittel zu. Genutzt hat es wenig. Die Rübenernte ist weiter rückläufig. Köstinger soll nun dazu bewogen werden, die Palette an Neonicotinoiden wieder zu erweitern.

Johann Ackerl, einer der größten Biolieferanten Österreichs für Feldfrüchte, sieht darin eine Bankrotterklärung der Agrarpolitik. Bienenschutz werde gegen Arbeitsplätze ausgespielt, ohne auch nur zu versuchen, beides zu verbinden. Der Rüsselkäfer halte als Feigenblatt her.

Ackerl erinnert daran, dass im Marchfeld in den vergangenen Jahren unzählige Ackerbauern, die mit Rüben kein finanzielles Auslangen mehr fanden, auf Bio und lukrativere Feldfrüchte umsattelten.

Österreich ist mit Zucker überversorgt. Die geplante Schließung der Agrana-Fabrik in Leopoldsdorf reduziert die Kapazitäten.
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Seit dem Auslaufen der internationalen Zuckermarktordnung sind die Preise für die Rübe weltweit im freien Fall. Sie war einst ein Luxusgut, das im Donauraum von adeligen Großbürgern angebaut wurde. Stolze Erträge von bis zu 100 Tonnen pro Hektar, die eine Zuckerausbeute von bis zu 15 Tonnen erlaubten, machten die Produktion hocheffizient.

Mittlerweile ist Zucker auf dem Weltmarkt um weniger als 300 Euro die Tonne zu haben. Länder wie Deutschland, Frankreich und Belgien bauten die Kapazitäten aus. Rohrzucker aus Märkten entlang des Äquators wuchs zum mächtigen Rivalen heran. Neue Essgewohnheiten der Konsumenten kratzen freilich am Image beider Süßungsmittel.

Preisverfall

Nicht nur Schädlinge und fehlende Insektizide, sondern niedrige Preise sind ein wesentlicher Grund, warum sich in Österreich viele Bauern den Rübenanbau nicht antun, berichtet Otto Gasselich aus Gesprächen mit Kollegen aus dem konventionellen Anbau. Der Marchfelder ist Vizeobmann des Bioverbands Bio Austria und zieht Bio-Rüben im Marchfeld groß. Um die Zuckerfabrik zu retten, brauche es daher in erster Linie eine Diskussion über die Preise.

Gasselich führt darüber hinaus Deutschland ins Treffen, wo das Vielfache der Menge österreichischer Rüben angebaut werde, ohne sie mit Neonics zu beizen. Lockere Österreich die Regeln, wachse auch dort der Druck, nachzuziehen. "Das löst eine Kettenreaktion aus."

Dass Biolandwirtschaft bei Zuckerrüben auf verlorenem Boden steht, weil ihnen der Käfer ohne Chemie noch stärker zusetzt als der konventionellen, weist Gasselich scharf zurück. In der Regel vernichte der Käfer Rüben in seinem Hauptverbreitungsgebiet unabhängig davon, ob er mit der chemischen Waffe bekämpft werde oder nicht. Dass Biolandwirte im Ausnahmejahr 2018 etwa größere Ausfälle hatten als konventionelle, liege auch daran, dass ihre Rübenflächen überwiegend in den vom Rüsseltier besetzten Gebieten liegen.

Kostspielig macht Bio-Rübenzucker vor allem der hohe Arbeitsaufwand. Zwei Mal jährlich muss händisch Unkraut ausgehackt werden. Das erfordert gut 200 Arbeitsstunden pro Hektar.

"Rückwärtsgewandt"

Die Probleme der Rübenbauern lassen sich nicht mit Pestiziden lösen, ist auch Helmut Burtscher, Umweltchemiker bei Global 2000, überzeugt. Dass Österreich immer wieder Wettbewerbsnachteile zu Nachbarländern beklage, nennt er Propaganda. "Neonics sind EU-weit aus gutem Grund verboten. Welche Mittel setzt Deutschland denn ein, die wir nicht haben?"

Konventionelle Landwirte verteidigten aktuell ein in Europa überholtes System, das mitverantwortlich sei für den Klimawandel und den Verlust an Biodiversität. "Wir brauchen keinen Wettbewerb nach unten." (Verena Kainrath, 28.8.2020)