Sollte der Chef von Norwegian Air das zufällig lesen, wir würden noch auf die Erstattung unserer Tickets warten, danke. Zwei Wochen Norwegen hätten es nämlich eigentlich werden sollen. Walfische schauen, Black-Metal-Sightseeing und im Baumhaus schlafen: Zwei Nächte um wohlfeile 700 Euro, das Klo zu ebener Erde – was man dem Kindsglück wegen halt so tut. Anschließend wären noch zwei Wochen im Süden geplant gewesen.

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Dann aber kam Corona, und trotz atheistischer Stoßgebete und lächerlicher Drohungen gegen unbekannt stornierten wir zuerst hier, dann dort und resignierten schließlich in Richtung Urlaub im eigenen Land. Wird sicher auch ganz schön, versicherten wir uns mit länger werdenden Nasen in länger werdenden Gesichtern.

Exotische Destination

Die Preise der ersten anvisierten Destinationen waren dann zwar durchaus norwegisch, ansonsten stellten wir fest, dass Österreich schon eher klein ist und die Angebote recht austauschbar sind. Dem Stadtkind zuliebe nahmen wir schließlich keine Airbnb-Wohnung an der Alten Donau, sondern buchten einen Urlaub am Bauernhof.

Den Zuschlag für den exotischen Selbstversuch erhielt für vier Tage Oberösterreich, im Anschluss sollte es in ein Kuhdorf in der Steiermark gehen. Das nenne ich nicht aus Geringschätzung so, es gab dort bloß tatsächlich viel mehr Kühe als Menschen.

Oberösterreich war schwierig. Vor allem kulinarisch. Sagen wir so: Wäre meinem Magen dasselbe Gericht oben im norwegischen Baumhaus zugeführt worden, es wäre am Weg zum Klo nicht nur sprichwörtlich etwas in die Hose gegangen.

Ich weiß, das ist viel zu intim, Entschuldigung. Aber mit dem "Traditionsgasthaus" hatten wir einen Nuller ohne Zusatzzahl gezogen: Ist das noch der Nikotinfinger des Kellners oder schon das Ćevapčići? Ungefähr so. Der Rest des Aufenthalts waren Regenwetter und der Anflug einer Depression bei der ganzen Familie. Die Steiermark, daran erbauten wir uns, die würde besser werden.

Das Land ist schön, die Bewohner auch. Nur können sie es oft nicht so zeigen.
Als regierungstreue Staatsbürger urlaubten wir heuer in Österreich. Jetzt hoffen wir noch inständiger auf eine baldige Corona-Impfung.
Foto: dpa-Zentralbild/Patrick Pleul

Dickes Kind mit Zuckerl

Inmitten von Mischwäldern, bemoosten Böden, wuchernden Wiesen, trüben Seen und klaren Wasserfällen lag der auserwählte Hof. Pferde wieherten, Kühe kauten, die Wirtin grüßgottete. Dann trieb sie uns wie Geldvieh zum Empfang.

Ein Lob auf die Schönheit der Landschaft meinerseits, um ein wenig zu bonden, versandete ohne erkennbare Reaktion zwischen Anmeldeschein und Zimmerschlüssel: "Bar oder mit Karte?"

Neben der Wirtin saß ein dickes Kind und stopfte Zuckerl in sich, den Blick am Handy. Das blieb eine Woche lang so, nur die sich ändernden Kleider deuteten an, dass es irgendeine Fürsorge erhielt. Der Mann der Wirtin, der Wirt, nickte kurz und ging. "Echter Österreicher" stand auf der Brust seines rot-weiß-karierten Hemds, nein, das könnte Norwegen nie bieten.

Unsere Ferienwohnung lag unterm Dach und war mit viel Liebe zum Detail und dem katholischen Glauben gestaltet. Als Resultat mehrerer An- und Umbauten hingen seine Schöpfer offenbar dem Glauben an, dass die Mischung aus Holz, Imitat, Laminat und zahlreichen Jesuskreuzen wie von selbst zueinander passen würden. Immerhin den Fliegen schien es zu gefallen, davon gab es reichlich.

Am Abend setzten wir uns in neu erstandener Funktionskleidung zu den anderen Funktionskleidungsträgern in den Garten des hauseigenen Restaurants: Bereit uns Land und Leuten anzunähern, genossen wir den Fernblick und Luft. Da knallte es: Am Nebentisch dippelten_ Einheimische in platzhirschiger Lautstärke Karten ("Gib net wia a Vuitrottl!") und resümierten über die Fragen der Zeit: "Scheiß Masken!" Keiner trug eine.

Trotz aller Widrigkeiten galt ihnen der Sebastian als heilig, die Medien hingegen als verlogen. Die Servierkörper standen zustimmend nickend und Kette rauchend daneben und schienen eher am Verlauf des Viererschnapsers interessiert als am Verlangen der Gäste. Aber wozu hat man ein Kind? "Geh‘ rüber und sag, wir wollen bestellen!"

Nachdem wir drei Gerichte nach dem Rezept "Quantität statt Qualität" verinnerlicht hatten, wurde der Wirt überraschend leutselig und setzte sich zu uns. "Aus Wien", sagte er in der Art, wie ein Arzt eine schlechte Diagnose verkündet. "Eigentlich aus der Steiermark, aber schon länger in Wien, ja", versuchte ich mich einzuschleimen. Sinnlos. "I wor amal in Wien orbeiten. A scheiß Firma. Noch a poor Wochen hob i kündigt. Do worn nur Auslända in der Firma." Während er das sagte, streifte mein Blick über den Parkplatz, auf dem die Autos seiner Gäste standen. Mit Kennzeichen aus Deutschland, Italien, den Niederlanden oder Belgien. "Ich geh zu den Katzen", sagte das Kind.

Weckruf vom Fischteich

Unser Urlaub am Bauernhof fühlte sich bis dahin wie ein Urlaub im Gemeindebau an. Doch morgens sollte sich ein wesentlicher Unterschied zeigen: Im Gemeindebau gibt es keinen Fischteich. Am Bauernhof schon. Dort holten dicke Buben in Star-Wars-T-Shirts um sieben Uhr früh mit Gebrüll Fische aus dem Teich, in dem mehr Tiere als Wasser zu sein schienen. Unser Kind, das Buben gerade grundsätzlich doof findet, fühlte sich bestätigt. Für den Rest der Woche sollte das Dicke-Buben-Geschrei unser Weckruf sein. Jedes Mal, wenn so ein toller Hecht einen Karpfen fing, schossen die Eltern Fotos mit dem Handy. Anschließend wurden die um Luft japsenden Viecher wieder ins Wasser geworfen – dann zog der nächste dicke G’schrapp den nächsten dicken Fisch an Land. Nur Dynamitfischen im Aquarium muss noch spannender sein.

Doch die Ausflüge in die Umgebung waren toll. Echt. In den Wäldern hätten einen aus Erdhäusern kommenden Hobbits nicht weiter überrascht und sogar der Gipfelsturm auf ein 900-Meter-Massiv hat mit dem neuen Trekkingschuh am Gaspedal super funktioniert. Das Hüttenpersonal? Allerliebst.

Falsche Landler

Einmal lag morgens eine in Plastik eingeschweißte Einladung zum Grillabend vor der Tür. Der Wirt höchstselbst würde Fleische verbrennen, es sei ein Highlight, zumal mit Livemusik, stand da. Die Grillage war okay, die Portionen verdeutlichten, warum so viele SUV fahren – weil sie in normale Autos gar nicht mehr passen. Gespannt sahen wir der Live-Einlage entgegen, schon hob der in Tracht steckende Musikant an, drückte und zog die Quetsche. Auf Gesang verzichtete er, trat jedoch ausdrucksstark von einem Bein aufs andere, während er seine Landler spielte. Die dicken Brüllfischkinder bemerkten schließlich, dass der Mann gar nicht wirklich spielte. Tatsächlich. Die Harmonika war eine Jukebox, dieser Hias drückte MP3s aus seine Bude. Es war lustig und traurig zugleich. Immerhin ein Gefühl rang uns die Musik dennoch ab: In uns loderte das Fernweh. (Karl Fluch, 30.08.2020)