Die Siegessäule in Berlin, umringt von Demonstranten.

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Der Samstagmorgen fängt für Dagmar gut an. Die Pensionistin steht mit ihrer Gitarre an der Berliner Siegessäule und singt: "Ich bin von Liebe erfüllt." Dazu stampft sie rhythmisch mit dem Fuß. "Schön, dass so viele gekommen sind", sagt sie, nachdem sie ihren Song beendet hat, und deutet auf den großen Kreisverkehr, auf dem normalerweise der Verkehr um die Siegessäule donnert. Der Raum ist gut, aber lose gefüllt, noch werden die Sicherheitsabstände eingehalten.

Weniger gut hat der Tag für den Berliner Innensenator Andreas Geisel (SPD) begonnen. Er hätte am liebsten gar keine Corona-Demo in Berlin gehabt. Aus Sorge vor Missachtung der Hygieneregeln, aber auch weil er "Corona-Leugnern, Reichsbürgern und Rechtsextremisten" keine Bühne bieten wollte, hat seine Behörde die Demo zunächst untersagt. Doch das Verbot hielt nicht lange, es wurde vom Berliner Verwaltungsgericht gekippt. Darauf ging die Polizei zum Oberverwaltungsgericht, unterlag aber auch hier. Es ist eine ziemliche Schmach für den Innensenator.

"Weg muss der, alle weg"

"Weg muss der, weg, alle weg und einsperren", ruft ein älterer Herr auf die Frage, wie er denn das (gescheiterte) Demo-Verbot finde. "Ich komme aus Ost-Berlin", sagt er, "ich weiß wie es war in der DDR. Niemand durfte sagen, was er wirklich denkt." Und jetzt, 30 Jahre nach der Deutschen Einheit, sei man wieder "genau an dem Punkt". Ihm missfällt die gesamte Corona-Politik der Bundesregierung: "Der Abstand, die Beschränkungen und am meisten die Scheiß-Masken." Die bringen "überhaupt nüscht", meint er und findet generell: "Noch gefährlicher als die Merkel ist ja dieser Drosten". Gemeint ist damit der Chefvirologe der Charité, Christian Drosten.

Am Weg von der Siegessäule Richtung Osten, Richtung Brandenburger Tor also, wird es ein wenig voller. Polizei ist nicht viel zu sehen, man hält sich (noch) zurück. Es wird viel von Liebe und Licht gesprochen, manche meditieren. Irgendwo ertönt "ein bisschen Frieden" der Sängerin Nicole. Bei sehr großzügiger Auslegung und Interpretation könnte man sich fast auf der Loveparade wähnen – nur, dass es leiser ist.

Gegendemonstranten zeigten, auf was es ihnen ankommt.
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Doch das Unheil braut sich zu diesem Zeitpunkt östlich des Brandenburger Tors zusammen. Dort steht der Demonstrationszug, der eigentlich bis zur Siegessäule, zur Abschlusskundgebung, führen hätte sollen, fest. Nichts geht mehr, weder vor, noch zurück. Die Polizei hat den Zug gestoppt, weil die Mindestabstände nicht eingehalten werden. Jetzt wird verhandelt. "Setzt Euch einfach auf den Boden, macht es Euch bequem", ruft einer der Organisatoren von einem Wagen aus den Menschen zu. Auf diesem ist das Schwarz-Weiß-Porträt der deutschen Widerstandskämpferin Sophie Scholl ("Die weiße Rose") zu sehen.

Angstzustände wegen der Masken

Ob der Vergleich nicht vielleicht doch etwas vermessen ist? Scholl war im Widerstand gegen ein mörderisches Regime. "Nein, das passt genau", meint Carola, eine Lehrerin aus Bayern. Es gehe auch hier um den "Widerstand gegen das gesamte System". Sie sitzt mit ihrem Mann und den vier Kindern auf einer bunten Decke auf dem Asphalt und berichtet, wie sehr die Kinder unter den "Zwangsmaßnahmen" leiden. Sie hätten Angstzustände wegen der Masken. Wie die Organisatoren fordert auch sie die Rücknahme der gesamten Corona-Schutzmaßnahmen der Regierung. Ihr Bruder habe einen Gasthof und drohe pleite zu gehen. "Das ist alles Merkels Schuld", sagt sie. Extra aus Bayern angereist ist die Familie, weil sie ein weiteres Zeichen setzten möchte: "Nicht alle, die gegen die Corona-Maßnahmen protestieren, sind Neonazis." Dass auch die AfD und die NPD zur Demo aufgerufen haben, stört sie nicht: "Mit denen habe ich nichts gemeinsam. Die atmen ja auch die selbe Luft wie ich, ob es mir gefällt oder nicht."

Auch vor dem Reichstag wurde demonstriert.
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Und die selbe wie jene Menschen, die finden, "Jesus ist stärker als das Virus". Oder die hier sind, um gegen Rundfunkgebühren zu demonstrieren. Und sie atmen die selbe Luft wie viele Reichsbürger, die sich vor der russischen Botschaft Unter den Linden versammelt haben. Sie schwenken ihre schwarz-weiß-roten Flaggen und weigern sich, zu gehen, als die Polizei sie kurz vor 15 Uhr dazu auffordert. Die Demo nämlich ist mittlerweile aufgelöst worden, da die Sicherheitsabstände nicht eingehalten wurden und sich die Teilnehmer auch weigerten, Masken aufzusetzen. "Sie haben die Pflicht diesen Ort zu verlassen", ruft die Polizei via Megafon den Demonstranten zu. Doch diese gehen einfach nicht. "Wir bleiben hier! Wir bleiben hier!", rufen sie und brüllen den Polizisten entgegen: "Schämt euch! Schämt euch!" Doch nach ersten Rangeleien greifen die Einsatzkräfte durch, sie führen im Minutentakt Personen ab, darunter auch den Koch und Verschwörungstheoretiker Attila Hildmann. Immer wieder fliegen Steine und Flaschen. Dabei werden, nach Angaben von Geisel, sieben Personen verletzt. Dann ändert sich der Schlachtruf der Demonstranten. "Schließt euch an! Schließt euch an!" rufen sie den Polizeikräften zu. Natürlich ist auch von der "Pflicht zum Widerstand" die Rede, von der "Merkel-Diktatur" und "Unterdrückung".

Polizei geht mit Pfefferspray vor

Doch die Polizei hat nicht nur vor der russischen Botschaft gut zu tun, sondern auch vor dem Reichstag. Den versuchen Chaoten zu stürmen, die Polizei setzt Pfefferspray ein, um die Menge zurückzudrängen und die Tür zu schützen.

Derweil findet nicht weit davon, vor der Siegessäule, die Schlusskundgebung statt. Er sei überzeugt davon, sagt ein Redner, dass dieser 29. August ein historischer Tag sei. Der Tag, an dem die Menschen aufgewacht seien. Und daher sei auch absehbar, wie die "Straße des 17. Juni", deren Namen an den DDR-Volksaufstand vom 17. Juni 1953 erinnert, künftig heißen werde: "Straße des 29. August." (Birgit Baumann aus Berlin, 29.8.2020)