Die erhobene Hand mit den drei Fingern hat sich über die Sommermonate zum Symbol der jüngsten Demokratiebewegung in Thailand entwickelt. Die jungen Demonstranten fordern Neuwahlen.

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Maynu war nervös, als sie die Bühne betrat. Sie hat noch nie eine Rede in der Öffentlichkeit gehalten, schon gar nicht vor so vielen Leuten und mit so explosiven Inhalten. Die 18-Jährige absolviert gerade das letzte Schuljahr in Chiang Mai in Nordthailand. In dem Saal der lokalen Universität haben sich hunderte Studierende versammelt. "Ich hatte kein Skript und habe das meiste improvisiert", sagt die Schülerin, die lieber unter ihrem Alias mit dem STANDARD spricht. In ihrer Brandrede rief sie die Zuhörer auf, für echte Demokratie einzutreten. Sie beklagte das Scheitern des Bildungssystems und prangerte die Verfolgung Oppositioneller an – teils auch in Rap-Form, um Solidarität mit einem vor kurzem verhafteten Rapper von Rap Against Dictatorship zu zeigen.

Am Ende hielt sie ihre linke Hand in die Höhe, mit der Drei-Finger-Geste aus der TV-Dystopie Hunger Games. Die Geste wurde über die Sommerwochen zum Symbol der jüngsten Protestbewegung in Thailand. Unter Applaus taten es ihr die Zuhörerinnen gleich, um ihren Unmut gegen die Militärregierung von Premier Prayut Chan-o-cha zu zeigen.

Die Protestwelle hat bereits Anfang 2020 begonnen, wurde aber durch Corona unterbrochen. Seit Juni demonstrieren in mehreren Städten Thailands fast täglich wieder teils über 10.000 Menschen. Getragen sind die Proteste von Schülern und Studenten, die meisten unterstützen die drei Forderungen der Organisation Free Youth: Neuwahlen, das Ende der Verfolgung von Bürgern und eine neue Verfassung.

Stimmen gegen Monarchie

Chayaphol Danothai, ein 19-jährigen Politikwissenschaftsstudent in Bangkok, beantwortet Fragen lieber über Facebook. Denn zwischen Demos und Vorlesungen bleibt ihm kaum Zeit zum Telefonieren. Er engagiert sich in der Student Union of Thailand, deren Leiter jüngst festgenommen wurde. Auch gegen die Sprecherin der Gruppe liegt ein Haftbefehl vor. Sie hatte Mitte August eine Liste von zehn Forderungen verlesen, die noch viel weiter gehen als die drei von Free Youth: Sie kritisieren direkt die Monarchie – ein absolutes Tabu bisher.

Das Land hat eines der härtesten Majestätsbeleidigungsgesetze weltweit, bis zu 15 Jahre Haft drohen. Doch dieses Tabu bricht nun langsam auf. "In einem Land mit konstitutioneller Monarchie sollte Kritik normal sein – genauso wie bei den Briten und ihrer Monarchie", meint Maynu. Der direkte Angriff der jungen Generation auf die alten Institutionen stellt die Militärregierung vor Herausforderungen. In den vergangenen Wochen wurden dutzende Aktivisten und Künstler festgenommen, kritische Facebook-Gruppen wurden gesperrt. Erst am Freitag kam es wieder zu Zusammenstößen bei Demonstrationen in Bangkok. "Ich habe Angst, dass die Regierung Tränengas oder scharfe Munition einsetzen wird", sagt Chayaphol.

Oppositionspartei verboten

Maynu engagiert sich bereits politisch, seitdem sie zwölf ist. Damals, 2014, hat das Militär unter General Prayut die demokratisch gewählte Regierung gestürzt. Bei den ersten Wahlen seit dem Putsch, 2019, gewann Prayut eine große Mehrheit; das Ergebnis ist aber höchst umstritten. Als diesen Februar schließlich die Oppositionspartei Future Forward Party verboten wurde, formierte sich Widerstand unter den Jungen.

Gerade diese hatten die Partei sehr unterstützt. Schüler und Studenten gründeten unzählige Oppositionsgruppen wie zum Beispiel eben Rap against Dictatorship oder Bad Students, die mit ihrem Widerstand gegen strikte Haarschnittregeln an den Schulen für Aufmerksamkeit sorgten. Alle vereint die Forderung nach echter Demokratie im Land.

Corona-Krise verstärkt Proteste

Aufwind bekam die Protestbewegung durch die Corona-Krise, denn Thailand leidet stark unter dem Tourismuseinbruch. Besonders geärgert haben sich viele darüber, dass das Monarchiebudget während der Krise erhöht wurde, sagt Chayaphol. Er fordert ein Ende des Verschwindens von Regierungskritikern. Außerdem würde die Polizei in die Studentenheime kommen und ihnen drohen, erzählt er. "Wir können aber nicht nur sitzen und zuschauen, wie sie unser Land zerstören."

Auch Maynu will weiter demonstrieren: "Ich werde nie Angst haben, auch wenn ich inhaftiert werde." Sie beobachtet, wie sich in ihrem Umfeld kaum jemand traut, offen Kritik zu äußern: "Ich möchte ihre Stimme sein." Für den 19. September planen die Protestgruppen große Demonstrationen im ganzen Land. (Anna Sawerthal, 31.8.2020)