Donald Trump hat keine Skrupel, die Realität zu verbiegen.

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Wüsste man es nicht besser, könnte man meinen, die amerikanischen Republikaner hätten in einem Raumschiff getagt. Oder auf einer abgeschiedenen Insel. Jedenfalls an einem Ort, an dem sich die ernüchternde Wirklichkeit der pandemiegeplagten Vereinigten Staaten erfolgreich verdrängen lässt. Donald Trumps Parteitag, er fand in einem Paralleluniversum statt.

Die Epidemie ist überstanden, jetzt geht es wieder aufwärts, rekordverdächtig steil aufwärts, falls die Wähler nicht den Fehler begehen, Joe Biden das Staatsruder anzuvertrauen, denn der würde den Aufschwung sofort abwürgen. So klang es an den vier Abenden, an denen der Präsident seine große Show über die Bühne gehen ließ. Zum Finale setzte der Amtsinhaber noch einen drauf, indem er den politischen Gegner zum Totengräber des Landes der Freien machte. "Joe Biden ist nicht der Retter von Amerikas Seele. Er ist der Zerstörer amerikanischer Jobs, und wenn er die Chance bekommt, wird er der Zerstörer amerikanischer Großartigkeit sein", wetterte Trump. Diese Wahl, die wichtigste der US-Geschichte, entscheide darüber, ob man den "American Way of Life" verteidigen könne oder es einer radikalen Bewegung erlaube, die amerikanische Lebensart komplett kaputtzumachen. Biden sei ein Trojanisches Pferd für den Sozialismus, sagte er über den Demokraten, der seit fünf Jahrzehnten für die politische Mitte steht.

Alle Regeln ungültig

Jedenfalls sollte allein schon die Optik am letzten Konferenztag so etwas wie eine triumphale Rückkehr zur Normalität im Amerika Donald Trumps vermitteln. Kaum einer der 1.500 geladenen Gäste, die sich auf dem Südrasen des Weißen Hauses versammelt hatten, um die Kandidatenrede aus nächster Nähe zu hören, trug eine Maske. Abstandsregeln galten nicht mehr. Es war, als sei die Epidemie auf dem Planeten Trump bereits Geschichte.
So grotesk das in einer Woche wirkte, in der noch immer weit über 40.000 Neuinfektionen am Tag gemeldet werden, so falsch wäre es, den Impresario des Parteitagsspektakel zu unterschätzen. Trump hat Erfahrung mit Inszenierungen. Schließlich war es eine Reality-TV-Serie, mit der er – als Geschäftsmann von Erfolgreicheren immer ein wenig belächelt – glänzend reüssierte. Was er außerdem hat, ist ein sicheres Gespür für Stimmungen. 2016 entdeckte er, wenn man so will, eine Marktlücke. Schärfer als seine innerparteilichen Konkurrenten erkannte er, dass es an der konservativen Parteibasis zunehmend auf Widerspruch stieß, wenn die Vorteile der Globalisierung beschworen wurden. Im Sommer 2020 scheint er begriffen zu haben, dass es nicht ausreicht, allein den harten Kern seiner Anhänger zu mobilisieren, um das Votum zu gewinnen.

Griff auf die Vorstädte

Trump braucht mehr als die Stimmen der Evangelikalen, mehr als die Stimmen der verunsicherten Arbeiterschaft im Rostgürtel der alten Industrie, will er Biden am 3. November schlagen. Er weiß: In den Vorstädten, deren Wähler ihm einst zum Sieg über Hillary Clinton verhalfen, darf er nicht untergehen, sonst ist seine Niederlage programmiert. Gerade dort, in den gepflegten Siedlungen der Mittelschicht, wechselten Frauen, die seine Twitter-Tiraden nicht mehr ertragen konnten, bei den Kongresswahlen des Herbstes 2018 in Scharen ins Lager der Demokraten. Zieht Trump nicht zumindest einen Teil von ihnen zurück auf seine Seite, muss er im Januar wohl das Oval Office räumen – immer vorausgesetzt, dass er nach einer Niederlage auch geht.

Zudem versucht er bei afroamerikanischen Männern zu punkten, in der Hoffnung, von einem Ausrutscher seines Rivalen zu profitieren. Dass Biden, der in einem Interview erklärte, wer als Schwarzer für Trump sei, der sei nicht wirklich schwarz, versucht er für sich zu nutzen. Als ob Amerikaner mit dunkler Haut politisch ein monolithischer Block seien. In einem Satz: es war kühles Wahlkampfkalkül, das seine viertägige Inszenierung bestimmte.

Bizarre Weichzeichnung

Herausgekommen ist eine bizarre Weichzeichnung, als wäre vergessen, für welche Politik Trump bisher im Weißen Haus stand. Ein Präsident, der Migranten, nicht nur illegalen, mehr Hürden in den Weg stellte als jeder seiner Vorgänger in der jüngeren Geschichte, stimmte plötzlich Loblieder auf Migranten an.

Ein Präsident, in dessen Kabinett bis auf die CIA-Direktorin Gina Haspel keine Frau zum engeren Kreis seiner Berater gehört, ließ sich auf einmal als großer Frauenförderer feiern. Ein Präsident, der nicht selten mit rassistischen Ressentiments spielt, konnte gar nicht oft genug betonen, was gerade Afroamerikaner ihm zu verdanken haben. Über den Zustand der USA sagen die vier Tage im Paralleluniversum nichts. Dafür umso mehr über einen Mann, der keinerlei Skrupel hat, die Realität zu verbiegen, wenn er nur glaubt, dass es ihm in die Hände spielt. (Frank Herrmann, 28.8.2020)