Washington – US-Präsident Donald Trump hat seine Abschlussrede zum Nominierungsparteitag seiner Republikaner für einen Frontalangriff auf seinen demokratischen Herausforderer Joe Biden genutzt. Ein Sieg Bidens würde die Krisen, die den USA zu schaffen machten, nur noch verschlimmern, sagte Trump am Donnerstagabend. Im Inhalt klang die Rede teils so, als wäre der Präsident nicht der mächtigste Mann der Welt, sondern Chef einer unterdrückten Oppositionsgruppe. Ausführlich beklagte Trump, der in den letzten knapp vier Jahren die Geschicke der USA führte, all das, was seiner Ansicht nach schlecht in den USA sei.

Donald Trump attackierte in seiner Parteitagsrede seinen demokratischen Herausforderer Joe Biden
DER STANDARD/AFP

Zugleich war der Ort der Rede für eine Parteiveranstaltung äußerst ungewöhnlich: Trump sprach vor der angestrahlten Fassade des Weißen Hauses und brach so mit der jahrzehntelangen Tradition, dass aus Steuergeld finanzierte Bundeseinrichtungen nicht für parteipolitische Zwecke genutzt werden dürfen. Zudem hielten die rund 1.500 Gäste die Auflagen gegen das Coronavirus nicht ein. Die Sessel standen dicht beieinander, wie auf Fernsehbildern zu sehen war. Die allermeisten Gäste trugen keine Schutzmasken. Einige schüttelten einander in der dichtgedrängten Menge vor Veranstaltungsbeginn die Hände.

Trumps Anhänger hielten die Mindestabstandsregeln vielfach nicht ein.
Foto: EPA / Jim LoScalzo

Zugleich nahm Trump die Nominierung seiner Partei zum Präsidentschaftskandidaten an. "Zu keinem Zeitpunkt zuvor standen die Wähler vor einer klareren Wahl zwischen zwei Parteien, zwei Visionen, zwei Philosophien oder zwei Agenden", sagte Trump. "Diese Wahl wird darüber entscheiden, ob wir den amerikanischen Traum retten oder ob wir zulassen, dass eine sozialistische Agenda unser geliebtes Schicksal zerstört."

Trump bezeichnete Biden als "Vernichter amerikanischer Jobs". Falls Biden die Chance bekommen sollte, werde er "der Zerstörer amerikanischer Größe sein", behauptete Trump. Mit Biden als Präsident werde "die radikale Linke Polizeibehörden im ganzen Land die Finanzierung entziehen", so Trump – obwohl Biden klargestellt hatte, die "Defund the Police"-Forderung vieler Black-Lives-Matter-Demonstranten nicht zu unterstützen.

Donald Trumps komplette Rede auf dem Parteitag.
C-SPAN

Zu seinem Umgang mit der Opposition sagte Trump, der zuvor unter anderem über die angebliche Cancel-Culture gesprochen hatte, die ihm und den seinen das Wort verbiete: "Wir sind hier, und sie sind es nicht."

Hilfe für Afroamerikaner

Er versprach, das Coronavirus zu besiegen, in seiner zweiten Amtszeit die Wirtschaft nach der Pandemie wieder aufzubauen und für "Rekordwohlstand" zu sorgen. "In den vergangenen Monaten wurden unsere Nation und unser gesamter Planet von einem neuen und mächtigen neuen Feind heimgesucht", sagte er. "Wir werden das Virus besiegen, die Pandemie beenden und stärker als je zuvor aus der Krise hervorgehen." In den vergangenen drei Monaten hätten die USA bereits "mehr als neun Millionen Arbeitsplätze zugelegt, ein Rekord in der Geschichte dieses Landes". Trump erwähnte allerdings nicht, dass zwischen Februar und April 20 Millionen Arbeitsplätze verloren gegangen waren.

Trump stellte außerdem erneut die widerlegte Behauptung auf, dass die USA eine der niedrigsten Sterblichkeitsraten aufweisen würden, und stellte einen baldigen Impfstoff in Aussicht. "Wir werden vor Ende des Jahres oder vielleicht sogar schon früher einen Impfstoff herstellen."

"Wir sind hier, und sie sind es nicht", sagte Donald Trump bei der Rede zum republikanischen Parteitag, die er auf dem Rasen des Weißen Hauses hielt, über die Opposition.
Foto: AP / Evan Vucci

Der US-Präsident behauptete zudem erneut, dass er außergewöhnlich viel für das schwarze Amerika geleistet habe. "Ich sage mit großer Bescheidenheit, dass ich mehr für die afroamerikanische Community getan habe als jeder Präsident seit Abraham Lincoln", sagte er. Lincoln hatte als Präsident im Bürgerkrieg das Ende der Sklaverei erwirkt. Historikerinnen und Historiker sind sich allerdings einig, dass Präsident Lyndon B. Johnson an der Spitze moderner US-Präsidenten steht, die am meisten für die afroamerikanische Bevölkerung geleistet haben. In seiner Amtszeit wurden unter anderem der Voting Rights Act, der Civil Rights Act und der Fair Housing Act verabschiedet.

Trump steht hingegen wegen seines unsensiblen Umgangs mit den Black-Lives-Matter-Protesten und vorangegangener Äußerungen in der Kritik, die als rassistisch kritisiert werden. Bei den landesweiten Protesten gegen rassistisch motivierte Polizeigewalt, die nach sieben Polizeischüssen auf einen Afroamerikaner derzeit vor allem in Kenosha im Bundesstaat Wisconsin für Aufsehen sorgen, wird auch gegen Trump selbst demonstriert.

Trump holt in Umfragen auf

Etwas mehr als zwei Monate vor der Präsidentschaftswahl am 3. November liegt der ehemalige Vizepräsident Biden in Umfragen vor Trump, in den vergangenen Tagen konnte der Amtsinhaber aber wieder etwas aufholen. Biden selbst reagierte via Twitter auf Trumps Rede und mahnte, sich daran zu erinnern, dass "jedes Beispiel für Gewalt", über das sich der Republikaner beklage, unter Trumps eigener Führung und Präsidentschaft geschehen sei.

Schon vor Trump hatte beim Parteitag seine Tochter Ivanka gesprochen und den Kommunikationsstil ihres Vaters verteidigt. "Mein Vater hat starke Überzeugungen. Er weiß, was er glaubt, und er sagt, was er denkt. Ob man mit ihm übereinstimmt oder nicht, man weiß immer, wo er steht", zeigte sich Ivanka Trump überzeugt. "Ich verstehe, dass der Kommunikationsstil meines Vaters nicht jedermanns Geschmack ist, und ich weiß, dass manche seiner Tweets sich ein bisschen ungefiltert anfühlen können. Aber die Ergebnisse, die Ergebnisse sprechen für sich." Sie fügte hinzu: "Papa, Leute greifen dich an, weil du unkonventionell bist. Aber ich liebe dich, weil du echt bist. Und ich respektiere dich, weil du effektiv bist."

Ivanka Trumps Rede auf dem republikanischen Parteitag.
C-SPAN

Viel Familie

Vor Ivanka Trump hatten auf dem Parteitag auch Trumps Söhne Donald Jr. und Eric ausführliche Reden gehalten, ebenso die Lebensgefährtin Donald Jr.s, die Ex-Fox-News-Moderatorin Kimberly Guiylfoyle. Auch First Lady Melania Trump hatte gesprochen.

Außerdem waren die Eltern einer von der Terrormiliz "Islamischer Staat" in Syrien ermordeten amerikanischen Helferin aufgetreten und hatten schwere Vorwürfe gegen die Regierung des früheren Präsidenten Barack Obama erhoben, in der Biden Vizepräsident war.

PBS NewsHour

Während eines emotionalen Auftritts beim Parteitag warfen Carl und Marsha Mueller der Obama-Regierung vor, nicht genug für die Befreiung ihrer im August 2013 entführten Tochter Kayla unternommen zu haben. (APA, maa, mesc, 28.8.2020)