450 Menschen wurden am Sonntag auf der Insel Lampedusa in Sicherheit gebracht.

Ihr Boot hatte wegen des starken Windes zu kentern gedroht.

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Die Bewohnerinnen und Bewohner der Insel fühlen sich wegen der hohen Zahl überfordert.

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Einige von ihnen demonstrierten nach Aufruf der rechten Lega gegen die Ankunft der Geretteten.

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Blick aufs Meer nach der Explosion auf einem Flüchtlingsschiff.

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Rom – Vier Tote, zwei Vermisste und fünf Verletzte ist die vorläufige Bilanz einer neuen Flüchtlingstragödie, die sich am Sonntag vor der Küste der süditalienischen Region Kalabrien abgespielt hat. Ein Boot mit Dutzenden Migranten an Bord geriet während einer Rettungsaktion vor der Küste der Stadt Crotone in Brand und explodierte. Mindestens vier Migranten kamen dabei ums Leben.

Weitere zwei Menschen werden noch vermisst. Fünf Personen, darunter zwei Polizisten, die sich mit der Küstenwache an der Rettungsaktion beteiligten, wurden verletzt, berichteten italienische Medien am Sonntag. Drei verletzte Migranten schweben in Lebensgefahr und wurden mit schweren Brandwunden ins Krankenhaus eingeliefert. Über die Herkunft der Migranten gab es vorerst keine Angaben.

Zeugen: "Fürchterliche Szene"

Die Explosion wurde offenkundig vom Treibstoff an Bord ausgelöst. Die Migranten sprangen in Panik ins Wasser. Die Verletzten riefen vom Boot aus um Hilfe.

"Es war eine fürchterliche Szene", berichteten Urlauber, die vom Strand aus die Explosion beobachteten. Die Verletzten wurden zum nächstgelegenen Hafen Le Castella gebracht. Seit Samstag sind fast 80 Migranten an Bord von mehreren Booten in Kalabrien eingetroffen.

Ankunft auf Lampedusa

Italien ist seit Wochen wieder mit steigenden Flüchtlingsankünften konfrontiert. Rund 18.000 Migranten haben seit Jahresbeginn nach meist lebensgefährlichen Fahrten über das Mittelmeer Italien erreicht. Im Vergleichszeitraum 2019 waren es 4.878.

Die italienische Küstenwache hat also viel zu tun. So hat sie in der Nacht auf Sonntag ein Flüchtlingsboot mit etwa 450 Migranten an Bord in Sicherheit gebracht. Das Boot, das vier Kilometer vor Lampedusa lokalisiert wurde, drohte wegen des starken Schirokko-Windes und den hohen Wellen zu kentern, berichtete die Küstenwache. Die Migrantinnen und Migranten wurden auf der Mittelmeerinsel untergebracht. Schon zuvor hatte die Behörde 49 besonders gefährdete Menschen vom Schiff "Louise Michel" gebracht, das in eine Notsituation geraten war. Diesem Schiff nahm später die "Sea Watch 4" 150 weitere Personen ab.

Zusätzliche 500 Migranten hatten an Bord von 30 kleineren Booten zwischen Freitag und Samstag die Mittelmeerinsel erreicht. Dies löste den Protest einiger Inselbewohner unter der Leitung der ehemaligen Senatorin der rechten Lega, Angela Maraventano, aus. Sie versuchten, das Anlaufen der Schiffe in den Hafen zu verhindern. Maraventano forderte die sofortige Rückführung tunesischer Migranten.

Protestbrief in Tunesien

Der Bürgermeister von Lampedusa, Salvatore Martello, schrieb dem tunesischen Präsidenten Kaïs Saïed einen Protestbrief. "1.500 Menschen befinden sich in unserer Flüchtlingseinrichtung. Die Situation ist unerträglich", schrieb Martello, der mit einem "Streik" der ganzen Insel drohte.

Am Sonntag Abend wurde bekannt, dass die italienische Regierung drei Schiffe nach Lampedusa entsenden werde, die 300 Migranten von der Insel aufs Festland bringen sollen.

Zwei Quarantäneschiffe sind vor Sizilien und Lampedusa vor Anker, an Bord sind Hunderte Migranten, die wegen des Covid-19 isoliert werden müssen. Circa 18.000 Migranten sind seit Anfang 2020 in Italien nach Fahrten über das Mittelmeer eingetroffen. Im Vergleichszeitraum 2019 waren es 4.878.

Auch ein Todesopfer an Bord

Zugleich sind mehrere private Boote im Mittelmeer unterwegs. Darunter ist die vom Künstler Banksy unterstützte "Louise Michel". Die Besatzung der unter deutscher Flagge fahrenden "Louise Michel" hatte am Freitagabend um Hilfe gebeten. Das Schiff befand sich am Samstag südöstlich von Lampedusa.

Eine zehnköpfige Crew kümmerte sich den Angaben zufolge zeitweise um 219 Menschen an Bord des Schiffes, die bei Rettungsaktionen aufgenommen worden waren. 89 waren am Donnerstag gerettet worden, 130 weitere am Freitag. Weil das Schiff bereits voll war, mussten 33 von ihnen zunächst auf einer Rettungsinsel ausharren. An Bord befand sich auch ein Toter, andere Migranten waren verletzt. Das Schiff konnte sich nach eigenen Angaben nicht mehr sicher fortbewegen. Erst später halfen die italienische Küstenwache und dann die "Sea Watch 4".

Banksy kauft "eine Yacht"

Erst kürzlich war bekannt geworden, dass der geheimnisumwitterte Streetart-Künstler Banksy das Rettungsschiff unterstützt. "Er hat das Schiff finanziert und bemalt", hatte die Sprecherin einer Organisation, die eine eigene Website zur "Louise Michel" erstellt hat, bestätigt.

In einem neuen Video auf Instagram kritisierte der Künstler den Umgang der EU mit Flüchtlingen auf dem Mittelmeer. "Wie die meisten Menschen, die es zu etwas in der Kunstwelt gebracht haben, habe ich eine Yacht gekauft, um auf dem Mittelmeer herumzukreuzen", ist mit ironischem Unterton in den Untertiteln des knapp einminütigen Videos zu lesen.

Der Zusammenschnitt zeigt Fotos und Videosequenzen, die unter anderem die "Louise Michel" und schwarze Migranten im Wasser zeigen. Auf dem rosa bemalten Schiff ist auf einer Schiffswand ein Kunstwerk Banksys zu sehen: ein Mädchen mit Schwimmweste und einem herzförmigen Rettungsring. "Es ist ein Schiff der französischen Marine, das wir in ein Rettungsboot umgebaut haben, weil die EU-Behörden Notrufe von "Nicht-Europäern" absichtlich ignorieren", hieß es. (red, APA, 30.8.2020)